# taz.de -- Streit um Krankschreibungen: Hat jemand an die elektronische Übermittlung gedacht?
       
       > Die Gesundheitsministerin möchte sich die telefonische Krankmeldung
       > vornehmen. In der Debatte geht ein statistischer Wert unter.
       
 (IMG) Bild: Soll überprüft werden: die telefonische Krankschreibung
       
       Das Gesundheitsministerium will die Regelungen zu telefonischen
       Krankmeldungen überprüfen. Damit greift sie einen Vorstoß von Bundeskanzler
       Friedrich Merz auf. Gesundheitsministerin [1][Nina Warken (CDU) kündigte am
       Montagabend in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel ] an, dass es darum
       gehe, Missbrauch bei den Krankschreibungen auszuschließen. Ähnlich sieht
       das Merz. Im Schnitt kämen die Beschäftigten in Deutschland auf 14,5
       Krankentage, sagte Merz am Wochenende bei einer Wahlkampfveranstaltung in
       Baden-Württemberg.
       
       ## Blick in die Statistik
       
       Tatsächlich sind die Krankmeldungen auf einem Rekordniveau. Laut Daten der
       Krankenkasse DAK sind die [2][Fehltage von 2021 auf 2022 um 40 Prozent
       gestiegen]. Demnach sind die Krankmeldungen seit 2022 auf diesem Level.
       Doch die DAK sieht dafür einen zentralen Grund: Seit 2022 übermitteln
       Arztpraxen die Krankschreibungen über die Kassen automatisch an
       Arbeitgeber. Zuvor mussten Arbeitnehmer*innen die Krankschreibung
       selbst einreichen, was sie regelmäßig nicht taten. Allein dadurch habe sich
       laut DAK je nach Krankheit die Zahl der Krankmeldungen um 60 Prozent
       erhöht.
       
       Die Krankenkasse nennt vor allem Atemwegserkrankungen als Ursache von
       Krankschreibungen. Dabei dürfte es sich auch um einen Post-Corona-Effekt
       handeln. Seit dem Ende der Vorsichtsmaßnahmen wie Maskentragen und
       Abstandhalten komme es generell zu mehr Atemwegserkrankungen. Zumal sich
       wohl ein gesellschaftlicher Konsens eingepegelt haben dürfte: Schniefend
       und niesend setzt man sich nicht zu den Kolleg*innen und meldet sich
       eher krank. Bemerkenswert ist in der Auswertung der Krankschreibungen von
       2025 ein Anstieg der psychischen Erkrankungen als Grund für Ausfalltage,
       während Atemwegserkrankungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen auf
       Vorjahresniveau blieben.
       
       Laut DAK zeigten die regelmäßigen Auswertungen der Krankschreibungen auch
       Zeichen einer Misstrauenskultur. Obwohl es bei den meisten Unternehmen
       nicht nötig sei, ließen sich viele Arbeitnehmer*innen ab Tag eins
       krankschreiben. Wahrscheinlich, „um nicht dem Verdacht ausgesetzt zu
       werden, sie würden ohne triftigen Grund der Arbeit fernbleiben“, sagte
       [3][DAK-Vorstandschef Andreas Storm bereits im vergangenen Jahr]. Ein
       solches Misstrauen sei ein Zeichen geringer Wertschätzung, hemme die
       Leistungsfähigkeit und sei daher ein Gesundheitsrisiko, so Storm.
       
       ## Streit zwischen Ärzten
       
       Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen,
       stellte sich nichtsdesotrotz hinter Merz. Auch er sehe möglichen Missbrauch
       bei der telefonischen Krankschreibung. Widerspruch kam vom Hausärztinnen-
       und Hausärzteverband, der sich „[4][stocksauer]“ auf Gassen zeigte. Keine
       telefonischen Krankmeldungen würden die Praxen mehr belasten. Gassen
       vertrete nicht mehr die Interessen der Ärztinnen und Ärzte. Die
       telefonische Krankschreibung sei ein „Erfolgsmodell“ und eine der wenigen
       erfolgreichen Maßnahmen zum Bürokratieabbau. Gassen wollte sich zu den
       Vorwürfen auf Anfrage zunächst nicht äußern.
       
       Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisierte Merz’ und Warkens
       Forderungen. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi bezeichnete es als „hoch
       unanständig, in welchem Ausmaß krankgemeldete Beschäftigte unter
       Generalverdacht gestellt werden“. Aus Angst um ihren Arbeitsplatz würden
       viele Menschen krank zur Arbeit gehen, anstatt sich krankschreiben zu
       lassen.
       
       Auch Christos Pantazis, der gesundheitspolitische Sprecher der
       SPD-Bundestagsfraktion, kritisiert Merz’ Vorstoß. Dieser sei „ein Griff in
       die neoliberale Mottenkiste“. Gesundheitspolitik dürfe nicht suggerieren,
       Krankheit sei eine Frage mangelnder Arbeitsmoral, so der Arzt. Zum
       Vorschlag Warkens, die telefonische Krankschreibung zu überprüfen, sagte
       Pantazis der taz: „Eine sachliche Evaluation ist legitim – Alarmismus oder
       Schnellschüsse sind es nicht.“
       
       Der gesundheitspolitische Sprecher der Linken, Ates Gürpinar, vermutet: Die
       Infektionen werden steigen, wenn sich Beschäftigte nicht telefonisch
       krankmelden können.
       
       Als „das Gegenteil von Entlastung“ bezeichnete auch Janosch Dahmen,
       gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen, den Vorschlag von Merz und
       Warken. Dahmen forderte stattdessen eine Verbesserung der Versorgung.
       
       DAK-Chef Storm fordert angesichts der anhaltend hohen Krankheitszahlen
       [5][einen Gipfel], bei dem Vertreter*innen von Krankenkassen,
       Gewerkschaften, Arbeitgeber*innen und Ärzt*innen gemeinsam
       Ursachenforschung betreiben. Als Maßnahme stellte er eine
       Teilkrankschreibung für bestimmte Diagnosen zur Diskussion – damit
       Arbeitnehmer*innen nicht mehr komplett ausfallen.
       
       20 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.tagesspiegel.de/politik/umstrittene-telefonische-krankschreibung-gesundheitsministerin-warken-kundigt-uberprufung-an-15155954.html
 (DIR) [2] https://www.dak.de/presse/bundesthemen/politik-unternehmensnachrichten/dak-analyse-zeigt-ursachen-fuer-rekordkrankenstand-_88050
 (DIR) [3] https://www.dak.de/presse/bundesthemen/politik-unternehmensnachrichten/dak-analyse-zeigt-ursachen-fuer-rekordkrankenstand-_88050
 (DIR) [4] https://www.aerztezeitung.de/Politik/Hausaerztinnen-und-aerzte-sauer-auf-KBV-Chef-Gassen-vertritt-nicht-mehr-die-Interessen-der-Aerztinne-461712.html
 (DIR) [5] https://www.dak.de/presse/bundesthemen/gesundheitsreport/dak-gesundheit-fordert-krankenstands-gipfel-beim-kanzler_155518
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jana Laborenz
 (DIR) Manuela Heim
       
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