# taz.de -- Täglich eine Geschichte: Meisterinnen der Miniatur
       
       > Unsere Autorin beginnt jeden Tag mit der Lektüre einer kleinen Geschichte
       > von Anita Daniel, Natalia Ginzburg oder Clarice Lispector. Wer sind diese
       > Frauen?
       
 (IMG) Bild: Anita Daniel im Jahr 1934
       
       Natalia trägt kaputte Schuhe. Und auch die Schuhe ihrer Freundin, mit der
       sie in Rom wohnt, sind kaputt. Anita fragt sich, warum der Prinz von Wales
       so traurig ist – und dann auch, warum er es nicht sein sollte. Schöner
       Prinz zu sein, sei nicht einfach, meint sie. Clarice wiederum stiehlt Rosen
       aus den Reichen-Villen ihrer Nachbarschaft in Recife, Brasilien. „Wer noch
       nie gestohlen hat, wird mich nicht verstehen, und wer noch nie Rosen
       gestohlen hat, ganz sicher nicht. Als Kind habe ich Rosen gestohlen“,
       schreibt sie.
       
       Etwas anderes, das Clarice als Kind jeden Tag macht: Sie badet vor
       Sonnenaufgang im Meer. Die ganze Familie ist dabei, sie nehmen die Tram um
       4.30 Uhr. Auf dem Rückweg leckt Clarice ihren Arm, er schmeckt nach Salz
       und Jod. Nie wieder wird sie so glücklich sein, wird sie eines Tages
       schreiben.
       
       Auch ich habe ein morgendliches Ritual. Gegen 7 Uhr koche ich Kaffee, gehe
       mit der Tasse zurück unter die vielen Decken, unter denen ich Sommer wie
       Winter schlafe, lege das Handy mit dem Display nach unten auf den
       Nachttisch, als läge es dort zur Buße. Dann nehme ich eines der drei Bücher
       auf meinem Nachttisch und lese ein Stück – eine kurze Erzählung, eine
       Miniatur.
       
       Das hatte ich mir vorgenommen: Jeden Tag mit einer Geschichte zu beginnen.
       Mit der Spitze meines Zeigefingers war ich über die Buchrücken im Regal
       gefahren und fand sie so wieder: drei meiner liebsten Autorinnen, drei
       Vorbilder. Die Bücher: „Die kleinen Tugenden“ von [1][Natalia Ginzburg],
       „Mondän ist nicht mehr modern“ von Anita Daniel und die spanische Ausgabe
       von „Aprendiendo a vivir“ („Leben lernen“) von [2][Clarice Lispector].
       
       Von Anita lass ich mich heute überzeugen, dass Taschen „erfreuliche Dinge
       sind“, denn „sie bieten einen praktischen Vorwand für etwas Hübsches“. Aber
       was ich von ihr vor allem bekomme, ist die Bestätigung, dass alles – selbst
       das Kleinste und Alltäglichste wie eben eine Handtasche – ein Thema sein
       kann, ein Thema ist, über das man schreiben kann. Was sie von tätowierten
       Männern hält, wie sie noch einen Winter aushalten kann, nichts ist banal,
       nichts ist uninteressant, auch jetzt nicht, Jahrzehnte nach ihrem Tod.
       
       ## Meisterinnen der alltäglichen Beobachtung
       
       Natalia wiederum gestand mir gestern, dass sie gerne eine Leidenschaft für
       Musik hätte. „Wenn ich die Musik geliebt hätte, hätte ich sie mit
       Leidenschaft geliebt, aber ich verstehe sie nicht.“
       
       Und noch vor zwei Tagen entdeckte Clarice die Unendlichkeit dank des ersten
       Kaugummis ihres Lebens, den ihr ihre große Schwester gab und für den sie
       Geld gespart hatte. „Pass auf, dass du ihn nicht verlierst, denn dieses
       Karamell geht nie zu Ende. Es hält ein Leben lang.“
       
       Nach dem Lesen und bevor ich das Haus verlasse, sehe ich den noch
       unausgepackten Koffer von meiner letzten Reise im Zimmer stehen und
       überlege, etwas über unausgepackte Koffer zu schreiben. So wie Anita sich
       fragt „Soll man Briefe zerreißen?“, würde ich mich im Text fragen, ob man
       unausgepackte Koffer tatsächlich irgendwann auspacken muss. Draußen vor der
       Tür reihen sich kleine Wodkaflaschen und ich frage mich, ob das Müll, ein
       Kunstwerk oder ein Witz von den Krähen ist, die gerade Sachen hin und her
       transportieren und irgendwo deponieren.
       
       „Danke Natalia! Danke Anita! Danke Clarice!“, denke ich dann.
       
       Alle drei waren Meisterinnen der alltäglichen Beobachtung. Sie
       dokumentierten ihr Leben und konnten sowohl über ihre Friseure schreiben
       als auch spürbar machen, wie schwierig es war, Frau und Schriftstellerin
       zugleich zu sein. Sie waren Ehefrauen und Mütter. Sie wurden weltweit als
       große Stimmen der Literatur anerkannt und bereisten die Welt. Ihren Beruf
       liebten sie mehr als alles andere. So schrieb es Natalia: „Mein Beruf ist
       es, Geschichten zu schreiben, erfundene Dinge oder Dinge, an die ich mich
       aus meinem Leben erinnere, aber in jedem Fall hat das nichts mit Kultur zu
       tun, sondern nur mit Erinnerung und Fantasie. Das ist mein Beruf, und ich
       werde ihn bis zu meinem Tod ausüben.“
       
       So wie die kleinen Freuden des Alltags kannten alle drei Autorinnen auch
       das große Leiden. Sie erlebten direkt oder indirekt antisemitische und
       faschistische Gewalt. Sie mussten fliehen und verloren geliebte Menschen.
       
       ## „Das ist das Leben, nicht die Bücher“
       
       Anita Daniel ging 1933 in die Schweiz ins Exil und 1939 nach New York. In
       einem Bild aus 1934 lacht sie elegant gekleidet in die Kamera, ist
       motorisiert in den Bergen unterwegs. Geboren wurde sie um die
       Jahrhundertwende in Rumänien. In Berlin schrieb sie für den Ullstein-Verlag
       und feierte 1925 erste Erfolge in [3][Die Dame], einem der
       einflussreichsten Magazine der Weimarer Republik. Ihre Feuilletons über
       „die moderne Frau“ zeichnete sie nur mit ihrem Vornamen – so wie viele, die
       der Bohème angehörten. Auch in New York schrieb sie für Zeitungen und
       Zeitschriften, darunter die Vogue und das jüdische Monatsmagazin Aufbau.
       1978 starb sie dort.
       
       Bereits ein Jahr zuvor war Clarice Lispector in Rio de Janeiro an Krebs
       gestorben – am Tag vor ihrem 57. Geburtstag. 1920 wurde sie in der Ukraine
       geboren, als sie noch ein Baby war, floh ihre Familie vor antisemitischen
       Pogromen nach Brasilien. 1944 veröffentlichte sie „Nahe dem wilden Herzen“,
       ihren Debütroman, der zur Sensation wurde. Clarice schrieb bis spät in die
       Nacht, rauchte viel und nahm Schlaftabletten. Eines Tages schlief sie mit
       einer Zigarette in der Hand ein. Das Haus brannte, sie versuchte, ihre
       Manuskripte aus den Flammen zu retten, und verlor beinahe ihre rechte Hand.
       
       Natalia Ginzburg wurde 1916 geboren, sie lebte ihr Leben lang in Italien.
       Als Jugendliche hatte sie die Verfolgung ihrer Brüder und ihres Vaters, die
       Mussolini-Gegner waren, miterlebt. 1943 wurde ihr Mann Leone Ginzburg von
       Gestapo-Soldaten in einem römischen Gefängnis ermordet.
       
       „Angesichts des Schreckens seines einsamen Todes, angesichts der quälenden
       Entscheidungen, die ihm vorausgingen, frage ich mich, ob das wirklich uns
       geschah, uns, die wir Orangen im Laden von Girò kauften und durch den
       Schnee spazierten“, schrieb sie über das Familienleben in den Abruzzen,
       wohin sie verbannt worden war.
       
       Obwohl sie nur das Schreiben genoss, musste Natalia nach dem Krieg auch als
       Lektorin und Übersetzerin für den Verlag arbeiten, der von ihrem Mann
       mitgegründet worden war, um ihre Kinder zu versorgen. Kurz vor ihrem Tod im
       Jahr 1991 verabschiedete sie sich von ihrem Urenkel: „Das ist das Leben,
       nicht die Bücher“, sagte sie ihm.
       
       Während Claire und Natalia oft über tragische Ereignisse ihrer Leben
       schreiben, sucht Anita die Leichtigkeit, das Glück. „Glück haben bedeutet
       auch: kein Unglück haben. Man vergisst das so oft“, schrieb sie 1942. Und
       im gleichen Text: „Großes Glück gibt es nur in der Erinnerung und in der
       Sehnsucht. Wer daneben ein bisschen Glück noch hat, kann sehr zufrieden
       sein.“
       
       Für mich ist es ein kleines großes Glück, jeden Tag eine Geschichte zu
       lesen. Warum ich das tue? Nur, um es zu tun. Wie Clarice mit den Rosen.
       „Und dann rannten wir zwei, die Rose und ich, blass, weit weg von dem Haus.
       Was tat ich mit der Rose? Nur das: Sie war meine (…) Es war so gut. Es war
       so gut, dass ich einfach anfing, Rosen zu stehlen.“
       
       19 Mar 2026
       
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