# taz.de -- Rätsel auf Reisen: Der American Dream von Montenegro
> Unsere Kolumnistin sieht im montenegrinischen Plav verschleierte Frauen,
> Grillrestaurants mit Fleischplatten, viele US-Flaggen. Was ist hier los?
(IMG) Bild: Im montenegrischen Plav machen Muslime etwa zwei Drittel der Bevölkerung aus
Die Szenerie scheint einem kindlichen Wimmelbild entnommen. An einem
traumhaft naturbelassenen Seeufer mit dichtem Schilf führt nur ein Holzsteg
zum Wasser. Menschen strömen darauf entlang, während Getränkeverkäufer ihre
Waren feilbieten, Mütter sich für ein paar ruhige Minuten sonnen und
Blässhühner herumpaddeln.
Der Plav-See im Südosten [1][von Montenegro] ist an Sommertagen wie diesen
das Herzstück des gleichnamigen Orts, und überall gibt es etwas zu sehen.
Jungs, die sich lässig-spektakulär von einem wackeligen Sprungturm stürzen.
Tobende Kinder in einem Hüpfburgen-Wasserpark.
Ein paar ältere Männer, die als Einzige das kalte Bergwasser aushalten.
Tretboot fahrende Familien. Und ständig höre ich: US-Englisch. In jeder
Ecke sprechen Kinder und Jugendliche in breitem amerikanischem Slang.
Kurios, Montenegro scheint mir keine Kerndestination von US-Tourist:innen
zu sein. Ein Rätsel also, wieder eines.
Jeder Ort hat Geschichten. Die Formulierung ist abgedroschen, aber halt
auch wahr. Und die Rätsel dieser Orte zu lösen, ist eines der schönsten
Dinge am Reisen. Klar kann man sich auch vorher Wikipedia durchlesen, aber
wo bliebe die Überraschung? Wir verbringen eine Woche in Plav, einer
hübschen Kleinstadt, die auffällig wohlhabender aussieht als ihre Umgebung.
Sie ist auch sonst recht eigen.
## In Gärten wehen US-Flaggen
Muslime machen etwa zwei Drittel der Bevölkerung aus, es gibt zudem eine
große albanische Minderheit. Neben Holzmoscheen und mitunter verschleierten
Frauen verbreitet der Ort auch Post-Jugo-Flair: Grillrestaurants mit
riesigen Fleischplatten, junge Männer, die abends auf der Promenade ihre
Karren zur Schau fahren.
Dazu kommen immer wieder die USA. Viele Autos sind US-Fabrikate mit
amerikanischen Kennzeichen, in Gärten wehen US-Flaggen, Männer tragen Stars
and Stripes. Was ist hier los?
Ein Restaurantbesitzer erzählt darauf die jüngere Geschichte von Plav.
Während des [2][Zerfalls von Jugoslawien] in den 1990ern seien vor allem
viele muslimische Bewohner:innen aus Angst vor antimuslimischer Gewalt
in die USA geflüchtet, oft illegalisiert über Mexiko. Schlicht jede:r in
Plav habe Verwandte drüben.
Und in New York gründeten viele Familien höchst erfolgreiche
Steakrestaurants. All die schicken Häuser und importierten Autos im Ort
seien ihre, die Ausgewanderten kämen über den Sommer zu Besuch. Ein
American Dream, wie er heute vielleicht nicht mehr möglich wäre. Der nicht
nur New York prägte, sondern auch grundlegend den Heimatort veränderte.
Was für eine Geschichte. Und ein gelöstes Rätsel, wieder eines.
6 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Deutsch-montenegrinische-Geschichte/!6086054
(DIR) [2] /Balkan-Korrespondent-ueber-den-Jugoslawienkrieg/!5896694
## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
## TAGS
(DIR) Kolumne Hin und weg
(DIR) Reiseland Montenegro
(DIR) Montenegro
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Berlin-Tegel
(DIR) Kolumne Krieg und Frieden
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Wadephuls Westbalkan-Reise: Der Westen sollte endlich Ja sagen
Die Westbalkanstaaten brauchen eine verbindliche Perspektive für die EU.
Und Serbiens Präsident Vučić wird nicht ewig Präsident sein.
(DIR) Projekte von geflüchteten Ukrainerinnen: Tausche Tegel gegen Kunst
Der Verein Blindspots in der Geflüchtetenunterkunft Tegel Kunstkurse in
angeboten. Kann Kultur das schwierige Leben dort erträglicher machen?
(DIR) Tagebuch aus Kasachstan: Wie sollte man dem Staat vertrauen?
Als Kasachstan beschloss, häusliche Gewalt sei keine Straftat mehr, ging
die Zahl der Delikte nach oben. Menschenrechtsinitiativen müssen weichen.