# taz.de -- Im Energiesparmodus durch die Kälte: Sie schlafen, weil sie schlafen
       
       > Die Nachbarskatzen machen vor, wie man unwirtliche Wintertage am besten
       > übersteht: in aller Ruhe und mit gefalteten Pfoten.
       
       Nach den Eiszapfen der Nachbarin vis-à-vis will ich schauen. Diese
       Winterwunder haben die Ostseite ihres holzgetäfelten Bauwagens in einer
       fremden, klirrend kalten Sprache überzogen. Oder sind es durchsichtige
       Strichlisten, mit denen der Winter seine Tage zählt? Die Nachbarin ist
       leider nicht da. Dafür die beiden Katzengeschwister, die mich durchs
       Fenster in ihren Bann ziehen.
       
       Was tun sie? Nichts. Das stimmt – und auch wieder nicht. Sie schlafen bei
       diesem strengen Frost. Denken nicht ans Rausgehen, nicht ans Mausen.
       Schlafen in aller Ruhe, auf einer gefalteten Wolldecke auf dem Tisch
       schlafen sie, eine oder beide Pfoten weit nach vorn zum Saum gestreckt. Sie
       schlafen, als gäbe es kein Morgen mehr, sie schlafen, weil sie schlafen,
       weil sie schlafen, weil sie schlafen. Weil für sie ein unwirtlicher Tag wie
       dieser ohne Schlaf vielleicht möglich, aber sinnlos wäre.
       
       Ich rufe sie durch die Scheiben. Die Kätzin öffnet wie in Zeitlupe ein
       Auge. Schließt es wieder – noch gemächlicher. Bettet ihr Kinn ein klein
       wenig anders. Und umarmt erneut den Tiefschlaf. Alles, was nicht „ihr
       Mensch“ ist – oder schläft –, ist jetzt nichts wert. Auch ihr Bruder denkt
       nicht daran, sich stören zu lassen. Was für ein intensiver Anblick. Ein
       doppelter Imperativ. Und ja, ich werde müde, selbst bei der Kälte hier
       draußen werde ich schlafangesteckt von den Schlafschwaden, die durch den
       Wagen zu wabern scheinen.
       
       Ein paar Tage später sehe ich beide Tiere im Freien. Nach der eisigen
       Großwetterlage stehen sie leicht aufgeplustert in den Pfützen des
       Tauwetters, wirken überrascht ob des unverhofften Wassertretens, vielleicht
       ein wenig unbeholfen. Dann aber schüttelt die Kätzin kurz eine Vorderpfote,
       schüttelt die Nässe, den Schlaf, den Winter aus ihrem Pelz. Und springt in
       kleinem Bogen durch ein Drahtquadrat des Hoftors, die erste Frühlingssonne
       fangend.
       
       25 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Primus
       
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