# taz.de -- Politische Gefangene in Venezuela: Verhaftet, verschwunden, verstorben
       
       > Seit der US-Intervention in Venezuela wurde Angehörigen viel versprochen.
       > Aber die Lage der politischen Gefangenen im Land hat sich kaum
       > verbessert.
       
 (IMG) Bild: Die 82-jährige Carmen Navas trauert an der Schulter ihres Sohnes Gabriel Quero während der Beisetzung ihres Sohnes Victor Quero
       
       Nur vier Tage, nachdem die Regierung den Tod des politischen Gefangenen
       Víctor Hugo Quero Navas in Haft gemeldet hatte, der nach seiner Verhaftung
       16 Monate lang verschwunden war, ist in Venezuela der Tod eines weiteren
       Häftlings gemeldet worden: José Manuel García Sabino, ein ehemaliger
       Stadtrat der Regierungspartei, der einen Korruptionsfall im Bundesstaat
       Anzoátegui angeprangert hatte.
       
       García Sabino war seit Februar 2026 inhaftiert, sein Tod wurde am 9. Mai
       gemeldet. Zunächst behaupteten die Behörden, er sei durch Suizid ums Leben
       gekommen, doch Venezuelas Gerichtsmedizin stellte später fest, dass der
       ehemalige Stadtrat an „mechanischer Erstickung“ starb, verursacht durch
       Strangulation in seiner Zelle.
       
       Der Tod des ehemaligen Stadtrats ereignete sich inmitten wachsender
       Spannungen rund um das Gefängnis- und Justizsystem des Landes wegen
       Menschenrechtsverletzungen, insbesondere aufgrund des Falls von Quero
       Navas, den das venezolanische Ministerium für Strafvollzug drei Tage zuvor,
       am 7. Mai, für tot erklärt hatte.
       
       Der Fall von Víctor Hugo Quero Navas und der Kampf seiner 81-jährigen
       Mutter, Carmen Teresa Navas, erregten landesweit Aufmerksamkeit, da der
       Staat Informationen über seinen Verbleib konsequent zurückhielt. Carmen
       reichte sogar einen Amnestieantrag in seinem Namen ein, doch dieser wurde
       am 6. Mai abgelehnt – einen Tag bevor das Ministerium für Strafvollzug ihr
       schließlich die Wahrheit mitteilte: Ihr Sohn war am 24. Juli 2025 – fast
       zehn Monate zuvor – an den Folgen einer „Blutung im oberen Magen-Darm-Trakt
       und eines akuten Fiebersyndroms“ gestorben.
       
       ## Die Absetzung Maduros änderte in den Gefängnissen nichts
       
       Quero Navas ist laut der Organisation „Justiz, Begegnung und Vergebung“ die
       27. Person, die seit 2015 in Gewahrsam des venezolanischen Staates starb.
       
       Bis Ende April berichtete die NGO Foro Penal, dass zwei der 454 politischen
       Gefangenen, deren Fälle sie derzeit beobachtet und dokumentiert,
       verschwinden gelassen wurden. Das Komitee für die Freiheit politischer
       Gefangener, eine Organisation von Angehörigen von Inhaftierten, schätzt die
       tatsächliche Zahl höher.
       
       Am 3. Januar nahmen US-Militärs in der Hauptstadt Caracas den damaligen
       Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores gefangen. Aber
       Maduros Absetzung hat das System der Unterdrückung, Verfolgung und Gewalt
       gegen politische Dissidenten nicht verändert, insbesondere nicht für
       diejenigen, die im Gefängnis sitzen.
       
       Am 8. Januar kündigte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge
       Rodríguez „Massenfreilassungen“ an. Die Ankündigung veranlasste viele
       Familien, sich vor den Haftanstalten zu versammeln, in der Hoffnung, ihre
       Angehörigen kämen frei – doch dazu kam es nicht.
       
       Gleichwohl sprach die frisch amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez von
       einem [1][„neuen politischen Moment“]. Tatsächlich hat sie ihr Kabinett
       umgebildet und [2][internationale Investitionen] im Öl- und Bergbausektor
       ermöglicht, vor allem aus den Vereinigten Staaten.
       
       ## Ständig kommen neue Hinweise auf Festnahmen
       
       Im Bereich der Menschenrechte war der vielleicht bedeutendste Schritt die
       Ankündigung eines [3][Amnestiegesetzes], das schließlich am 19. Februar in
       Kraft trat. Allerdings schloss es Hunderte von politischen Gefangenen aus,
       insbesondere Militärangehörige, denen Hochverrat und Verschwörung
       vorgeworfen wird.
       
       Foro Penal gibt an, dass seit dem 8. Januar 768 Inhaftierte freigelassen
       wurden. Bis zum 16. April waren nur 186 dieser Freilassungen eine direkte
       Folge des Amnestiegesetzes. Dennoch behauptet Jorge Arreaza, Präsident der
       Sonderkommission zur Überwachung des Amnestiegesetzes für demokratisches
       Zusammenleben, es habe 9.000 Begünstigte gegeben. Die offizielle Version
       lässt sich nicht unabhängig überprüfen.
       
       Gonzalo Himiob, Vizepräsident von Foro Penal, erklärte gegenüber der taz,
       dass weiterhin neue Fälle von Inhaftierungen und Verschwindenlassen
       gemeldet und derzeit geprüft werden. Während eines öffentlichen
       Onlineforums am 1. Februar gab die Organisation bekannt, dass sie seit dem
       8. Januar 700 neue Beschwerden erhalten habe.
       
       Diego Casanova, Menschenrechtsverteidiger und Sprecher des Komitees der
       Angehörigen politischer Gefangener, sagt, die letzte von ihnen
       dokumentierte groß angelegte Freilassung habe am 17. April stattgefunden.
       
       ## Die Verantwortlichen sind weiterhin im Amt
       
       „Der politische Wille, die Freilassungen fortzusetzen, ist nicht mehr
       vorhanden. Dies könnte damit zusammenhängen, dass es nicht gelungen ist,
       das repressive System zu zerschlagen“, sagt Himiob über die Verlangsamung.
       
       Foro Penal prangert an, dass dieselben Richter, Staatsanwälte und
       Sicherheitskräfte, die zuvor für die Repression verantwortlich waren,
       weiterhin im Amt sind. Die Familien der Inhaftierten sagen dasselbe. Seit
       vielen Wochen stehen sie abends vor den Gefängnissen, um die Freilassung
       ihrer Angehörigen zu fordern. Seit der Verabschiedung des Amnestiegesetzes
       beklagen sie, dass es selektiv angewendet werde.
       
       Diego Casanova zieht ein bitteres Fazit. „Die Menschen müssen wissen, dass
       sich hier nur die Anzahl der Versprechen geändert hat. Jetzt wollen sie der
       Welt Normalität vorgaukeln – mehr Menschlichkeit, mehr Bereitschaft, Fehler
       zu korrigieren –, aber in der Praxis gibt es dafür keine konkreten
       Anzeichen.“
       
       12 May 2026
       
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