# taz.de -- Bremer Jobcenter in der Kritik: Behördenschlamperei gefährdet Existenzen
> Tausende Menschen warten auf ihr Geld, weil Bremer Jobcenter unnötige
> Unterlagen anfordern und Dokumente verlieren – das schreiben 15
> Sozialberatungen.
(IMG) Bild: Lange Wartezeiten: Im Bremer Jobcenter springt die Ampel bei der Bearbeitung von Anträgen immer wieder auf Rot
Überscharfe Kontrollen – und gleichzeitig schlampiger Umgang mit
eingereichten Unterlagen: 15 Organisationen der Sozialberatung aus Bremen
kritisieren die Arbeit der Jobcenter Bremen und Bremerhaven und beschreiben
„massive Problemlagen“, die die Menschen in existenzielle Not brächten.
In einem Offenen Brief an den Geschäftsführer des Jobcenters, an
Bürgerschaftsabgeordnete und an das Bremer Sozialressort beschreiben sie
detailliert die gemeinsamen Erfahrungen und stellen neun Forderungen. „Die
wiederkehrenden Problemlagen“ ergäben ein Bild, „das über einzelne Fälle
hinausgeht und daher grundsätzliche Lösungen erfordert“. Neben vielen
politischen Initiativen hat auch die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien
Wohlfahrtspflege Bremen, und damit die großen Player Caritas und AWO,
unterzeichnet.
Geteilt sind Jobcenter organisatorisch in zwei Abteilungen: Die Beratungs-
und die Leistungsabteilung. An beiden Bereichen üben die
Verfasser*innen Kritik. Die Hauptprobleme aus der Beratungspraxis sind
bundesweit ähnlich: Vielfach geht es dort eher um schnelle Vermittlung in
häufig prekäre Jobs als um Weiterqualifizierungen, die echte Perspektiven
eröffnen könnten. In Bremen war in den vergangenen Jahren das Budget für
Qualifikationsmaßnahmen nach [1][Kürzungen und internem Missmanagement]
stark zusammengeschrumpft.
Weniger oft berichtet wird über Kritik an der Leistungsabteilung, die die
Anträge auf Sozialleistungen bearbeitet und am Ende das Geld bewilligt.
Dort stockt es in Bremen, so die Kritik, mit gravierenden Folgen: Menschen
sparten an Essen, müssten Schulden machen – oder verlören sogar ihre
Mietverträge. Monatelang müssten Menschen auf ihr Geld warten.
## Das Jobcenter will von Bearbeitungsstau nichts wissen
Die Statistik des Jobcenters selbst sieht anders aus: Durchschnittlich nur
10,4 Arbeitstage beträgt die Bearbeitungszeit demnach für Erstanträge,
Folgeanträge sind bereits nach acht Arbeitstagen durch. Von einem
Bearbeitungsstau könne keine Rede sein.
Die Erklärung: Die Stellen messen unterschiedlich. Für Betroffene zählen
alle Tage nach der ersten Antragsstellung. Das Jobcenter fängt erst an zu
zählen, wenn aus seiner Sicht alle Unterlagen vorliegen. Bis dahin, das
schildern die Beratungsorganisationen übereinstimmend, vergehen oft Monate,
in denen kein Geld fließt.
Drei Hauptgründe dafür sehen die Beratungsorganisationen – alle davon
liegen im Jobcenter selbst. Erstens würden die Leistungsabteilungen immer
wieder neue Unterlagen anfordern. Und das oft nicht auf einmal, sondern
zeitlich versetzt: Erst die vierte Seite des Mietvertrags – und wenn diese
eingereicht ist, fällt auf, dass noch eine Lohnabrechnung aus dem Juli
fehlt; so beschreibt es eine Beraterin.
„Grundsätzlich“ würden alle erforderlichen Unterlagen zusammen angefordert,
schreibt dagegen das Jobcenter Bremen, insbesondere bei komplexeren
Sachverhalten könne sich aber zusätzlicher Klärungsbedarf ergeben. „In
diesen Fällen werden ergänzende Unterlagen nachgefordert, um eine
rechtssichere Entscheidung treffen zu können.“
Das klingt nachvollziehbar – kann aber gravierende Folgen haben: Schon nach
zwei Monaten Zahlungsrückstand können etwa Mietverträge fristlos gekündigt
werden; wer [2][die Verzögerungen verursacht hat, ist dabei nicht
entscheidend.]
„Das Ganze wäre so vermeidbar“, meint Anna Schröder von der
Stadtteilgewerkschaft Gröpelingen. „Denn in 99 Prozent der Fälle wird das
Geld ja am Ende bewilligt.“ Besonders Zuverdiener*innen seien oft
betroffen, so ihre Erfahrung; die Antragsstellung ist bei ihnen
komplizierter. Das Gesetz sieht die Möglichkeit von vorläufigen
Bewilligungen vor. Die Jobcenter nutzen sie nicht immer. Die „konsequente
Anwendung vorläufiger Bewilligungen“ ist deshalb die erste der neun
Forderungen des Bündnisses.
Eine andere Kritik, der zweite genannte Grund für die langen
Bearbeitungszeiten, stellt sich für die Jobcenter noch deutlich peinlicher
dar: Immer wieder, so die Beratungsorganisationen, würden dieselben
Unterlagen erneut angefordert – bereits eingereichte Dokumente gingen
schlicht verloren.
„Ursache sind meist unzulängliche Kommunikationswege, z.B. fehlerhaftes
Scannen seitens des Jobcenters bzw. deren Hardware und fehlende Skills
seitens der Leistungsbeziehenden“, heißt es in den Erläuterungen zum
Offenen Brief. „Ich sehe ja die Fälle“, erzählt Beraterin Schröder aus der
Praxis. „Da schicken wir dann zum dritten Mal die Aufenthaltserlaubnis des
Sohnes, jedes Mal per Fax, und jedes Mal wird nachgefordert. In dieser Zeit
wird das Geld für den Sohn einfach nicht berechnet.“
„Ein Verlorengehen von Unterlagen entspricht nicht den vorgesehenen
Abläufen und wird durch die beschriebenen Prozesse weitgehend
ausgeschlossen“, so eine Sprecherin des Jobcenters. Allenfalls „im
Einzelfall“ könne es zu einer erneuten Anforderung kommen.
Genau das glauben die Beratungsorganisationen nicht mehr. Der Verlust von
Unterlagen im Jobcenter sei so üblich, dass die Beratungsstellen Dokumente
fast nur noch per Fax übermittelten, sagt Beraterin Schröder – nur das
akzeptieren Gerichte als rechtssicheren Nachweis. Bei einer Demo der
Stadtteilgewerkschaft 2025 war deshalb eine der Hauptforderungen an das
Jobcenter die Wiedereinführung des Eingangsstempels. „Das scheint erstmal
absurd, dazu eine Demo zu machen, weil die Forderung ja sehr banal ist“,
sagt Schröder. „Aber in der Praxis ist es entscheidend, ob die Abgabe von
Unterlagen nachgewiesen werden kann.“
Dass die Probleme im Jobcenter strukturell seien, sehen die Organisationen
belegt durch eine hohe Zahl an erfolgreichen Widersprüchen sowie Verfahren
vor dem Sozialgericht. Rund 9.000 Widersprüche gegen Bescheide gab es im
Jahr 2025 laut Jobcenter von Leistungsbezieher*innen – bei rund 7.800
Erst- und 45.600 Folgeanträgen.
## Immer mehr Geld fließt in die Verwaltung
Die Bertelsmann-Stiftung hatte in einer Studie im März 2025 aufgezeigt,
dass die Jobcenter einen [3][immer größeren Anteil ihres Budgets für
Verwaltung] ausgeben: Von den 10,7 Milliarden Euro, die sie von Bund und
Ländern bekommen, werden mittlerweile 6,5 Milliarden Euro für die
Verwaltung ausgegeben, ein Anstieg um 39 Prozent über die letzten zehn
Jahre. Für Förderung werden nur rund 3,8 Milliarden Euro ausgegeben.
„Entlastung funktioniert auch, indem man aufhört, diesen Extra-Aufwand zu
betreiben. Der belastet die Betroffenen, die Beratungsstellen und die
Behörden.“
Warum also handelt das Jobcenter so restriktiv? Ein Problem: Mitarbeitende
können haftbar gemacht werden, wenn das Jobcenter zu viel Geld ausgibt; für
die Probleme, die auftauchen, wenn das Jobcenter zu wenig Geld gewährt,
sind die Mitarbeitenden hingegen nicht haftbar. Es gibt also einen starken
Anreiz, sehr genau hinzuschauen und sehr restriktiv zu bewilligen – auch
wenn das am Ende zu höheren Kosten für die Allgemeinheit führt.
24 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Notloesung-fuers-Missmanagement/!6019673
(DIR) [2] /Protest-gegen-Zwangsraeumung-in-Bremen/!5902005
(DIR) [3] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2025/maerz/buergergeld-mehr-fordern-besser-foerdern-verwaltung-reformieren
## AUTOREN
(DIR) Lotta Drügemöller
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