# taz.de -- Entspannung lernen: Wer chillen will, muss rausgehen
> Ich dachte immer, dass Meditieren nichts für mich ist. Bis mir eine
> Schülerin zeigte, wie man richtig chillt.
(IMG) Bild: Ist das schon meditieren? Oder sitzt man einfach nur am Wasser?
Vor dieser Aufgabe habe ich mich lange gedrückt. Eigentlich war klar, dass
ich mit einer Kolumne, in der ich Ratschläge für ein besseres Leben teste,
nicht drumherum kommen würde. Ich meine, kaum ein Selfcare-Tipp ist so
basal wie [1][meditieren]. Entspannen, durchatmen, den [2][hektischen
Alltag kurz pausieren]. Klingt nach Wellness, aber nicht nach etwas für
mich.
Meditieren bedeutete für mich bisher immer, möglichst wenig zu denken,
während man möglichst aufrecht sitzt und möglichst gleichmäßig atmet. Setze
ich mich aber zu Hause auf den Teppich, sehe ich die Staubflusen unter der
Heizung, die Wäsche müsste endlich mal abgehängt werden, die Pflanzen
brauchen Wasser. Zusätzlich fallen mir zwölf Dinge ein, die ich lieber
machen würde: etwa eine Capri-Sonne am Späti holen, mich dehnen oder meine
beste Freundin anrufen.
Aber meine Kollegin hat mir ein Interview mit dem Meditationsmeister
Byung-jin Park geschickt. Er hat mit seiner Punkband die Space-Out
Competition 2025 im südkoreanischen Seoul gewonnen. Der
Meditationswettbewerb wurde 2014 von der Künstlerin Woopsyang gegründet, um
unsere schnelllebige Gesellschaft zu kritisieren, in der [3][bis zum
Burn-out] geackert wird.
Den Wettbewerb gewinnt, wer innerhalb von 90 Minuten am ruhigsten bleibt.
Dafür wird sogar die Herzfrequenz der Teilnehmer:innen gemessen. 90
Minuten sind für den Anfang zu viel, aber ich könnte es ja mal probieren,
sagt die Kollegin.
## Nur wie anfangen?
Die Effekte von Meditation lesen sich wie die Packungsbeilage eines
Allheilmittels, das erst noch erfunden werden muss: Stressreduktion,
verbesserte Konzentrationsfähigkeit, besserer Schlaf. Meditation kann sogar
bei Bluthochdruck helfen und das Immunsystem positiv beeinflussen. Es wird
Zeit, dass ich mich meinem persönlichen Endgegner stelle.
Für einen anderen Text muss ich nach Waren an der Müritz fahren und stehe
vor einem typischen Bahndilemma. Entweder bin ich eineinhalb Stunden vor
meinem Termin da oder fünfzehn Minuten, die mir zu knapp vorkommen. Aber
ich muss ja noch meditieren. Zu Hause ist das in eineinhalb Wochen nichts
geworden, meine Ausreden sind endlos. Ich bin spontan ins Kino gegangen,
habe lieber ein Zirkeltraining gemacht und durch Instagram gescrollt. Also
nehme ich es mir für die Pause vor dem Termin wirklich vor.
Ich setze mich auf eine Bank an der Müritz, die Sonne scheint. Wenn mir zu
langweilig wird, kann ich ja aufs Wasser schauen. Meditieren geht bestimmt
auch mit offenen Augen. Ich beobachte gerne, wie Wellen gegeneinander
schwappen, wie sich das Licht spiegelt, sich die Oberfläche durch den Wind
kräuselt. Aber die Müritz ist noch zugefroren. Auf der grauen Oberfläche
tut sich nichts. Also schließe ich doch meine Augen und höre den Vögeln zu.
Ich muss an gar nichts denken. Die Wäsche, der Staub, alles ist
kilometerweit entfernt. Manchmal kommt aus mir ein Seufzer, ich atme tief
ein und langsam wieder aus, obwohl ich das nicht wollte.
Nach gefühlten zehn Minuten schaue ich aufs Handy. 23 Minuten sind
vergangen und ich habe mich noch gar nicht gelangweilt. Mir fällt die
Schülerin ein, die ich mal gefragt habe, wie man richtig chillt. Sie hat
mir geraten, an einen third place zu gehen, also nicht das Zuhause, nicht
der Arbeitsplatz, sondern an einen neutralen Ort, da kann man am besten
entspannen. Sie hatte so Recht. Ich glaube, ich mag meditieren.
17 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Fichtner
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