# taz.de -- Unterschiedliche Zeitgefühle: Fränkische Pünktlichkeit
       
       > Unser Autor hat es oft mit überpünktlichen Gästen zu tun. Als
       > professioneller Gastgeber hat er gelernt, damit umzugehen, wenn die Uhren
       > anders ticken.
       
 (IMG) Bild: Ob Nürnberg, Würzburg oder Bayreuth: In Franken ticken die Uhren anders
       
       Steckt Ihnen [1][die Zeitumstellung auch noch in den Gliedern]? Weil die
       Uhr eine Stunde nach vorne gestellt wurde, verlasse ich mit dem Hund seit
       Tagen wieder im Dunkeln das Haus und [2][trotte durch die Weinberge] in den
       dämmernden Morgen. Das Aufwachen gelingt nur, wenn im Halbdunkel doch ein
       Feldhase aufschrickt, durch die Rebzeilen flieht und der Hund überlegt,
       hinterherzusetzen. Ich habe die letzten Tage schon ein paar Hasen flitzen
       sehen, mein Hund hat nicht einmal hochgeschaut. Ich bin überzeugt:
       [3][Frühjahrsmüdigkeit ist eine Nebenwirkung] der Zeitumstellung.
       
       Das Gefühl für Zeit ist aber eigentlich ein sehr individuelles und dann
       auch noch abhängig von ganz situativen Parametern. Ein Beispiel: Seitdem
       man die Uhr [4][nicht mehr nach der Bahn stellen kann], sind auffällig
       viele Menschen in meiner Umgebung dazu übergegangen, früher zum Bahnhof
       aufzubrechen als notwendig. So als ob man durch persönliche
       Überpünktlichkeit beeinflussen könnte, dass der ICE nicht ganz so spät
       einfährt.
       
       Wegen eines solchen Verhaltens kam es übrigens vor zwei Jahren auf dem
       Münchner Flughafen schon mal zu überlangen Warteschlangen und verpassten
       Flügen. Niemand beim Personal war darauf eingestellt, dass eine ganze Masse
       von Passagieren schon sechs Stunden vor ihrem Abflug durch die
       Sicherheitsschleusen wollte. Sie verstopften dann den Check-in für viele
       derjenigen, die sich wie empfohlen lediglich drei Stunden vor Departure
       Time zum Gate bewegten.
       
       ## Der Gastgeber hat sich anzupassen
       
       Bei uns im Gasthaus führt dieses neue Sicherheitsdenken nur dazu, dass
       Gäste schon mal eine Stunde eher eintreffen, weil sie – ganz unverhofft –
       einen unpünktlichen früheren Zug erwischt haben. Aber es ist eben so: Als
       professioneller Gastgeber hat man sich einfach daran zu gewöhnen, dass bei
       vielen Menschen die Uhren anders ticken.
       
       Bei den Franken habe ich festgestellt, dass deren innere Uhr häufig um 45
       Minuten vorgeht, also zumindest hier bei uns auf dem Land. Deswegen muss
       man schon ab 17.15 Uhr gewärtig sein, dass es an der Gasthaustür klingeln
       kann, obwohl draußen groß dransteht, dass wir ab 18 Uhr geöffnet haben.
       
       Ich nenne dieses Zeitgefühl fränkische Pünktlichkeit. Ein schönes Beispiel
       dafür ist der Taxifahrer, der neulich um 19.30 Uhr bei uns aufgetaucht ist.
       Die Gäste, die ihn im Vorhinein bestellt hatten, waren eben erst mit ihrer
       Vorspeise fertig geworden. Als sie das Missverständnis aufklären wollten –
       „Wir hatten Sie um 21 Uhr bestellt!“, schaute der Fahrer auf die Uhr und
       antwortete gelassen: „Ist ja nur noch eine Dreiviertelstunde“. Und ich ging
       in die Küche und gab Gas.
       
       1 Apr 2026
       
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