# taz.de -- Traumdeutung beim Blutabnehmen: Mit C. G. Jung zur Blutabnahme
> Aufgeschnappte Gespräche unter Medizinischen Fachangestellten führen zu
> tieferen Reflexionen über das eigene Leben.
MFA, Medizinische Fachangestellte – das geht mir nur schwer in den Kopf.
Ich denke immer noch Arzthelferin oder Sprechstundenhilfe. In dieser
Gemeinschaftspraxis sitzen meist vier MFAs hinter dem Tresen, heute nur
zwei. Entsprechend drängen sich die Patienten, manche nörgeln. Die
Besonnenen weichen in den Gang aus, der die einzelnen Sprechzimmer
verbindet.
Ab und zu schieben sich Ärztinnen oder Laboranten mit nach innen gekehrtem
Blick vorbei. Plötzlich ruft eine MFA fröhlich: „Ella!“ Es klingt, als
hätte sie die Kollegin, die gerade aus dem Labor kommt, schon ewig nicht
gesehen. „Ella, ich hab von dir geträumt.“ Jetzt merken die genervten
Patienten auf. „Ich hab geträumt, dass du gestorben bist.“ Sie lacht
herzlich, während Ella entsetzt um sich guckt, als sei ihr die Begrüßung zu
laut und zu intim, zumal einige der Wartenden empört aufgestöhnt haben. Sie
winkt mich schnell ins Labor und muss erst mal durchatmen. „Warum träumt
die so was?“
In der Berufsschule hätten sie sich immer gut verstanden, und außerdem sei
sie kerngesund. Ich erzähle ihr von C. G. Jungs Theorie: Alle im Traum
auftretenden Personen stehen für einen Wesenszug der Träumerin. Vielleicht
hat die also selbst gerade Angst zu sterben oder sie war kürzlich auf einer
Beerdigung. Das gefällt meiner MFA, sie spielt es gedanklich gleich mal am
Beispiel der letzten Nacht durch.
Im Traum hatte sie von ihrer Tochter verlangt, bessere Zensuren nach Hause
zu bringen – vielleicht, weil sie selbst lieber Ärztin als MFA geworden
wäre, fragt sie sich jetzt. Wir sind schon fertig, die Blutabnahme lief
ganz nebenbei ab. Ich schiebe mich auf dem Gang zur Garderobe vor und höre,
wie Ella ihrer Kollegin zuflüstert: „Ich will nicht, dass du stirbst.“
Jetzt steht das Entsetzen im Gesicht der Träumerin.
24 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Claudia Ingenhoven
## TAGS
(DIR) Kolumne Szene
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(DIR) Alltag
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