# taz.de -- Kreativität: Chillende Katzen und Gesichter im Fußboden
> Kreative Momente im Alltag machen nicht nur Spaß, sondern halten auch das
> Gehirn jung. Unsere Kolumnistin hat einige Taktiken ausprobiert.
(IMG) Bild: „Faule Katze“ – mit geschlossenen Augen eine schlafende Katze auf Papier tuschen…
Vor zehn Jahren entschied ich mich dagegen, einen künstlerischen Beruf zu
lernen, und gab mir gleichzeitig ein Versprechen: Im Alltag trotzdem
kreativ sein. [1][Töpfern], malen, Möbel reparieren, neu lackieren – ich
liebe es, etwas mit meinen Händen zu kreieren. Und trotzdem klappt mein
damaliger Vorsatz nur bedingt. Manchmal male ich einen ganzen Tag lang,
dann wieder Monate nicht.
Neulich stöberte ich in einem Museumsshop und begegnete einem Buch mit
kleinen Kunstübungen für jeden Tag: Mit Steinen, Blättern, Tannenzapfen ein
Bild legen. Mit einem Mopp auf den Asphalt ein Gesicht wischen und dabei
zusehen, wie es wieder verblasst. Kieselsteine bunt anmalen. Beim Blättern
durch das Buch war ich sofort begeistert und hätte am liebsten gleich einen
Stein bemalt und ihn als Gruß auf eine Parkbank gelegt.
Ein paar Sonntagabende später, das Gemüse backt im Ofen, raffen meine
Mitbewohnerin und ich uns endlich auf, die erste Übung zu machen, statt
weiter auf dem Sofa zu fläzen. Meine Lust auf mehr Kunst hatte ich zwischen
vielen Weihnachtspartys und [2][noch mehr Erkältungssymptomen] wieder
vergessen. Faule Katzen heißt die Übung, die wir aussuchen. Mit
geschlossenen Augen sollen wir Katzen in entspannten Posen auf ein Papier
tuschen.
Ich kreise den Pinsel in einem knalligen Orange und überlege, wie eine
Katze wohl chillt. Zusammengerollt wie eine Zimtschnecke vielleicht, ihren
Kopf legt sie auf dem Bauch ab. Ich tusche einen Kringel mit spitzen
Dreiecksohren und Barthaaren. Danach eine langgezogene, sich streckende
Katze. Eine Katze, die ihre Pfote schleckt. Als wir die Augen öffnen,
müssen wir sehr lachen. Die Katzen sehen völlig unförmig aus und
gleichzeitig total wie Katzen, dank der Ohren. Währenddessen brennt das
Ofengemüse leicht an.
Übung 2: Überall nach Gesichtern suchen. Zwei Spiegeleier in der Pfanne,
zwei einzelne Fenster auf einer Fassade. Gesichtspareidolie heißt die
Neigung unseres Hirns, die uns zum Beispiel im Mond ein Gesicht erkennen
lässt. Das ist eine leichte Übung. In vielen Kleiderhaken sehe ich
Tintenfische, die Schrauben sind die Augen, die Hänger die Tentakel. In den
Astlöchern des Bodens sehe ich Gesichter, im Milchschaum auch.
Zehn Minuten Katzen malen, nach Gesichtern Ausschau halten, ich bin
beglückt von diesen neuen kreativen Akzenten. Kreativität bewirkt aber noch
viel mehr, wie eine [3][im Oktober 2025 erschienene neurowissenschaftliche
Studie] zeigt. Forschende untersuchten die Auswirkungen von Kreativität auf
den Brain Age Gap, also den Unterschied zwischen tatsächlichem und
biologischem Alter. Hierfür wurde gemessen, wie gut die Hirnareale der
Teilnehmenden miteinander verknüpft sind.
Bei den kreativeren Probanden, die zum Beispiel Kunst machten, ein
Instrument spielten oder tanzten, waren die Gehirne bis zu sieben Jahre
jünger als bei den Unkreativen. Die Menschen mit kreativen Hobbys hatten
auch eine bessere Koordinationsfähigkeit und konnten visuelle Reize besser
verarbeiten.
Ich nehme das als Motivation, um bei meinen Kreativeinheiten zu bleiben. In
der Mittagspause lade ich meine Kollegin zur nächsten Aufgabe ein. Wir
sollen uns aus einer ungewohnten Perspektive selbst zeichnen. Ich male mich
von oben, wie ich am Schreibtisch sitze. Aber die Beine sehen eher aus wie
zwei Würste. Bis ich merke, dass mein Schuh nicht aus dem Oberschenkel
kommt. Ich zeichne den Unterschenkel dazu. Plötzlich entsteht ein Raum mit
Tiefe. Ein kleiner Triumph.
10 Jan 2026
## LINKS
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(DIR) [3] https://www.nature.com/articles/s41467-025-64173-9
## AUTOREN
(DIR) Sophie Fichtner
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