# taz.de -- 300. Geburtstag Immanuel Kants: Maximen, maximal
       
       > Vor 300 Jahren wurde der Philosoph Immanuel Kant geboren. Gründe zum
       > Gratulieren gibt es nach wie vor.
       
 (IMG) Bild: Spröde Erscheinung, mit feinem Witz: der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804)
       
       Soll man Kant heute noch lesen? Diese Frage will dieser Text eigentlich gar
       nicht beantworten. Er wird sowieso weiter gelesen, und das mit Gewinn. Dass
       er heute zum Teil aus anderen Gründen kontrovers betrachtet wird als zu
       Lebzeiten, gehört dazu.
       
       Potenziell an der Lektüre Interessierte muss man grundsätzlich warnen.
       Immanuel Kant macht es einem mit seinen Schriften erfahrungsgemäß schwer.
       Wie der Philosoph Jens Timmermann seiner Neuausgabe von Kants „Kritik der
       reinen Vernunft“ im Meiner Verlag, die dieses Jahr anlassgerecht in einer
       Jubiläumsausgabe erscheint, vorausschickt: „Kants Texte, die schon seine
       Zeitgenossen befremdeten und von denen uns mehr als 200 Jahre trennen,
       bleiben in jedem Falle gewöhnungsbedürftig.“ Auf dessen verschachtelten
       Stil verweist er mit der ironischen Bemerkung: „Unsere Sätze sind im
       Durchschnitt kürzer als die Kantischen.“
       
       Hinzu kommt ein für Philosophen typischer Sprachgebrauch, mit Begriffen,
       die Kant in der ihm eigenen umständlichen, auf Gründlichkeit bedachten
       Weise einführt. Am bekanntesten ist die von ihm begründete
       „Transzendentalphilosophie“, deren Großprojekt er mit seinem ersten
       Hauptwerk, der „Kritik der reinen Vernunft“, beginnt.
       
       ## Es gibt mindestens zwei Kants
       
       Kant gilt als spröde. Der Philosoph Arthur Schopenhauer bescheinigte ihm
       etwa eine „glänzende Trockenheit“. Dabei gibt es im Grunde mindestens zwei
       Kants. Am 22. April 1724 wird er in Königsberg in einfache Verhältnisse
       geboren, sein Vater war Riemermeister, ein Handwerk des lederverarbeitenden
       Gewerbes, die pietistisch geprägten Eltern fördern seine Erziehung. Erst
       Schule, dann Universität.
       
       Nach einer Zeit als Hauslehrer wird Kant Privatdozent. Der selbstbewusste
       junge Akademiker ist gesellschaftlich, wenn auch nicht finanziell,
       erfolgreich, in seinen Vorlesungen herrscht, so ein zeitgenössischer
       Bericht, „freyer Discours, mit Witz und Laune gewürzt“. Verschiedene
       Versuche, in Königsberg Professor zu werden, scheitern zunächst. Bis er
       1770, nach diversen Rufen an andere Universitäten, die er alle ablehnt, in
       Königsberg die Professur für Logik und Metaphysik erhält.
       
       Es folgen die sogenannte „kopernikanische Wende“ und ein immenses
       Arbeitsprogramm, weshalb Kant sich aus dem gesellschaftlichen Leben
       weitgehend zurückzieht und sehr strikte Alltagsroutinen einführt. Bloß
       mittags lädt er zu Tischgesellschaften in sein Haus, zu seiner einzigen
       Mahlzeit am Tag. Alles mit dem Ziel, sein philosophisches Werk, dessen
       Stationen er schon weit im Voraus plant, zu vollenden. Diesem veränderten
       Lebensstil verdankt sich in erster Linie das Bild eines preußischen
       Pedanten.
       
       ## Philosophie ohne „bullshit“
       
       Bei Kant unterscheidet man zwischen „vorkritischen“ und „kritischen“
       Schriften. Die Hauptwerke aus der zweiten Phase sind die drei „Kritiken“:
       die erkenntnistheoretische „Kritik der reinen Vernunft“, die „Kritik der
       praktischen Vernunft“ zur Ethik und die „Kritik der Urteilskraft“, sein
       ästhetisches Hauptwerk. „Kritik“ bezeichnet bei Kant einerseits das
       gebräuchliche Beanstanden von etwas, andererseits ist diese Kritik für ihn
       ein analytisches Verfahren, um „verworrene Erkenntnisse aufzulösen“, sie
       charakterisiert mithin seine philosophische Methode.
       
       Mit seinem philosophischen Projekt wollte Kant damals zwischen dem
       „französischen“ Rationalismus der Aufklärung und dem „britischen“
       Empirismus vermitteln. Wo die Rationalisten Wissen als das bloße Resultat
       reinen Denkens betrachteten, stammte für die Empiristen alle Erkenntnis aus
       Erfahrung. Kant widersprach beiden Positionen und verband sie dabei in
       einer Weise, dass reines Denken einerseits bei ihm zur Voraussetzung wird,
       um Erfahrung zu bewerten. Ohne Letztere kann laut Kant andererseits aber
       auch kein Wissen zustandekommen.
       
       Seine Transzendentalphilosophie setzt sich daher zum Ziel, die „Bedingungen
       der Möglichkeit von Erkenntnis“ zu bestimmen. Seine Leitfrage ist: „Was
       kann ich wissen?“ Kant lotet so die Grenzen der menschlichen Vernunft aus,
       und zwar in der Absicht, all das aus dem Gebiet der Philosophie zu
       verbannen, was heute unter „bullshit“ rangieren würde. Seine
       zeitgenössischen Leser stieß das zum Teil kräftig vor den Kopf.
       
       ## Kant gegen die Neurowissenschaften
       
       Auch wenn erkenntnistheoretische Fragen in der Philosophie nach Kant
       mitunter anders gestellt wurden, erinnern Philosophen regelmäßig an die
       Vorzüge seiner Vermessung des Erkenntnisraums.
       
       Als in der Debatte um Willensfreiheit im Zeitalter der Neurowissenschaften
       die naturwissenschaftliche Position popularisiert wurde, die Hirnströme
       regelten alles unter sich, ohne freien Willen, verwiesen philosophische
       Kritiker auf Kants Position: Der hatte schon gegenüber deterministischen
       Modellen wie dem Spinozas, das überall in der Welt nur Kausalität und
       nirgendwo Freiheit am Werk sieht, die Freiheit als das Vermögen bestimmt,
       „eine Reihe von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen“, mithin spontan
       Kausalketten zu verursachen.
       
       Wenn eine Wissenschaft wie die Hirnforschung ausschließlich Kausalität
       beobachtet, sagt das, mit Kant gesprochen, eher etwas über die Grenzen des
       Gegenstandsbereichs und der Methoden dieser Forschungsdisziplin aus.
       
       ## Ethik als richtige „Denkungsart“
       
       [1][Der Ansatz von Kants Ethik ist ähnlich radikal]. Mit seiner „Kritik der
       praktischen Vernunft“ bringt er moralische Fragen auf ein neues
       menschliches Maß, indem er vorgegebene Ziele, auf die sich andere Ethiken
       vor ihm stützen, ablehnt. Weder Gottes Wille noch ein höchstes Gut, wie es
       in der antiken Philosophie postuliert wurde, erscheinen ihm als Kriterien
       für eine richtige „Denkungsart“ geeignet.
       
       Für ihn taugt als Instanz der Ethik allein die Vernunft, die Freiheit
       ermöglicht. Ihre Form findet die Freiheit durch das „moralische Gesetz“, im
       Singular wohlgemerkt. Diese moralische Selbstverpflichtung aus Freiheit
       bringt er im „kategorischen Imperativ“ auf eine Formel. In der „Kritik der
       praktischen Vernunft“ lautet er: „Handle so, daß die Maxime deines Willens
       jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten
       könne.“
       
       Dieses Prinzip, bei dem es um selbstgewählte Maximen als Grundlage des
       Handelns geht, erfordert stets eine Prüfung, ob die Maxime für alle
       Menschen gültig sein könnte. Man spricht daher auch von Kants
       „Universalismus“. Die Maximen müssen so gewählt sein, dass jeder Mensch
       damit als „Zweck“ behandelt wird und nicht als „Mittel“: Jeder Mensch ist
       durch seine Freiheit ein Zweck „an sich“ und darf nicht als Mittel
       instrumentalisiert werden.
       
       Doch obwohl sich der kategorische Imperativ als abstrakte Formel
       präsentiert, reicht es für Kant nicht, nur der Form nach seine Pflicht zu
       erfüllen. Man muss zugleich dem eigenen Willen nach „aus Pflicht“ handeln,
       um ethisch zu handeln. Dass sich der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf
       Eichmann in seinem Prozess in Israel auf den kategorischen Imperativ
       berief, um seine Holocaustverbrechen zu legitimieren, ist der perfideste
       Fall eines Versuchs, Kants formale Ethik zu missbrauchen.
       
       ## Universalismus und Rassismus
       
       Dieser formalistische Ansatz ist zunächst von Hegel und später von anderen
       Philosophen kritisiert worden. Er wird jedoch wiederkehrend neu verteidigt.
       In den neunziger Jahren machte sich etwa der Philosoph Slavoj Žižek für den
       kategorischen Imperativ stark, heute verteidigen die Anhänger von Kants
       Universalismus ihn gegen [2][Kritiker, die rassistische, antisemitische
       oder misogyne Aussagen in seinen Schriften zum Anlass nehmen zu fragen, ob
       Kant seine Ethik wirklich unterschiedslos für alle Menschen gedacht hat].
       
       Kant wird dann wahlweise gegen die Strömung des „wokeism“ in Stellung
       gebracht oder als erster woker Philosoph gehandelt. Daraus die Konsequenz
       zu ziehen, Kants Ansatz für gescheitert zu erklären, ist allerdings ebenso
       vorschnell wie die Reaktion, es handle sich bloß um einen Widerspruch in
       Kants Werk.
       
       Die Frage, die mit dieser Kritik aufgeworfen wird, stellt einen klassischen
       Einwand gegen Kant in einen aktuellen Zusammenhang: Sein
       abstrakt-universalistischer Ethik-Entwurf kann im Zweifel nicht verhindern,
       dass man über der allgemeinen Formel, die Kant als geistige Orientierung
       bietet, blind wird für Details der Wirklichkeit.
       
       Ob sich der Universalismus als philosophisches Projekt damit als solcher
       erledigt hat, ist gleichwohl eine offene Frage. Ein Kommilitone aus dem
       Philosophiestudium brachte die Schwierigkeiten mit Kants Ethik einmal so
       auf den Punkt: „Kant doesn’t work in a f***ed up situation.“
       
       Ungeachtet dessen hat Kant wichtige politische Impulse gegeben, die bis in
       die Gegenwart reichen: Die Charta der Vereinten Nationen von 1945 ist stark
       angeregt durch seine Schrift „Zum ewigen Frieden“. Deren Titel ist ironisch
       gemeint – Kant hatte, entgegen einem gängigen Vorurteil, feinen Witz.
       
       Kant, sonst nicht als Aphoristiker bekannt, hat in seinem Nachlass übrigens
       eine Charakterisierung des philosophischen Arbeitens gegeben. Sie hat
       Bestand, im Guten wie im Schlechten: „Philosophische Augen sind
       mikroskopisch. Ihr Blick sieht genau, aber wenig, und seine Absicht ist
       Wahrheit.“
       
       22 Apr 2024
       
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