# taz.de -- Kürzungen für Homöopathie: Ungedeckter Redebedarf
> Die Kassen sind leer. Statt das System zu reformieren, wird an Details
> gespart, wie zum Beispiel an der Homöopathie. Das hilft niemandem.
(IMG) Bild: Man geht zum Arzt halt anders als zur Automechanikerin
Im Grunde ist es müßig, sich einzelne Punkte herauszugreifen, weil die
ganze Perspektive schief ist. Der [1][Kommissionsvorsitzende] Wolfgang
Greiner hat das schön auf den Punkt gebracht, als er sagte, es gehe darum,
eine „Rückkehr zur einnahmeorientierten Politik“ einzuleiten. Die Leitidee
ist also die Bilanz, nicht der Bedarf. Unklar ist nur, was Wolfgang Greiner
mit Rückkehr meint: Die Idee, dass sich die Gesundheit der Bevölkerung
rechnen muss, bestimmt seit den 90ern die politischen Entscheidungen.
Eine der Empfehlungen der Kürzungskommission ist die ersatzlose Streichung
[2][homöopathischer Leistungen]. Das klingt auf den ersten Blick sinnvoll,
weil was nachweisbar nichts bringt, sollte auch nicht solidarisch bezahlt
werden. Abseits der Häme und der nicht immer von Wohlwollen bestimmten
Debatte um Homöopathie stellt sich aber tatsächlich die Frage: Warum
existiert diese Quacksalberei überhaupt?
Fragt man die Krankenkassen, warum sie bisher homöopathische Behandlungen
bezahlt haben, dann nennen sie in der Regel einen Grund: weil sie beliebt
sind. Und aus bilanzieller Sicht spricht auch nicht viel dagegen: Die
Ausgaben bewegen sich im Promillebereich.
Der Anteil homöopathischer Mittel liegt, gemessen am gesamten
Arzneimittelmarkt, ungefähr bei 1,3 bis 1,5 Prozent. Im Jahr 2023 sind laut
dem Forschungsunternehmen IQVIA in den Apotheken landesweit 45 Millionen
homöopathische Arzneimittel abgegeben worden. Der Kostenfaktor ist also
eher vernachlässigbar.
## Patient*innen als Menschen wahrnehmen
Es stellt sich nichtsdestotrotz die Frage, warum [3][diese Art der
Behandlung so beliebt ist]. 2019 wählte die Vorsitzende der homöopathischen
Ärzt*innen Cornelia Bajic die schöne Formulierung, Homöopathie sei im
Gegensatz zur Schulmedizin „narrativ basiert“. Das bedeutet:
studienirrelevante Faktoren wie Empathie, Zeit und Zuwendung spielen eine
viel größere Rolle im homöopathischen Kontext. Anders gesagt: Es ist zwar
Quatsch, aber man kann quatschen.
Man geht zum Arzt halt anders als zur Automechanikerin. Patient*innen
als Mensch wahrzunehmen und ihnen Verständnis angedeihen zu lassen, ist in
Zeiten von Kostendruck und Zeitnot keine Kernkompetenz der herkömmlichen,
faktenbasierten Medizin. Deren Ziel scheint allzu oft eher die
Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit von Personen.
Welcher Arzt, welche Ärztin hat schon Zeit, sich bis zu 90 Minuten mit
einem Patienten, einer Patientin zu unterhalten? (Diese Zeit nehmen sich
ein*e homöopathische*r Ärztin*in für ein Erstanamnesegespräch.)
Es gibt hier einen Bedarf, der über konkrete Wirksamkeiten hinausgeht. Die
Homöopathie füllt diese Lücke; sie ist selbst nur Symptom einer Störung im
medizinischen Apparat. Hier jetzt einfach die Kosten zu streichen, ohne
diesen Bedarf anzuerkennen, ist im Grunde auch nur ein Herumdoktern an den
Bilanzen der Maschine Mensch.
Dazu passt dann auch, dass ab dem [4][ersten April bei niedergelassenen
Psychotherapeut*innen] gespart wird: Die Kürzungen bei den Honoraren
belaufen sich auf 4,5 Prozent. Da wächst dann der Anreiz, lieber mehr
Privatpatient*innen aufzunehmen, sonst lohnt sich das finanziell
nicht. Man könnte also sagen, dass die Expertenkommissionen schon Löcher
stopft, das ja, und eines davon ist das offene Ohr in der Medizin.
31 Mar 2026
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