# taz.de -- Experiment, um Fehltage zu senken: Jede Krankmeldung ist gut!
       
       > Eine Studie liefert eine Idee, wie man Arbeitnehmer:innen besser
       > daran hindern kann, sich krankzumelden. Der Ansatz ist kontraproduktiv.
       
 (IMG) Bild: Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung: Laut Umfragen schleppt sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten krank zur Arbeit
       
       Der Wissenschaftler Timo Vogelsang hat etwas herausgefunden, was viele
       Arbeitgeber:innen interessant finden. In Zusammenarbeit mit einer
       nicht genannten deutschen Supermarktkette, die über einen hohen
       Krankenstand klagte (5.919 Fehltage bei 817 Angestellten im Jahr 2024),
       führte er ein Experiment durch. Mitarbeiter:innen, die überdurchschnittlich
       häufig krankheitsbedingt fehlten, bekamen einen Brief zugeschickt. In
       diesem wurden ihre Krankmeldungen aufgelistet und in Vergleich gesetzt zu
       den durchschnittlichen Fehlzeiten der Kolleg:innen.
       
       Der promovierte Personalökonom bezeichnete dies [1][im Interview] mit dem
       Spiegel als „reinen Infobrief“, „ganz ohne erhobenen Zeigefinger“.
       Daraufhin, oh Wunder, ging die Zahl der Krankmeldungen zurück. Der Forscher
       begründet dies mit der menschlichen intrinsischen Motivation, sich gerne so
       wie die soziale Norm zu verhalten. Die „Infobriefe“ würden diese unbewusste
       Verhaltensweise hervorrufen.
       
       Diese Studie wird aktuell gern medial aufgegriffen, passt sie doch gut zu
       der Debatte, die [2][Bundeskanzler Friedrich Merz mit seiner Aussage zu
       Krankmeldungen und der Frage „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich
       notwendig?“] immens befeuert hat. Doch damit hat er nach der
       Corona-Pandemie einen gesellschaftlichen Rückschritt bei der Akzeptanz von
       Krankmeldungen eingeleitet, die auch der Wirtschaft langfristig keinen
       finanziellen Vorteil verschafft. Im Gegenteil.
       
       ## Präsentismus ist wesentlich teurer als Krankmeldungen
       
       Wenn sich Menschen krank zur Arbeit schleppen, bezeichnen
       Arbeitswissenschaftler:innen dies als Präsentismus. Laut Umfragen
       tut dies mehr als die Hälfte der Beschäftigten. Angst, den Job zu
       verlieren, Leistungsdruck und Personalknappheit bringt sie dazu. Doch
       Präsentismus ist teuer: Ein:e kranke:r Arbeitnehmer:in im Büro kann
       ein Unternehmen doppelt so viel kosten wie ein:e Kolleg:in, der:die mit
       Wärmflasche und Tee im Bett liegt. Denn kranke Mitarbeiter:innen
       arbeiten langsamer und machen mehr Fehler, die Krankheit dauert länger,
       Kolleg:innen werden angesteckt; Mitpassagiere im ÖPNV natürlich auch,
       aber das ist dem internen Controlling erst mal egal.
       
       Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten von Präsentismus übersteigen die
       durch Fehlzeiten entstehenden Kosten der Arbeitgeber um ein Vielfaches.
       Laut dem arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) kosteten
       Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall Unternehmen im Jahr 2024 82 Milliarden
       Euro. Die Gesamtkosten von Präsentismus lagen in dem Jahr dagegen bei 227
       Milliarden Euro, wie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
       (BAuA) schätzt.
       
       Es gibt zudem keinen stichhaltigen Hinweis darauf, dass sich [3][viele
       Arbeitnehmer:innen „nur zum Spaß“ krankmelden]. Wer nicht körperlich
       krank ist, sich aber dennoch krankmeldet, tut dies meist aufgrund
       psychischer Probleme oder [4][Erschöpfung]. Aber: [5][Psychische
       Gesundheit] ist, wie der Name schon sagt, Gesundheit, und ist die
       angeschlagen, ist man krank. Ganz einfach.
       
       Erschöpfung ist ein Warnsignal des Körpers, dass ernstere körperliche und
       psychische Erkrankungen drohen. Dass betroffene Menschen der Arbeit
       fernbleiben und sich auskurieren, um nicht langfristig auszufallen, ist
       also auch aus wirtschaftlicher Sicht richtig. Statt Arbeitnehmer:innen
       einen subtilen Warnbrief nach Hause zu schicken, sollte man lieber
       einsehen, dass jede Krankmeldung richtig und notwendig ist. Wer das anders
       sieht, betreibt das, was im Sprachgebrauch mit einem sexistischen Begriff
       bezeichnet wird: Er beginnt mit M und hat mit der Milchwirtschaft zu tun.
       
       16 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.spiegel.de/karriere/krankmeldungen-im-job-brief-reduziert-fehlzeiten-bei-supermarktpersonal-a-3d87af62-634b-43b1-b981-6f532c584b26
 (DIR) [2] /Kanzler-kritisiert-hohen-Krankenstand/!6146310
 (DIR) [3] /Streit-um-Krankschreibungen/!6147250
 (DIR) [4] /Merz-Beschwerde-ueber-Krankenstand/!6146636
 (DIR) [5] /Psychologe-ueber-mentale-Gesundheit/!6105024
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eva Fischer
       
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