# taz.de -- Nachhaltigkeit der Winterspiele: Falscher Schnee von oben
       
       > In Livigno hat man für den Snowpark keine Kosten und Eingriffe gescheut,
       > um sich von der Natur unabhängig zu machen. Nun schneit es blöderweise.
       
 (IMG) Bild: Bestens präparierte Schanze: der Norweger Tormod Frostad bei einem seiner Goldsprünge
       
       Das hätte es nun wirklich nicht gebraucht. Es schneit und schneit und
       schneit in Livigno. Das Slopestyle-Finale [1][der Snowboarderinnen] konnte
       am Dienstag nicht stattfinden. Zu viel Schnee lag auf dem Hindernisparcours
       im Snowpark, zu schlecht war die Sicht wegen des dichten Schneefalls.
       
       Es wurde den ganzen Tag geschuftet, um die nervigen Kristalle aus den
       Zuschauerbereichen und den Zugängen zur Anlage zu räumen. Bis zum Abend
       mussten sie zumindest begehbar sein. Das Big-Air-Event der Freeski-Artisten
       sollte nicht auch noch ausfallen. Es ist dies die zweite große Schneekrise
       in Livigno in dieser Saison.
       
       Die erste hatte es Mitte Dezember gegeben. Da schlug der Präsident des
       Internationalen Skiverbands (FIS), [2][Johan Eliasch,] Alarm. Anderthalb
       Monate vor Beginn der Spiele hatte noch keine der nagelneuen Schneekanonen
       auch nur einen weißen Krümel verschossen.
       
       Die Organisatoren der Spiele sprachen von technischen Problemen, konnten
       aber schnell Entwarnung geben. Seitdem lief die Schneeproduktion auf
       Hochtouren. Endlich konnte damit begonnen werden, den Zielhang der
       Big-Air-Schanze aus frisch produziertem, sogenannten technischen Schnee
       aufzuschütten. Bis dahin stand das über 50 Meter hohe Stahlgerüstmonster
       recht allein als hässlicher Sichtfang im Hochtal.
       
       ## 300.000 Kubikmeter Erde abgebaggert
       
       Am Ende konnte der Mann, der sich in Italien als Macher der Spiele feiern
       lässt, rechtzeitig Vollzug melden. Fabio Massimo Saldini, der Chef der für
       die Spiele ins Leben gerufenen Infrastrukturgesellschaft Simico, lobte die
       beteiligten Unternehmen, die das Projekt verwirklicht hatten. Federführend
       war dabei die Bozener Spezialfirma für Beschneiungsanlagen, Technoalpin.
       Die Schneekanonen oder -duschen, die fest an den Pisten installiert sind,
       stellen dabei nur einen kleinen Teil dessen dar, was in Livigno bewegt
       wurde.
       
       Zunächst wurden 300.000 Kubikmeter Erde aus dem Hang, an dem heute die
       Halfpipe, der Skicrossparcour, die Slopestyleanlage und der
       Riesenslalompacours für die Snowboarderinnen liegt, abgebaggert und so
       wieder neu aufgeschichtet und verdichtet, dass etwa Steilkurven und
       Erhebungen für Sprünge angelegt werden konnten. Dazu wurde noch eine
       Unterführung in den Hang betoniert, damit Pistenfahrzeuge von einer Anlage
       zur anderen fahren können. Natürlich wurden auch die Wasserleitungen zu den
       Beschneiungsanlagen unter dem Hang verlegt.
       
       Wer in diesen Tagen über den Snowpark schlendert, kann die Einfahrt zu den
       künstlichen Höhlen im Berg nicht übersehen. Darin sind auch die
       Pumpanlagen, die das Wasser aus dem neuen Speichersee am Monte Sponda holen
       und an die Schneekanonen verteilen. Der Speichersee, der auf einer Höhe von
       2.200 Meter liegt, ist mit seinem Fassungsvermögen von 210.000 Kubikmetern
       einer der größten seiner Art. Ach ja, die 3,5 Kilometer lange Wasserleitung
       zum Snowpark musste ja auch noch verlegt werden.
       
       Kein Wunder, dass man sich bei diesen Investitionen von weit über 5
       Millionen Euro ärgert, wenn es draußen zu schneien beginnt. Und ebenso
       wenig verwunderlich ist es, dass Technoalpin einer der lokalen Sponsoren
       der Winterspiele ist. Da wäscht eine Hand die andere.
       
       Diese Art von Geschäften wird in einer Ausstellung kritisiert, die in einem
       der wenigen historischen Bauernhäuser in Livigno, weitgehend unbeachtet von
       den Olympiafans, auf Umweltzerstörung und Korruption im Zusammenhang mit
       den Spielen aufmerksam machen möchte. In zwei Panoramafenstern sind Bilder
       zu sehen, die das massenhafte Fällen von Bäumen dokumentieren. „Nachhaltige
       Spiele – oder ein Desaster für die Natur?“, steht auf einer Plane, die am
       Ausstellungshaus angebracht ist.
       
       Und auch der Macher der Spiele, Simico-Chef Saldini, wird mit ein paar
       Schautafeln gewürdigt – als Profiteur des Events, der sich gnadenlos an den
       Steuergeldern für Olympia bedient. Er soll sich nach einer Umstrukturierung
       von Simico zusätzlich zu seinem Geschäftsführergehalt von 193.000 Euro im
       Jahr auch noch 180.000 Euro für die Arbeit des neu geschaffenen Postens
       eines Generaldirektors auszahlen haben lassen. Das geht zumindest aus einer
       Anfrage der grünen Parlamentsabgeordneten Luana Zanella an den zuständigen
       [3][Infrastrukturminister Matteo Salvini] hervor.
       
       Der Big-Air-Wettbewerb konnte dann am Abend tatsächlich stattfinden. Bei
       starkem Schneefall wurden die Athleten von der Schanze gelassen und
       lieferten sich einen schier unfassbaren Wettkampf, den der Norweger Tormod
       Frostad mit einem Traumwert von 98,5 Punkten für seinen letzten Trick für
       sich entschied. Über den Schnee redete dann niemand mehr.
       
       18 Feb 2026
       
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