# taz.de -- Selbstmorde in Iran: Eine Kampagne gegen die Freude
       
       > Drei Tage war Arezou in Haft. Zurück zu Hause nahm sie sich das Leben.
       > Suizide nach der Entlassung aus dem Gefängnis gehören in Iran zur
       > Lebensrealität.
       
 (IMG) Bild: In Teheran leben und leiden Menschen im Schatten einer Regierung, die sich als Vertreterin göttlichen Willens ausgibt
       
       Als sie die Tür aufbrechen, liegt ihr Körper erstarrt auf dem Bett. Nur
       drei Tage im Gefängnis hatten ausgereicht, um Arezou von einer
       Universitätsstudentin in einen Schatten ihrer selbst zu verwandeln. Seit
       ihrer Rückkehr aus dem Gefängnis hatte sie mit niemandem mehr gesprochen,
       so erzählt es ihr Bruder. Ihr Körper war voller Blutergüsse, der Blick
       leer. Wenige Tage nach ihrer Entlassung nimmt sie sich das Leben. Ihre
       Familie sagt: „Die Autopsieergebnisse zeigten, dass sie in Haft
       vergewaltigt worden war.“
       
       Geschichten wie Arezous landen nur selten in den Medien. Sie werden oft
       mündlich weitergegeben, hinter vorgehaltener Hand. Viele betroffene
       Familien sind nicht bereit, darüber öffentlich zu sprechen. Andere werden
       durch Drohungen der Sicherheitskräfte zum Schweigen gebracht.
       
       Und doch gibt es sie, die dokumentierten Berichte über Suizide in der
       Islamischen Republik Iran. [1][Mehdi Khobat, der Ehemann von Shahla Kakayi,
       ist ein solcher Fall] Das Ehepaar wurde von Staatsdienern mit Schusswaffen
       angegriffen, Kakayi starb auf der Stelle, Khobat kam ins Krankenhaus. Nach
       seiner Entlassung nahm er sich das Leben. Ein anderes Beispiel: Farhad
       Salari und Erfan Taherkhani, zwei Medizinstudenten der Universität Teheran,
       starben ebenfalls, wohl durch einen gemeinsamen Selbstmord. Ihre leblosen
       Körper wurden in ihrem Wohnheim gefunden.
       
       Das sind nur zwei von vielen Fällen, die jüngst öffentlich bekannt wurden.
       Das Ausmaß des Problems ist so groß, dass sogar der Leiter der iranischen
       staatlichen Wohlfahrtsorganisation [2][einen Anstieg der Selbstmorde unter
       jungen Menschen, Jugendlichen und Frauen meldete]. Genaue Zahlen sind
       jedoch schwer zu finden. In einem Bericht der Organisation Iran Human
       Rights Monitor aus dem Jahr 2025 steht: Von 2016 bis 2022 habe die Zahl der
       Suizide um über 50 Prozent zugenommen. Von 100.000 Menschen in Iran hätten
       sich im Jahr 2023 im Schnitt fast 9 das Leben genommen, Prognose steigend.
       
       ## Moderne Gesellschaft vs. prämoderne Machtstruktur
       
       Iran ist geprägt von einem tiefgreifenden Widerspruch: Straßen voller
       junger Menschen, die mit der Welt verbunden sind – im Schatten einer
       Regierung, die sich als Vertreterin göttlichen Willens ausgibt. Moderne
       Gesellschaft versus prämoderne Machtstruktur. Eine Kluft, die immer breiter
       wird. Und dazwischen leben und leiden die Menschen.
       
       Immer wieder führt das zu Konflikten: wie etwa im Januar 2026. Die
       Demonstrationen gegen die Wirtschafts- und Währungskrise mündeten schnell
       im Protest gegen den Klerikalstaat. [3][Über 36.500 Menschen wurden dabei
       getötet, so berichtet es etwa "Iran International]“, und beruft sich auf
       Dokumente, die dem Medium vorliegen. US-Präsident [4][Donald Trump spricht
       von 32.000 Toten], die Zivilorganisation [5][HRANA von über 7.000 Toten]
       und fast 12.000 Fällen, in denen eine Bestätigung noch aussteht.
       
       Trotz der staatlichen Gewalt gibt es schon wieder Proteste, bislang
       konzentriert an den Universitäten: Eine Generation, die in einer digitalen
       Welt aufgewachsen ist, sieht sich mit einer Struktur konfrontiert, die
       weder wirtschaftliche Zukunft noch Freiheit bietet.
       
       An der Spitze dieser Struktur steht Ali Chamenei – ein Geistlicher, dessen
       offizieller Titel „Oberster Führer der Islamischen Republik“ lautet, dessen
       Rolle nach dem Duktus des Regimes aber weit über die des Staatsoberhauptes
       hinausgeht. Er positioniert sich innerhalb einer von seinem Vorgänger
       Ruhollah Chomeini begründeten Doktrin: Velayat-e Faqih, die
       Statthalterschaft des Rechtsgelehrten. Gemäß dieser Theorie betrachtet er
       sich als Führer der Schiiten weltweit, dem nicht nur politische Autorität
       übertragen wurde, sondern auch die Aufsicht und Kontrolle über alle
       Lebensbereiche.
       
       Innerhalb eines solchen Systems kann politische Dissidenz leicht als
       „ideologische Abweichung“ oder „Bedrohung der nationalen Sicherheit“
       umgedeutet werden. In Iran fungiert auch der Hidschab als Mittel zur
       Durchsetzung dieser Ideologie. Er ist nicht nur eine Kleiderordnung,
       sondern symbolisiert die staatliche Dominanz über das Private.
       
       Die Islamische Republik führt in diesem Sinn auch eine stille, anhaltende
       Kampagne gegen die Freude an sich. Nationale Feste wie Nowruz und
       Chaharshanbe Suri wurden zeitweise gänzlich verboten oder stark
       eingeschränkt. Der Konsum von Alkohol wurde verboten. Für
       Unterhaltungsformen, die ausschließlich dem Vergnügen dienen, gibt es in
       Iran einen speziellen Begriff: „lahw o la’ab“ – frivole Unterhaltung. Ein
       solches Verhalten ist verboten. Wer sich doch in dieser frivolen Freude
       übt, muss mit einer Strafe rechnen. Bestimmte Formen der Unterhaltung
       werden aufgrund ihres Propagandawertes beibehalten, Fußball oder das Kino
       etwa. Doch das Fußballmanagement versinkt in Korruption, und die Filme sind
       der Zensur unterworfen.
       
       Frauen sind die Hauptzielgruppe staatlicher Verbote. Dabei entwickelt sich
       in Iran – wie überall auf der Welt – stetig weiter, wie sie gerne leben
       wollen. Die Islamische Republik geht dagegen brutal vor. Das zeigt nicht
       zuletzt der Fall Arezou, die im Zuge der letzten Proteste verhaftet wurde.
       Ihr Bruder erzählt der taz: „Meine Schwester war erst 23 Jahre alt. Sie war
       nur drei Tage inhaftiert. Als sie nach Hause kam, sprach sie nicht mehr mit
       uns. Sie starrte nur.“ Die Stimme des jungen Mannes zittert. „Als sie
       stundenlang ihr Zimmer nicht mehr verließ, gingen wir hinein und fanden sie
       tot. Kein Brief, keine Nachricht, kein Abschied. Nichts.“ Er weint. „Ihr
       zerbrechlicher Körper und ihr unschuldiges Herz konnten so viel Schmerz
       nicht ertragen.“ Arezou hieß eigentlich anders. Zum Schutz ihrer Familie
       ist der Name verändert.
       
       Verhaftungen, harte Gerichtsurteile und Selbstmorde nach der Entlassung aus
       dem Gefängnis sind Teil der Lebensrealität in Iran geworden. Doch die
       Hoffnung auf einen tiefgreifenden politischen Wandel lebt weiter.
       
       28 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://hengaw.net/fa/news/2026/01/article-205-2?utm_source=chatgpt.com
 (DIR) [2] https://www.iranintl.com/202512292475
 (DIR) [3] https://www.iranintl.com/en/202601255198
 (DIR) [4] https://www.cbsnews.com/news/donald-trump-iran-protest-crackdown-death-toll/
 (DIR) [5] https://www.en-hrana.org/the-crimson-winter-a-50-day-record-of-irans-2025-2026-nationwide-protests/c
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mahtab Qolizadeh
       
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