# taz.de -- AfD und CDU verhindern Fördergeld: Kein Hort für Stendal-Stadtsee
> Stendal benötigt mehr Betreuungsplätze für Kinder. Doch AfD und CDU
> stimmten gemeinsam gegen einen neuen Hort – und gegen Fördergelder vom
> Bund. Warum?
(IMG) Bild: Kinder aus rund 30 Nationen spielen auf den Spielplätzen von Stendal-Stadtsee und lernen in den Schulen des Viertels
Vierzig Kinder hätten in dem alten Jugendklub in Stendal-Stadtsee ihre
Nachmittage verbringen sollen. Ein neuer Flur, komplett aus Glas, sollte
für Licht sorgen. Draußen hätte es Spielgeräte zum Toben gegeben, drinnen
Platz zum Lernen, Spielen und Vorlesen. Einen neuen Hort sollte das Gebäude
beherbergen. Der Bund bot finanzielle Hilfe für den Umbau, 350.000 Euro
Fördergelder sollten fließen.
[1][Doch im Kreisrat lehnten AfD und CDU das Geld vom Bund in einer
gemeinsamen Abstimmung ab] – obwohl laut Stadtverwaltung ausgerechnet im
Viertel Stendal-Stadtsee besonders dringend neue Hortplätze gebraucht
würden.
Wenige Meter vom alten Jugendklub entfernt liegt die Grundschule Juri
Gagarin. Dort werden etwas mehr als dreihundert Schülerinnen und Schüler
unterrichtet. Die Schule hat zwar einen eigenen Hort, aber der bietet nur
rund einhundert Plätze an. Das Nachmittagsangebot ist damit ausgelastet.
Zunächst wurde deshalb diskutiert, den grundschuleigenen Hort zu erweitern.
Die Stadtverwaltung verwies aber darauf, dass ein neuer Hort
kinderfreundlicher sei.
Den Entwurf für den neuen Hort erarbeitete die Stendaler
[2][Eckstein-Sozialdiakonie] gemeinsam mit der Stadtverwaltung. Zusätzlich
zu den Bundesmitteln wollte die Diakonie 100.000 Euro an Eigenmitteln
einbringen, die Stadt hätte sich mit 50.000 Euro beteiligt. Den größten
Anteil der Kosten, 350.000 Euro, hätte die Bundesregierung gedeckt. Was war
das Problem?
## Sinkende Geburtenrate
Kurz: Die 350.000 Euro vom Bund sind zweckgebunden. Der neue Hort hätte
mindestens fünfzehn Jahre lang betrieben werden müssen. Sonst könnte der
Bund sein Geld zurückfordern. Für eine von Schulden gebeutelte Stadt wie
Stendal, in der an allen Ecken gespart wird, ist das eine hohe Summe. Teile
der CDU-Fraktion waren sich einig mit der in [3][Sachsen-Anhalt vom
Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD]: Das
finanzielle Risiko sei zu hoch.
Mehrheiten ohne die AfD sind in vielen Kommunen in Ostdeutschland schon
lange nicht mehr möglich. [4][Die Brandmauer ist hier längst gefallen.]
Gegenüber dem MDR sagte Thomas Weise, CDU-Stadtrat und Kreistagsmitglied:
„Wir wollen natürlich jedem Kind, das einen Hortplatz braucht, auch einen
Hortplatz bieten.“ Er verwies aber darauf, dass man eine Entscheidung für
Investitionen in neue Hortplätze langfristig betrachten müsse.
Er trifft damit einen Punkt, über den man sich in der Stadt Gedanken macht:
In Stendal wie im gesamten Sachsen-Anhalt [5][geht die Geburtenrate
zurück]. Es gibt kaum eine Region in Europa, die so überaltert ist wie die
östlichen Bundesländer. Die allermeisten Kinder in Sachsen-Anhalt – mehr
als achtzig Prozent – besuchen hier Ganztagsschulen oder Horte. Doch können
die Kitas, Horte, Krippen und Schulen aufrechterhalten werden – obwohl es
immer weniger Kinder gibt?
Erst vor Kurzem beschloss man im Rathaus Stendal, dass eine Kita schließen
muss, weil die Neuanmeldungen fehlen. In diesem Fall sprach sich die
AfD-Fraktion geschlossen für den Erhalt der Kita aus. Im Falle des
gescheiterten Horts in Stadtsee lohnt sich ein genauer Blick auf das
Viertel.
## Schüler*innen aus 30 Nationen
[6][Stendal-Stadtsee, das ist eine typische Satellitensiedlung,] wie man
sie zu DDR-Zeiten auch am Rand von Halle, Leipzig oder Dresden aus dem
Boden stampfte. In romantischer Lage am gleichnamigen Seeufer entstanden
hier in den 1980er Jahren Plattenbauten. Vor den Toren Stendals wurde
damals ein Atomkraftwerk gebaut. Wohnraum musste her, dazu Schulen,
Supermärkte, ein Kulturzentrum und ein Krankenhaus. Das Kraftwerk wurde nie
fertiggestellt, die Ruine steht bis heute am Elbufer. Nach der Wende
schrumpfte das Viertel, viele Wohnungen blieben leer. Das änderte sich 2015
mit der Migrationsbewegung. Innerhalb der letzten Jahre zogen auch
zahlreiche ukrainische Geflüchtete nach Stadtsee.
Ein Anruf bei Bastian Sieler, parteiloser Oberbürgermeister von Stendal. Er
sagt: „Viele Kinder beherrschen in Stendal-Stadtsee noch nicht die deutsche
Sprache. Sie brauchen eine besondere Betreuung.“ Insgesamt kommen die
Schülerinnen und Schüler im Viertel aus rund dreißig unterschiedlichen
Nationen. Noch vor wenigen Jahren lebten laut einer Studie der
Bertelsmann-Stiftung vier von fünf Eltern in Stendal-Stadtsee in prekären
Verhältnissen: mit Niedriglohnjobs, langzeitarbeitslos, alleinerziehend.
Die Bundesregierung hat auch Viertel wie Stadtsee im Visier, wenn sie von
Bildungsgerechtigkeit spricht. Dass Armut in Deutschland Chancen verbaut,
ist seit Jahrzehnten bekannt. Ein entscheidender Schritt: [7][Ab August
2026 soll jeder Erstklässler in Deutschland Anspruch auf Ganztagsbetreuung
haben], ab 2029 dann alle Grundschüler. Die Nachmittagsangebote sollen das
abfedern, was Eltern nicht leisten können. Nur müssen die Kommunen darauf
auch vorbereitet sein.
Oberbürgermeister Bastian Sieler sagt: „Bildungserfolg ist in Deutschland
noch immer zu stark vom Elternhaus abhängig. Aber damit der Ganztagsumbau
gelingt, bedarf es auch ausreichend Kapazitäten in der
Nachmittagsbetreuung.“ In Stendal-Stadtsee fehlten die laut Sieler
weiterhin.
## Chronische Überlastung der Betreuung
Frauke Mingerzahn lehrt und forscht als Professorin für Kindheitspädagogik
an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie erklärt, was ein Hort im Idealfall
leisten soll. „Kinder können sich dort selbst bilden am Nachmittag. Es wird
zwar eine Hausaufgabenbetreuung angeboten. Aber ansonsten können sich die
Kinder selbst ihre Spielpartner und Angebote aussuchen.“
Bei Kindern, denen beispielsweise Mathematik schwerfällt, gehe es im Hort
nicht um eine zusätzliche Mathestunde. Sondern darum, spielerisch zu
rechnen oder etwas zu zählen. Ähnlich verhält es sich bei der
Sprachförderung. Im Hort könne man Kinder dazu ermutigen, Geschichten zu
erzählen oder ihnen vorlesen, vor allem aber, sie selbst zu Wort kommen
lassen.
Dieses Ideal prallt in Sachsen-Anhalt auf einen der schlechtesten
Betreuungsschlüssel Deutschlands. In den dortigen Grundschulhorten betreut
eine pädagogische Fachkraft rund 25 Kinder. Die Folge: chronische
Überlastung, selbst in kleinen Einrichtungen.
Könnte sich das System also entspannen, wenn es langfristig weniger Kinder
gibt? Mingerzahn sagt, dafür müsste der landesweit gesetzlich vorgegebene
Betreuungsschlüssel angepasst werden. Sie spricht sich dafür aus: „Es ist
ein Unterschied, ob ich für zehn Kinder zuständig bin oder für zwanzig“,
sagt sie. „Bei zwanzig rutscht eines leichter durch.“
## Risiko Rückzahlung?
In Stendal-Stadtsee will die CDU sich auf Nachfrage der taz nicht zur
Abstimmung über den Hort äußern. Arno Bausemer von der rechtsextremen AfD
antwortet schriftlich: Die bestehenden Räume der Grundschule Juri Gagarin
könnten auch nachmittags genutzt werden. Das Risiko, später dem Bund
gegenüber zu einer Rückzahlung verpflichtet zu sein, sei zu hoch. Unter
einem auf Facebook geposteten Artikel kommentierte er: „Mit einer starken
AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt werden viele Kinder von Asylbewerbern
gemeinsam mit ihren Eltern Stendal sehr zeitnah wieder verlassen.“
Im September stehen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt an. Was die
rechtsextreme AfD in Sachen Bildung plant, offenbart ein Blick in den
geleakten Entwurf ihres Regierungsprogramms. „Mehr Familie, weniger Staat“,
heißt es darin. Künftig solle es weniger Schulsozialarbeiter geben,
funktionierende Familien sollten diese „überflüssig machen“. Außerdem wolle
man eine „Remigrationsoffensive“ für „in Sachsen-Anhalt lebende Ukrainer“
vorbereiten.
Derzeit [8][liegt die AfD in Umfragen in Sachsen-Anhalt bei rund 39
Prozent]. Je nachdem, wie viele Parteien es über die Fünfprozenthürde
schaffen, könnten die Rechtsextremen die absolute Mehrheit erreichen. Dann
könnten sie alleine regieren.
18 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ardmediathek.de/video/mdr-sachsen-anhalt-heute/hort-streit-kein-interesse-an-foerdergeld-vom-bund/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy9mYTM3OWUzYy1kYTI3LTRiZGMtOGYyNi05NzdkNzY1Mjg1NDM
(DIR) [2] https://www.eckstein-stendal.de/
(DIR) [3] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/afd-sachsen-einstufung-100.html
(DIR) [4] /Streitgespraech-ueber-Brandmauern/!6140137
(DIR) [5] /Statistisches-Bundesamt/!5963221
(DIR) [6] /Stendal-Stadtsee-Eine-Ortserkundung-2/!5381860
(DIR) [7] /Rechtsanspruch-auf-Ganztagsbetreuung/!5942550
(DIR) [8] /Superwahljahr-2026/!6154086
## AUTOREN
(DIR) Sophie Tiedemann
## TAGS
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