# taz.de -- Neues Buch von Judith Hermann: „Die Leerstelle ist nicht beschreibbar“
       
       > Judith Hermann hat die Spurensuche nach ihrem Großvater, der bei der
       > Waffen-SS war, verschriftlicht. Wie schreibt man über das Schweigen in
       > der eigenen Familie?
       
 (IMG) Bild: Die Autorin und Enkelin Judith Hermann
       
       taz: Frau Hermann, Ihr neues Buch heißt „Ich möchte zurückgehen in der
       Zeit“. Sie möchten zurückgehen in der Zeit, um was zu tun? 
       
       Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit, um Zeit aufzuheben. Es
       ist unmöglich, in der Zeit zurückzugehen, und die Vorstellung, es dennoch
       tun zu können, bedeutet, die Zeit dazu zu bringen, die Waffen zu strecken?
       Die Zeit ist unzugänglich, sie ist entweder Vergangenheit oder sie ist
       Zukunft. Zurückzugehen in der Zeit hieße, sich die Zeit zugänglich zu
       machen, um Zusammenhänge herstellen zu können zwischen dem Heute und dem
       Damals.
       
       taz: Ihr Buch kreist um Ihren Großvater mütterlicherseits, der bei der
       Waffen-SS gewesen ist, ein offenes Geheimnis in Ihrer Familie. Sie
       schreiben, dass er für Sie in einer Art Zwischenwelt lebt und fragen sich,
       ob Sie ihn erlösen, indem Sie über ihn nachdenken. Würden Sie das denn
       gern? 
       
       Hermann: Nein, ich würde ihn nicht erlösen wollen. Aber ich habe durchaus
       befürchtet, ihn unfreiwillig zu erlösen, schlicht, indem ich mir Gedanken
       über ihn mache. Ich wollte ihn nicht erlösen, sondern im Gegenteil
       hervorholen und ausliefern.
       
       taz: Im Buch erzählen Sie von Ihrer Reise ins polnische Radom, in dem Ihr
       Großvater höchstwahrscheinlich an Massenmorden beteiligt war, dann von
       Ihrem Besuch bei Ihrer Schwester in Italien. Hätten Sie auch von anderem
       erzählen können, um über Ihren Großvater zu schreiben? 
       
       Hermann: Jedes Buch gelangt Satz für Satz an eine Weggabelung, an der sich
       die Dinge in diese oder jede Richtung entwickeln können. Jedes Buch
       entscheidet sich also Satz für Satz. Aber diese Entscheidung fälle nicht
       nur ich, die fällt auch der Text und tatsächlich entscheiden auch die
       Protagonisten dieses Textes. Fakt ist, dass das Buch aus drei Teilen
       besteht und der erste ist durchaus autobiografisch. Der Weg zu meinem
       Großvater führte über das Schweigen meiner Mutter hin bis nach Radom. Ich
       konnte diesem Schweigen meiner Mutter nur an einem konkreten Ort nachgehen.
       Der Fortgang des Buches hat sich aus diesem autobiografischen Material
       ergeben – ich hätte von nichts anderem erzählen wollen. Nicht erzählen
       können.
       
       taz: In Kritiken zu diesem Buch wurde Ihnen das „Literarisieren“ des Falls
       vorgeworfen, dass Sie kreisen würden um diese Leerstelle, die Ihr Großvater
       war, anstatt hineinzustechen. Aus welchem Impuls heraus haben Sie sich mit
       Ihrer Familiengeschichte beschäftigt, der nicht nur im Älterwerden Ihrer
       Mutter bestand, wie Sie eingangs des Buchs schreiben? 
       
       Hermann: In eine Leerstelle kann man nicht hineinstechen? Man stößt auf
       nichts, es ist nichts darin, was in Worte zu fassen wäre. Die Leerstelle
       ist nicht beschreibbar, sie ist im historischen Sinn unbeschreiblich. Ich
       glaube, Teil des Problems ist die Erwartung einer Aussage. Ich darf hier
       nicht persönlich sein, ich sollte etwas Übergeordnetes sagen. Ich kann aber
       nichts Übergeordnetes sagen, ich kann nur über dieses weiterhin offene,
       weiterhin schreckliche Geheimnis meiner Familie wiederholt nachdenken, und
       ich meine zu wissen, dass meine Motivation trotz allem richtig ist. Es ist
       kein Buch über eine historische, allumfassende Aufarbeitung. Es ist ein
       Buch über das Schweigen und den Umgang mit dem Schweigen in der Familie.
       
       taz: Es ist ein Buch über das Schweigen, aber Sie drängen Ihre Familie auch
       nicht, das Schweigen zu brechen, zumindest schreiben Sie davon nicht. 
       
       Hermann: Ja, ich dränge meine Familie nicht. Ich nehme nicht an, dass es
       Sinn machen würde, sie zu drängen. Ich bin in diesem Buch paradoxerweise
       auch eine Anwältin meiner Mutter. Meine Mutter hat ihren Vater verloren,
       als sie volljährig wurde, in den Jahren davor war er abwesend, ihre Eltern
       hatten sich getrennt. Meine Mutter hatte für eine Anklage ihrerseits nicht
       viel Gelegenheit gehabt, ich möchte das erwähnen, es gehört zu ihrem Umgang
       mit ihrem Vater dazu. Natürlich wäre ich innerhalb meiner Familie mit den
       Fragen zu meinem Großvater mehr als gern weniger allein. Ich werde nicht
       aufhören, das Gespräch mit den anderen zu suchen, das Buch ist Teil dieses
       Versuchs. Was sich daraus ergeben wird, findet dann außerhalb des Buchs
       statt. Danach.
       
       taz: Niemand kann etwas dafür, wo, wann und von wem er geboren wird.
       Besteht die Verantwortung, seine eigene Herkunft in den Blick zu nehmen,
       darin, sie zu versuchen zu verstehen oder sie bloß offenzulegen? 
       
       Hermann: Offenlegen und Verstehen scheinen mir zwei verschiedene Schritte
       auf einem Weg zu sein. Sie haben eine Reihenfolge – offengelegt zu haben,
       dass mein Großvater an der Auflösung des Radomer Ghettos beteiligt gewesen
       ist, ist ein Anfang und heißt aber in keiner Weise, zu verstehen, dass er
       daran beteiligt gewesen ist. Aus diesem Anfang entwickeln sich unzählige
       Fragen. Zum Beispiel die Frage, wie es möglich gewesen ist, dass er nach
       dem Krieg in seine Familie zurückgekehrt ist, ein ganz normales Leben
       geführt hat, sozial eingegliedert gewesen ist. Die Suche nach einer
       Erklärung beginnt nach dem ersten Schritt, nach der Kenntlichmachung, der
       Offenlegung der Herkunft. Und für diese Offenlegung empfinde ich
       Verantwortung, ja.
       
       taz: In meiner Vorstellung schreibt man im Bewältigen der Vergangenheit die
       Dinge von sich weg; man beschreibt sie, um sich von ihnen zu lösen. Bei
       Ihnen erfolgt die Bewegung offenbar andersrum, Sie schreiben sich die Dinge
       heran, mehr Dinge hinzu. 
       
       Hermann: Ich schreibe Dinge auf, um sie aufzuheben, um sie zu bergen und
       dann in gewisser Weise abzuschließen. Aufschreiben macht Geschichten zu
       geschlossenen Fällen, zumindest für mich. Bei diesem Buch ist das
       tatsächlich andersherum. Es ist nicht das Ende der Begegnung und erst recht
       nicht das Ende der damit verbundenen Geschichte.
       
       taz: Sie schreiben, dass das Buch scheitern muss, wenn Sie über Ihren
       Großvater, diese Leerstelle schreiben. Wer entscheidet eigentlich über das
       Scheitern; Sie oder die Leser:innen? 
       
       Hermann: Nun – ich sehe es so, dass das Buch auf eine Weise scheitern muss.
       An der Leerstelle in seinem Zentrum scheitern muss. Es ist also ein
       gescheiterter Text und dennoch – ein Text. Das Scheitern gehört zum Text
       dazu, es ist immanent. Die Alternative wäre gewesen, gar keinen Text zu
       schreiben. Ich habe diese Alternative nicht als richtig empfunden.
       
       taz: Entsteht durch die Beschäftigung mit dem eigenen Leben eine andere Art
       von Verantwortlichkeit als beim Schreiben fiktionaler Texte? In Ihren
       Frankfurter Poetikvorlesungen nennen Sie ein eigentlich banales Beispiel,
       Sie schreiben, wie Sie ein Treppenhaus hochsteigen, ohne den Lichtschalter
       zu betätigen und schreiben weiter, dass Sie das in einer Erzählung einfach
       so stehen gelassen hätten und nicht begründet. Sie begründen es auch in der
       Vorlesung nicht, aber Sie weisen zumindest hin auf diese Konstruiertheit. 
       
       Hermann: An und für sich habe ich eine Verantwortung mir selbst gegenüber,
       dem Text gegenüber und eine für seine Figuren. Wenn ich also weiß, warum
       ich den Lichtschalter nicht betätige, ist das ausreichend, ich muss es aber
       explizit wissen, ich müsste es im Ernstfall vor mir selber dezidiert
       begründen können, dann darf ich es als Stilmittel anwenden. Kann ich es
       nicht begründen, muss ich verzichten. In diesem Buch aber gibt es über
       diese Eigenart hinaus nun eine ganz andere, vielleicht eine neue
       Verantwortung, die ich noch nicht formulieren kann. Ich nehme an, dass sich
       das ändern wird.
       
       taz: Ich lese aus den negativen Kritiken auch einen gewissen moralischen
       Anspruch heraus, dass aus der Spurensuche in der eigenen Familie mehr
       folgen müsste. Wobei diese Folgen meist persönlicher, menschlicher Art
       sind. An den Verhältnissen, dass der Wohlstand in diesem Land heute zu
       großen Teilen auf dem Nationalsozialismus fußt, [1][auf Unternehmen, die
       von Enteignungen und dem Morden profitiert haben,] ändert sich dadurch eher
       weniger. Sie schreiben im Buch, dass Sie „Die Unfähigkeit zu trauern“ von
       Alexander und Margarete Mitscherlich lesen. Laut den Autor:innen lenkten
       sich die Deutschen von der Aufarbeitung mit der NS-Zeit mit dem sogenannten
       Wirtschaftswunder ab. 
       
       Hermann: Nach Mitscherlich ist die Energie und die Kraft, die für
       Aufarbeitung gebraucht worden wäre, ins Wirtschaftswunder eingegangen, ja.
       Das ist eine ausgesprochen unheimliche Vorstellung für mich. Der moralische
       Anspruch mancher Kritiker ist in Ordnung, ich kann ihm nicht gerecht
       werden, und ich will ich ihm auch gar nicht gerecht werden. Dennoch scheint
       es so zu sein, dass es durch die unerfüllte Erwartung doch zu einer
       Auseinandersetzung gekommen ist, zu einer Kommunikation. Wie kann über den
       Nationalsozialismus in der dritten, in der vierten Generation nachgedacht
       werden, wie kann über ihn gesprochen, geschrieben werden? Ich habe den
       Eindruck, dass wir alle noch immer ganz am Anfang der sogenannten
       Aufarbeitung stehen.
       
       14 Mar 2026
       
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