# taz.de -- Dauergäste im Hotel: Monteursjahre sind keine Herrenjahre
> Es gibt den Mythos vom Hoteldauergast als Bohemien. Die Realität könnte
> nicht gegenteiliger sein.
(IMG) Bild: Einfaches Hotelzimmer: Dauerwohnen im Hotel muss oft sein und ist oft nicht so luxuriös, wie bei Udo Lindenberg
Was haben Falco, Coco Chanel, Leonard Cohen und Udo Lindenberg gemein? Sie
alle lebten für Monate, Jahre oder Jahrzehnte im Hotel. Lindenberg tut es
noch immer. Und sie alle nähren den Mythos vom Dauergast als Bohemien, der
von Häuslichkeit nichts hält und stattdessen die Hotelsuite als sein
angestammtes Habitat ansieht. [1][Benjamin von Stuckrad-Barre], auch so ein
notorischer Hotelgast, [2][hat es in der taz mal so auf den Punkt
gebracht]: „Elend fängt an, wenn man zuhause kocht.“
Die Realität könnte nicht gegenteiliger sein. Die meisten Langzeitgäste
sind keine so exklusive Klientel, und sie machen das oft nicht freiwillig.
Es sind die Umstände, die sie dazu zwingen. Das kann ihre Herkunft sein,
ein Gebrechen, ihre berufliche Situation, dass die eigene Wohnung
vorübergehend unbewohnbar geworden ist oder man sie gar ganz verlassen
musste und nun keine neue findet. Dann nimmt man sich eben ein Zimmer.
Der Dauergast auf dem Land ist der Monteur. Ich mag diese Klientel, ich
habe mit ihr in den vorigen Jahren gute Bekanntschaft gemacht. Denn wenn
Sie, liebe Leser:innen, sich kaum vorstellen wollen, ein [3][sogenanntes
Monteurzimmer] zu beziehen – dem Monteur geht das genauso, und zwar aus
Erfahrung. Und er ist dankbar, wenn er stattdessen ein einfaches und
sauberes Hotelzimmer bekommt.
Die Monteure, die bei uns logierten, einige von ihnen über Monate immer von
Montag bis Freitag, arbeiteten auf großen Baustellen. Einmal, weil die
Autobahn A3 von Frankfurt am Main bis Nürnberg bis Ende 2025 saniert und
ausgebaut worden ist, und zum Zweiten, weil die Bahnstrecke zwischen
Nürnberg und Würzburg 2024 eine Generalüberholung bekam.
Wir als Gastgeber in unserem kleinen Gasthaus wollten unbedingt einen
Beitrag leisten, damit es mit der Infrastruktur in Deutschland aufwärts
geht. Also legten wir die Frühstückszeiten nach vorn und die Anreisezeiten
an manchen Tagen weit nach hinten, und bekamen unsere Klischees über
Bauarbeiter und Handwerker genau so oft bestätigt wie richtiggestellt: Ja,
dieser Teil der hart arbeitenden Bevölkerung kann schon morgens um halb
sechs zu schwarzem Kaffee Unmengen von Wurstbrötchen vertilgen. Er legt
aber auch auf Häuslichkeit Wert, hat regelmäßig etwas Hausstand im Gepäck,
zum Beispiel gerahmte Familienfotos, Kissen, einen Fernseher, eine
Kaffeemaschine und immer Hausschuhe.
Etwas grenzwertig wurde es nur, als unter den Siebensachen – sehr selten –
auch Herdplatten oder Minikühlschränke auftauchten. Denn, lieber Benjamin
von Stuckrad-Barre: Elend ist, wenn man auf dem Hotelzimmer kochen muss.
27 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jörn Kabisch
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