# taz.de -- Die Nöte der Menschen sehen: Missmut zeigen
       
       > Einfach ein Taxi nehmen, wenn sonst wieder nichts geht? Das gilt für die,
       > weiß unsere Kolumnistin, die eben Kuchen essen, wenn das Brot mal alle
       > ist.
       
 (IMG) Bild: Einfach immer schnell weg und das Taxi nehmen. Wenn man sich es halt leisten kann
       
       Mecker doch nicht immer“, gibt der Liebste der Fußgängerin auf der Suche
       nach Kolumnenthemen einen gut gemeinten Rat: „Du erlebst doch auch Schönes
       bei deinen Spaziergängen durch die Stadt!“ Ja, das kommt vor, und dann
       schreib ich auch drüber. Erst neulich erfreute mich ein Graffiti, das
       einfach aus einem schönen Wort bestand: „Gnaddeln“ leuchtete da in bunten
       Buchstaben durch den grauen Wintertag und versetzte mich sofort in gute
       Stimmung. Gnaddeln, das klang nach der norddeutschen Heimat meiner Mutter,
       wo ich nie gelebt habe, der ich mich aber dennoch verbunden fühle: vor
       allem durch das stets liebevoll klingende Plattdeutsch meiner Oma. Ich sah
       nach, was das Wort bedeutet; es ist tatsächlich Platt, auf Hochdeutsch
       heißt es missmutig sein und dem Ausdruck verleihen.
       
       Tja, liebe Leser:innen, das ist dann wohl Schicksal, und da müssen wir
       jetzt gemeinsam durch bzw. ich muss und Sie möchten, das hoffe ich
       jedenfalls.
       
       Denn ich verstehe meinen Kolumnentitel ja schon auch als eine Art
       Klassenbegriff: Als Fußgänger:in zählt man nicht zu jenen, die sich
       einfach ein Taxi nehmen können, wenn die BVG, Berlins öffentlicher
       Nahverkehr, streikt – jene, die eben Kuchen essen, wenn das Brot mal alle
       ist. Dabei könnte ich mir das durchaus ab und zu leisten, seit ich einen
       Arbeitgeber habe, der seine Beschäftigten nach dem Ländertarif für den
       öffentlichen Dienst bezahlt. Was übrigens heißt: Erstreiken die
       BVG-Kolleg:innen höhere Löhne, profitiere ich irgendwann auch davon.
       
       Aber trotzdem, liebe Leser:innen: Haben Sie das mitbekommen? Als Berlins
       Krankenhäuser [1][bei tagelangem Glatteis] auf schlecht geräumten Gehwegen
       [2][wegen der vielen Sturzverletzten den Notstand ausrufen] mussten, fuhren
       Anfang Februar [3][während des BVG-Streiks Straßenbahnen leer durch die
       Stadt] – leer vorbei an denen, die nun zu Fuß zur Arbeit mussten, Streik
       hin, Glatteis her. Das Bild dieser leeren „Geisterbahnen“, die hell
       erleuchtet, sicher und beheizt an Menschen vorbeifahren, die bei Minus 9
       Grad am noch dunklen Berliner Morgen über glatte Gehwege stolpern, geht mir
       nicht mehr aus dem Kopf. Wer fällt so eine menschenfeindliche Entscheidung?
       Und wo blieb der Aufschrei dagegen, der Protest?
       
       Deutschland werde zunehmend zu einer „Untertanen-Demokratie“, lese ich in
       einer Berliner Zeitung, die mal links war und sich seit langem in
       AfD-Richtung bewegt. Die These des Autors, gleich in den ersten Zeilen des
       Textes zu lesen: Da der Staat trotz hoher Steuerlasten in Bereiche wie
       Infrastruktur oder Gemeinwesen kaum noch investiere, sinke das
       „Grundvertrauen“ in die Demokratie. (Warum das in eine
       Untertanen-Demokratie führen soll, bleibt mir schleierhaft; für das Tor
       durch die Paywall zum ganzen Text mochte ich nicht zahlen.)
       
       Doch es erschreckt mich, wenn sich meine Gedanken mit denen Rechter
       überlappen: Ich bin eine Linke ohne jedes Vertrauen in das
       Demokratieverständnis insbesondere rechter Parteien. Dennoch: „Die AfD ist
       da!“, klagt eine Freundin, die zu rechtsextremen Strategien forscht. „Die
       machen Bürgerarbeit, sind da ansprechbar für Leute, wo sich sonst kein
       Politiker blicken lässt.“
       
       Genau da beginnt das Problem, fürchte ich. Wenn politische
       Amtsträger:innen zu häufig kranke Arbeitnehmende, zu faule Eltern,
       „Lifestyle-Teilzeit“ anprangern, zeigt das nicht nur, dass sie null Ahnung
       davon haben, wie viele Menschen in diesem Land darum kämpfen müssen, ein
       halbwegs gutes Leben organisieren und bezahlen zu können. Es ebnet auch den
       Weg für politisches Handeln, das die Nöte und Bedarfe dieser Menschen
       ignoriert. Sie werden zu „Untertanen“, die zwar ab und an wählen dürfen,
       sich dann aber bloß nicht mehr mucken sollen: eine ganz schlechte Basis für
       Demokratievertrauen.
       
       Und: Nein, ich bin keine dieser „Wutbürger:innen“. Ich gnaddel bloß gern.
       
       1 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schneeraeumung-in-der-Stadt-Wer-im-Winter-das-Tausalz-wert-ist/!6144247
 (DIR) [2] https://berlin.t-online.de/region/berlin/id_101135714/glaette-in-berlin-kliniken-kaempfen-mit-patientenansturm.html
 (DIR) [3] /Verdi-und-BVG-schliessen-Kompromiss/!6150166
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alke Wierth
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Untertan
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Wutbürger
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Kolumne Die Fußgängerin
 (DIR) Streik
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) 48 Stunden lang fährt nichts: Warnstreiks im Nahverkehr angelaufen
       
       Am frühen Morgen haben die bundesweiten Warnstreiks im Nahverkehr begonnen,
       vielerorts dauern sie bis morgen. Eine Lösung des Tarifkonflikts scheint
       weit entfernt.
       
 (DIR) Zuversicht im Krankenhaus: Was Intimes, fast wie ein Geheimnis, aber warum?
       
       Unsere Kolumnistin war im Krankenhaus, sie wurde operiert. Nach der
       Operation einen guten Kaffee zu bekommen, sagt sie, ist einfach was
       Wunderbares.
       
 (DIR) Morgens auf der Sonnenallee: Das Stadtbild in Berlin-Neukölln kurz nach 9 Uhr
       
       In der Frühe ist die Stadt angenehm ruhig. Ein Spaziergang durch die
       Sonnenallee – wenn sie mal nicht so sehr nach Müll, Abluft und Abgasen
       stinkt.
       
 (DIR) Boomer brauen Bier: Ich glaub, es hackt!
       
       Ob das Interesse fürs Bierbrauen mit dem Älterwerden zusammenhängt, ist
       noch sehr die Frage. Aber dass es was mit einem macht, ist offensichtlich.