# taz.de -- Neuer Roman von Michael Wildenhain: Gangs of Schöneberg
> Michael Wildenhain kratzt den Schorf von den Wunden der Geschichte: Sein
> neuer Roman erzählt vom Heranwachsen im Westberlin der späten sechziger
> Jahre.
(IMG) Bild: Westberlin erscheint als abseitiger Ort, von dem aus sich ein Netz von Bezügen spannt: Jugendliche in den sechziger Jahren
Ein schrundiger Roman. Rau, voller Risse und Gerüche. Er passt sehr gut in
unsere härter gewordene Zeit. Auch die Rückblicke könnten dann härter
werden.
[1][Der Schriftsteller Michael Wildenhain] erzählt in seinem neuen Roman
„Das Ende vom Lied“ vom Westberlin der späten sechziger Jahre, Belziger
Straße, nicht weit weg vom Rathaus Schöneberg, auf dessen Balkon John F.
Kennedy behauptete, ein „Bährliner“ zu sein. Wenn man nur die tragenden
Elemente aufzählte, mit denen der 1958 geborene Autor hier operiert, würde
das ein grundfalsches Bild von dem Buch vermitteln.
Coming-of-Age, herumlungernde Jugendliche auf Hinterhöfen und in Ruinen,
überforderte Eltern, Literatur-Anspielungen (Tom Sawyer und Huckleberry
Finn, Kafka, Jack London) sowie Film- und Popzitate, im Hintergrund die
Ereignisse, Proteste und Aktionen rund um das Jahr 1968 – das alles ist ja
längst gut eingeführt. Eine solche Aufzählung könnte den Eindruck
vermitteln, man könnte sich beim Lesen gemütlich in Boomer-Erinnerungen
einrichten.
Doch das kann man eben nicht. Denn dazu ist dieser Roman zu wild. Beim
Lesen vermittelt er den Eindruck, er wolle den Schorf von den teilweise
verheilten, teilweise auch schlicht vergessenen Wunden der Geschichte
kratzen.
## Proletarisches Berlin
So stinkt es in dem beschriebenen Westberlin erbärmlich. Verwesende Hunde
und Ratten liegen herum. Dass der 13-jährige Ich-Erzähler gern in der
Badewanne liegt (mit Fichtennadelduft), charakterisiert seinen
Aufstiegswillen; selbstverständlich ist Körperhygiene unter den Figuren
keineswegs. Er stinkt auch aus den Mündern der Tresenbesatzung der
einschlägigen Kneipen der Umgebung, die zum Beispiel „Narkosestübchen“
heißen – diesen Laden gab es tatsächlich, so wie es vieles andere auch gab
und noch gibt, was Wildenhain beschreibt. Er ist in diesem damals
proletarischen Teil Berlins aufgewachsen.
Wild ist aber auch das Erzählen selbst. Abgesehen von in einer anderen
Schrift gesetzten eingefügten Episoden, die sich sachlich wie ein
Polizeibericht lesen, gibt es einen Ich-Erzähler, doch seine Erzählstimme
ist nicht einheitlich durchgehalten. Mal ist sie in das Geschehen direkt
involviert, mal fasst sie aus einem Abstand heraus zusammen, umkreist dabei
immer wieder dieselben Motive – gefangene Libellen im Glas, ein Sprung von
einer Nordseedüne im Urlaub, der Blick der Mutter in den Spiegel, der
Stumpf des Vaters, der in der Kriegsgefangenschaft einen Fuß verloren hat
–, mal kramt sie auch in ihren Erinnerungen.
Die Ruine neben dem Friedhof am Lassenpark. Die Durchgänge zwischen den
Häusern in den Kellern, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammen, um bei
Bombentreffern eventuell verschütteten Bewohnern Fluchtmöglichkeiten zu
bieten. Das große Straßenbahndepot, in dem der Vater des Ich-Erzählers
arbeitet, bis die Straßenbahnen in Westberlin abgeschafft werden. All das
kommt hier vor.
Dass Michael Wildenhain dabei einige erzählerische Tricks aufwenden muss,
damit sein Erzähler immer am richtigen Ort sein kann – als unentdeckter
Beobachter agiert er hinter Fenstern, mit Fernglas bewaffnet, in einer
entscheidenden Szene versteckt er sich in der Küchenkammer –, muss man
nicht gegen das Buch auslegen.
So real das Material ist, als Realismus sollte man das Geschehen nur im
weiteren Sinn verstehen. Statt einen ruhigen epischen Fluss herzustellen,
funktioniert das in vielen kurzen Kapiteln erzählte Buch vielleicht eher
wie das Gedächtnis selbst: In Sprüngen und Kreisen, mit grell
ausgeleuchteten Details und einem Zusammenhang, den man sich beim Lesen
manchmal erst erschließen muss, umkreist es das Jahr, in dem der
Ich-Erzähler mit seiner Familie von Charlottenburg nach Schöneberg zieht
und schließlich aufs Gymnasium kommt, im Unterschied zu vielen seiner
Freunde, die ohne weitergehende Perspektive bleiben.
## Traumata des Krieges
Einmal wird [2][Michael Scorseses] Film „Gangs of New York“ zitiert. Solche
Abschnitte verraten auch etwas über die Dramaturgie des Buches. So wie
Scorsese in seinen Filmen das ganz konkrete Straßenleben von Manhattan zu
einem weltwichtigen Schauplatz hochinszeniert und dabei eben nicht das
Besondere im Allgemeinen aufhebt, sondern als Besonderes stehenlässt, so
lässt auch Wildenhain viele Details einfach Zeitkolorit sein wie etwa die
kettenrauchende Kinderärztin (kann man sich heutzutage auch nicht mehr
vorstellen).
So erscheint das Westberlin des Jahres 1969 wie ein abseitiger Ort – von
dem aus Michael Wildenhain allerdings ein dichtes Netz von Bezügen spannt,
das sich erst nach und nach erschließt. Die Traumata des Krieges in den
Köpfen und Körpern der Menschen sind hier länger sichtbar als in
Westdeutschland, in Berlin werden sie nicht vom Wirtschaftswunder
überdeckt. In ihren rivalisierenden Banden – die unpolitischen Schläger
rund um den Lassenpark, die politischen Jugendlichen rund um das
Jugendzentrum Weiße Rose – spielen sie gewissermaßen die Zweiteilung der
Welt in Ost und West nach.
Und in ihrem noch jugendlichen Begehren wiederholen der Erzähler, sein
Schwarm Alina sowie sein schwieriger Kumpelfreund Dieter „Körschi“
Korschakowski etwas, was die Elterngeneration nicht gut hinbekommt: eine
Beziehung zu dritt. Wobei sich der Roman im letzten Viertel vom
Pubertätsroman mit allen Hormonschwankungen ganz allmählich zum Teil sogar
in einen Familienroman wandelt. Irgendwann erzählen der Vater und die
Mutter dann doch ihre Geschichte, während der Ich-Erzähler zugleich seine
Vergangenheit hinter sich lässt, was gut melodramatisch nicht ohne Opfer
abgeht.
Fun Fact am Rande: Die Mauer spielt in diesem Roman so gut wie keine Rolle.
16 Mar 2026
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