# taz.de -- Gewohnheiten auf dem Land: Der vor jedem Auto den Hut zieht
> Auf dem Land gibt es zwei Regeln, die unseren Autor regelmäßig in ein
> Dilemma stürzen. Denn er ist aus der Stadt und liebt das Gassi gehen.
(IMG) Bild: Auch eine motorisierte Begegnung ist eine Begegnung, die Begrüßungsrituale beinhaltet
Mehr als vier Jahre ist es nun her, dass ich die Stadt verlassen habe. Aber
angekommen bin ich auf dem Land noch längst nicht. Es gibt Regeln und
Gewohnheiten, die einen Posturbanen weiterhin vor große Herausforderungen
stellen, vor allem in Kombination.
Die erste – meiner Meinung nach sehr angenehme – Regel geht so: Auf dem
Land grüßt man sich. Immer. Das ist anders als etwa in Berlin. Begegnen
sich dort zwei Personen am Stadtrand in einem Waldstück, werden sie eher
vermeiden, sich gegenseitig anzusehen, geschweige denn anzusprechen. Trifft
man bei uns im Steigerwald auf einen anderen Menschen, sagt man nicht nur
Hallo, oft unterhält man sich noch etwas. Solche Begegnungen passieren
selten genug, da fühlt es sich gut an, für Verbindlichkeit zu sorgen.
Die zweite Regel besagt: [1][Auf dem Land bewegt man sich auf vier Rädern.]
Auch immer. Hier ist es wie in der Stadt, manchmal vielleicht nur extremer.
Eltern bringen Kinder mit dem Auto zum Schulbus, obwohl der Weg zu Fuß nur
ein paar Minuten länger dauert und zudem autofrei wäre, würden die
Erwachsenen einfach alle den Pkw in der Garage lassen. Zu Fuß geht man nur
ausnahmsweise. Oder man ist zu jung für ein Auto. Oder zu alt. Oder man ist
Tourist oder muss ein Baby im Kinderwagen in den Schlaf wiegen. Oder man
führt den Hund aus.
[2][Ich habe einen Hund] und stehe durch die Kombination von Regel Nr. 1
und 2 täglich vor einem Dilemma, das mir wie der Beweis meines
städterischen Ungenügens vorkommt.
Denn was soll man tun, [3][wenn Autos vorbeibrausen] und sich zum Gruß
hinter den Windschutzscheiben Hände bewegen oder die Scheinwerfer
aufgeblendet werden, man aber kaum ein Gesicht erkennt. Ich möchte nichts
lieber, als Regel Nr. 1 zu entsprechen. Gleichzeitig merke ich, dass ein
Leben nach Regel Nr. 2 hier auf dem Land tiefgreifend andere Skills
befördert: Man merkt sich Gesicht, Kfz-Kennzeichen und Namen, in dieser
Reihenfolge.
Das Kennzeichen, habe ich gelernt, kann man heutzutage bei jedem
Fahrzeugwechsel mitnehmen. Man hat es ein Leben lang. Und die allermeisten
binden ihre Initialen ins Kennzeichen ein – eine großartige Eselsbrücke.
Ich lerne also und merke, die Einheimischen wissen besser, über wen man
spricht, wenn man auch noch das Kennzeichen mitliefert, etwa der mit dem
„SC 150“ oder die mit dem „LG 17“, die dazugehörige Tochter fährt die „LG
155“. Aber ich bin über 50, ob ich da noch aufholen werde? Wir haben
immerhin über 800 Einwohner.
Da gehe ich lieber auf Nummer sicher. Und grüße mehr als weniger der Autos,
die im Ort an mir vorbeifahren – einfach alles mit KT im Kennzeichen – KT
wie Kitzingen. Das ist der Landkreis, etwas über 90.000 Einwohner hat er.
Und ich finde das nett. Es gibt Menschen, die ich noch nie außerhalb ihres
Fahrzeugs gesehen habe, die winken inzwischen wie alte Bekannte
überschwänglich zurück.
24 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neuzulassungen-von-Pkw/!6014013
(DIR) [2] /Hunde-bei-den-French-Open/!6184037
(DIR) [3] /Trampen-in-Deutschland/!6134390
## AUTOREN
(DIR) Jörn Kabisch
## TAGS
(DIR) Kolumne Der Wirt
(DIR) Höflichkeit
(DIR) Bayern
(DIR) Kolumne Der Wirt
(DIR) Kolumne Der Wirt
(DIR) Kolumne Der Wirt
(DIR) wochentaz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Weinverkostung: Silvaner Superstar
Riesling, Bacchus, Müller-Thurgau – alles köstliche Weine. Aber seitdem
unser Kolumnist umgeben von Silvaner-Reben ist, hat er einen neuen
Favoriten.
(DIR) Verlorene Gegenstände: Lost and Found
Die Gäste unseres Autors vergessen immer wieder persönliche Objekte in
seiner Pension oder lassen sie zurück. Das ist nicht immer lustig.
(DIR) Unterschiedliche Zeitgefühle: Fränkische Pünktlichkeit
Unser Autor hat es oft mit überpünktlichen Gästen zu tun. Als
professioneller Gastgeber hat er gelernt, damit umzugehen, wenn die Uhren
anders ticken.
(DIR) Zuwachs im Hühnerstall: Das Wanderhuhn macht, was es will
Unser Autor hat plötzlich ein Federvieh zu viel im Stall und kann seinen
Augen kaum trauen. Hat der Fuchs ihm ein Geschenk gemacht?