# taz.de -- Zuwachs im Hühnerstall: Das Wanderhuhn macht, was es will
       
       > Unser Autor hat plötzlich ein Federvieh zu viel im Stall und kann seinen
       > Augen kaum trauen. Hat der Fuchs ihm ein Geschenk gemacht?
       
 (IMG) Bild: Ist das ein Wanderhuhn?
       
       Hatte der Fuchs uns etwa Zuwachs verschafft? Zwei Hühner genommen, aber ein
       neues gebracht? Ich traute meinen Augen kaum.
       
       Doch der Reihe nach: Vor ein paar Wochen, die Schneedecke war gerade
       geschmolzen, tauchte der Räuber wieder auf. Es war wie immer. Man betrat
       das Hühnergatter, [1][traf auf eine aufgeregt gackernde Schar], stutzte,
       schritt den Zaun ab – und fand: Federhaufen, zwei an der Zahl.
       
       Damit nicht weiter dezimiert werden konnte, was der Fuchs von seiner
       Nachtaktion übrig gelassen hatte (vier weiße und eine braune Henne),
       ergriff ich sofort Maßnahmen. Check eins: Ist noch Ladung auf dem
       elektrischen Zaun? Nein, die Klemme war abgerutscht. Check zwei: Ist der
       Zaun noch richtig im Boden verankert? Nein, zwei Heringe sind locker. Check
       drei: Schließt die Stalltür noch automatisch mit der Dämmerung? Dafür
       musste ich die mit einem Lichtsensor ausgestattete Falltür kurz nach
       Sonnenuntergang inspizieren.
       
       Als ich im kargen Restlicht das matschige Gehege betrat, hörte ich ein
       unterdrücktes Gackern. Keine zehn Zentimeter vor mir [2][duckte sich ein
       Huhn auf einem Ast]. Ich packte es schnell entschlossen, drückte es zu den
       anderen Hühnern auf die Sitzstange und machte Feierabend – froh darüber,
       noch einen Vogel gerettet zu haben.
       
       ## Anders als meine Hühner
       
       Am nächsten Morgen hatten wir ein Huhn zu viel, eine braune Henne. Ich
       versuchte mir zwar das Gegenteil einzureden, aber die zwei Federhaufen
       konnten nicht von einem einzigen Huhn stammen, zudem verhielt sich diese
       Henne doch sehr auffällig einzelgängerisch. Und auch ihr Federkleid: Bei
       genauerer Betrachtung war es an der Brust viel heller, als ich es von den
       Braunhühnern kannte.
       
       Zwei Tage später machte ich mich auf die Suche nach ihrer alten Heimat. Ich
       klapperte die Nachbarschaft ab, die ebenfalls Hühner hält. Auf die
       Erzählung, dass uns ein Huhn zugeflogen war, erntete ich nur unverständige
       Reaktionen. „Wir haben einen zwei Meter hohen Zaun, da kommt nichts rein
       und nichts raus“, erklärte mir Nachbar A. Nachbarin B hält Zwerghühner,
       alle viel kleiner als unsere Zuzüglerin. Nachbarin C lachte, als ich mein
       Anliegen vortrug. „Ich habe nur weiße Hühner“, sagte sie. „Aber letztes
       Jahr, da hatte ich auch so ein Wanderhuhn.“ Das sei von Stall zu Stall
       gestreunt – wie eine Katze.
       
       Also behielten wir das Huhn. Es bekam einen festen Platz auf der hinteren
       Sitzstange außen rechts – bis gestern. Da war der Platz leer und nirgendwo
       lag ein Federhaufen. Falls Ihnen die nächsten Tage also ein braunes Huhn
       mit heller Brust begegnet: Es ist ein Wanderhuhn, [3][und das macht sein
       eigenes Ding].
       
       11 Mar 2026
       
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 (DIR) Jörn Kabisch
       
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