# taz.de -- Zu Hause shishen wir nicht: Ein Verb mit Migrationsgeschichte
       
       > Shishabars sind weit mehr als nur Orte, an denen geraucht wird. Sie
       > erzählen von Ankunft, Herkunft und Identität – und zwar über Generationen
       > hinweg.
       
 (IMG) Bild: Über die Generationen hinweg: Winter ist die Jahreszeit, in der viele shishen gehen
       
       Vergangene Woche hat mich ein syrisch-palästinensischer Freund in Hamburg
       besucht. Als Syrer ist es für mich selbstverständlich, dass ich meine Gäste
       einlade. Früher gingen wir ins Restaurant, heute ist es manchmal eine
       Shishabar, denn zu Hause shishen wir nicht.
       
       Ja, ich sage bewusst shishen. Ich habe einmal einem deutschen Bekannten
       eine Shisha mitgebracht. An seinem Geburtstag haben wir dann gemeinsam
       geraucht. Viele seiner Freund*innen waren da. Eine Frau kam zu uns,
       schaute irritiert und fragte: „Was macht ihr da? Shishen?“ Seitdem liebe
       ich dieses Wort. Es klingt wie ein Verb mit Migrationsgeschichte – ich
       hoffe, der Duden nimmt es irgendwann auf.
       
       Es war Winter. Und Winter ist die Jahreszeit, in der viele shishen gehen.
       Also sind wir nach Wandsbek gefahren. [1][Auf der Wandsbeker Chaussee gibt
       es inzwischen mehrere Shishabars] – fast wie auf der Sonnenallee in Berlin,
       wo zwei Bars nebeneinander ganz normal sind.
       
       Leider denkt man in Deutschland bei dem Wort „Shishabar“ zuerst an Razzien,
       Schüsse oder Polizeimeldungen. Wir sind trotzdem hingegangen, ohne viel
       nachzudenken. Ich selbst gehe nicht oft in Shishabars – nur, wenn ich
       Besuch habe.
       
       Die erste Bar am Freitagabend war voll. Wie immer. Nur ein kleiner Tisch
       neben der Tür war frei. Wir setzten uns, aber nach ein paar Minuten meinte
       mein Freund: „Lass uns woanders hingehen. Es ist nicht gemütlich.“ Also
       gingen wir drei Minuten weiter und fanden eine zweite Bar. Auch dort war
       fast alles besetzt, aber ein Tisch war frei. Wir nahmen ihn.
       
       Und dann begann das Beobachten
       
       Die neue Shishabar war luxuriös eingerichtet. Samt, Spiegel, goldene
       Details. Auch die Preise waren luxuriös. Es gab viel Alkohol. Viele Frauen
       saßen dort, oft nur unter Frauen. In der ersten Bar hingegen: nur Männer.
       Keine einzige Frau. Die Preise dort waren wie gewohnt.
       
       In beiden Cafés waren fast ausschließlich Menschen mit Migrationsgeschichte
       – Gäste, Kellner*innen, Betreiber*innen. Aber die Atmosphäre war
       unterschiedlich. In der ersten Bar hörte man Arabisch, Türkisch, Kurdisch
       und andere Sprachen – Deutsch nur selten. Auch der Kellner sprach dort mit
       uns auf Arabisch. In der zweiten Bar wurde fast nur Deutsch gesprochen. Mit
       Akzent, aber Deutsch.
       
       ## Kleidung erzählte eine Geschichte
       
       Am Nebentisch der zweiten Bar saßen junge Leute, vermutlich in Deutschland
       geboren. Eine arbeitete im Finanzbereich, einer im medizinischen Bereich
       und der dritte in der IT. Sie waren gut ausgebildet und selbstbewusst. Sie
       kamen hierher, um sich zu treffen, zu shishen und zu genießen. „Hier fühle
       ich mich nicht fremd“, sagte einer von ihnen.
       
       Auch die Kleidung erzählte eine Geschichte. In der ersten Bar trugen viele
       Alltagskleidung, manche Sportanzüge. In der zweiten Bar trugen fast alle –
       außer mir – Partykleidung. Ich nenne es Festkleidung. Vielleicht, weil ich
       aus Syrien komme.
       
       Dort trugen wir neue Kleidung nur zu religiösen Festen. In der Schule
       trugen wir Uniform. Zu Hause trugen wir einfache Kleidung, manchmal sogar
       auf der Straße. Partys kannten wir kaum. Zwei Feste im Jahr – das war's.
       
       ## Zwei Arten, in Hamburg anzukommen
       
       Auf den ersten Blick sind beide Shishabars gleich. Rauch, Musik, Tee,
       Apfelminze. Aber in den Details erkennt man: Die erste Bar gehört der
       ersten Generation. Hier wird mit Erinnerungen an die Heimat geraucht. Die
       zweite Bar ist ein Ort der [2][zweiten und dritten Generation]. Es ist eine
       traditionelle Shishabar, germanisiert mit Alkohol, Loungeatmosphäre und
       Luxuspreisen. Ein Ort für junge Menschen, die dazugehören wollen – ohne
       ständig Rassismus erklären zu müssen.
       
       Ein Freund erzählte mir, dass er gemeinsam mit seinen Freunden eines Tages
       nicht in eine Bar gelassen wurde. „Nur gemischt“, sagte der Türsteher. Mit
       einer Frau dabei hätten sie rein gedurft. Interessant: Die erste Generation
       kommt oft mit männlichen Freunden. Die zweite Generation kommt gemischt.
       Vielleicht ist das auch ein Grund, warum manche Syrer lieber zu Hause
       shishen.
       
       Wir blieben bis ein Uhr nachts. Wir redeten viel. Wir lachten viel. Auf dem
       Heimweg fragte ich mich: Was unterscheidet diese beiden [3][Shishabars]
       wirklich? Nur die Einrichtung? Oder sind es zwei Generationen, zwei
       Selbstbilder und [4][zwei Arten, in Hamburg anzukommen]?
       
       20 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Neuer-Roman-von-Leila-Slimani/!6146967
 (DIR) [3] https://www.hamburg.de/branchenbuch/hamburg/10244405/n0/
 (DIR) [4] /Syrische-Perspektiven-auf-Deutschland/!6147417
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hussam Al Zaher
       
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