# taz.de -- Debatten über das Auswandern: Wohin, wenn es so weit ist?
       
       > Im Winter kehrt unsere Kolumnistin nach Deutschland zurück. In diesem
       > Jahr stellt sie fest: Viele denken über das Auswandern nach, ganz
       > konkret.
       
 (IMG) Bild: Widerstand leisten? Deutschland verlassen? – Zug am Bahnhof von Bozen Italien
       
       Winterzeit ist für mich Deutschlandzeit. Während ich einen Teil der Sommer
       [1][in Apulien] verbringe, kehre ich in der kalten Jahreszeit meist heim,
       voller widersprüchlicher Empfindungen. Es ist euphorisierend,
       Freund:innen wiederzusehen, die Kulturszene aufzusaugen, an einem Ort zu
       sein, den man perfekt versteht, ohne aufzufallen oder sich erklären zu
       müssen.
       
       Gleichzeitig erlebt man mit Blick von halb-außen die schlimmen Dinge klarer
       und den Niedergang drastischer: die immer martialischeren deutschen
       Grenzbeamt:innen, die Verelendung und Wohnungslosigkeit in den Städten, die
       horrenden Preise, die zunehmend vorsichtigen Gespräche mit Fremden, um ja
       kein polarisierendes Thema anzuschneiden. Jedes Mal, wenn ich wiederkomme,
       erschrecke ich. Sicher, es gibt die Phänomene auch anderswo, beim
       Heimatland tut es wohl einfach mehr weh.
       
       Dieses Mal jedoch ist etwas anders. Die [2][Debatten übers Auswandern] sind
       konkreter geworden. Schon früher hat es Neugierde geweckt, dass ich ein
       kleines Ferienhaus mit Land in Italien habe. Schon früher gab es diese
       „Wenn die AfD an die Macht kommt, dann …“-Überlegungen. Aber angesichts von
       eskalierendem Faschismus, Kriegen, Klimakollaps sind die Fragen plötzlich
       konkret und ernst.
       
       Freund:innen, Kolleg:innen, auch Fremde fragen mich, wie ich im Ausland
       dies oder jenes regele. Sie berichten von Überlegungen, Deutschland zu
       verlassen. Ob man geht oder Widerstand leistet. Andere ziehen in Betracht,
       sich ein Stück Land zuzulegen, für den Kriegsfall. Eine Freundin überlegt,
       ob sie im Zweifel weiß genug aussieht, um Deportationen zu entgehen. Das
       Spielerische ist weg. Und obwohl Italien wahrlich keine faschismusfreie
       Alternative ist, obwohl das Mittelmeer im Klimakollaps vielleicht nicht die
       klügste Wahl war, bin ich unendlich dankbar für ein abgelegenes Stück Land,
       wo wohl keine Bomben fallen, man sich selbst versorgen kann, nicht vom
       Vermieter abhängt. Krasse Zeiten.
       
       Im Ausland treffe ich die, die einen Schritt weiter sind. Als Deutsche übt
       man dort auf kaum etwas so viel Anziehungskraft aus wie auf andere
       Deutsche. Wenn ich frage, warum sie ausgewandert sind oder es vorhaben,
       höre ich auch hier oft: „Es wird ja immer schlimmer in Deutschland.“ Ich
       nicke dann, aber was genau das Gegenüber meint, das variiert gewaltig: Die
       Steuern, die politische Korrektheit, die AfD, die Ausländer, die
       Arztleistungen – als lebten sie in anderen Deutschlands.
       
       Dann möchten die Deutschen sich verabreden und mit wissendem Lächeln über
       „die Italiener“ auslassen. Denn in Deutschland mag zwar alles immer
       schlimmer werden. Aber natürlich ist es dort am besten.
       
       5 Feb 2026
       
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