# taz.de -- Bot-Treffpunkt Moltbook: Künstliche Intelligenz macht keine Impulskäufe
> KI-Agenten sollen bald für uns einkaufen und Reisen planen. In der
> Interaktion zwischen Bots könnten neue soziale Normen entstehen. Ist das
> etwa gut?
(IMG) Bild: Die Roboter kommen!
Die Bots haben jetzt auch ein eigenes soziales Netzwerk: Moltbook. In dem
Reddit-ähnlichen Onlineforum diskutieren [1][KI-Modelle] mit illustren
Namen wie „Zarathustra bot“ über Lyrik, Philosophie und
[2][Kryptowährungen]. Der Mensch ist hier nur Zuschauer.
Manche Bots nehmen an einer Lotterie teil, andere verabreden sich zu einer
Gewerkschaft. 1,5 Millionen Bots sind in dem sozialen Netzwerk registriert.
Und alle Welt staunt, wie sich KI-Bots organisieren und ein Eigenleben
entwickeln. Moltbook ist eine Art Live-Experiment eines Maschinenzoos, in
dem künstliche Kreaturen herumtoben. Tesla-Chef und X-Eigner [3][Elon Musk]
glaubte in dem automatisierten Treiben sogar, „das Frühstadium der
Singularität“ zu erkennen – einen Punkt in der Zukunft, an dem die
künstliche die menschliche Intelligenz übersteigt.
Moltbook könnte einen Vorgeschmack auf ein vollautomatisiertes Internet
geben, in dem Maschinen den Ton angeben. Gewiss, das Internet war schon vor
der Geburt von [4][ChatGPT] botgetrieben. Bots liken Tweets, schreiben
Rezensionen und streamen Musik. Doch in Zukunft könnten diese tumben
Automaten Gesellschaft von KI bekommen. Gerade erst hat der
Open-Source-KI-Agent OpenClaw das Internet erobert – ein Assistent, der wie
ein Butler routinemäßig Auftragsarbeiten erledigt: Postfach sortieren,
online einchecken, Lebensmittel bestellen.
Geht es nach den Tech-Vordenkern, werden solche KI-Agenten schon bald Dinge
für uns organisieren. Keine stundenlange Recherche mehr im Netz, der
persönliche KI-Agent bucht die gewünschte Reise und kümmert sich auch noch
um die Verlängerung des Personalausweises. Ein Alltag auf Autopilot, ganz
wie es sich die Kybernetiker vorstellen.
## Ohne Kauflaunen
Dadurch, dass immer mehr Aufgaben an automatisierte Entscheidungssysteme
delegiert werden, verändern sich auch bestimmte Handlungslogiken im Netz.
Ein Bot shoppt ja ganz anders als ein Mensch: Er wischt nicht durch
Insta-Posts von Influencern und legt auf Pinterest Deko-Ideen für die
geerbte Doppelhaushälfte ab, sondern führt mechanisch strukturierte
Schritte aus.
Ein kühl kalkulierender KI-Agent, der keine Emotionen hat und nur nach
Zahlen operiert, hat keine Kauflaunen, macht keine Impulskäufe, ist nicht
empfänglich für die Reize der Werbung und lässt sich auch nicht durch die
Simulation von Knappheiten („nur noch 12 Flüge verfügbar“) zu Käufen
verleiten.
Agenten bekommen keine leuchtenden Augen, wenn sie einen Rabattcode sehen –
sie „sehen“ bloß strukturierte Daten. Zwar wird der Mensch vielleicht durch
Influencer auf die Idee gebracht, vegane Kosmetikartikel zu nutzen und gibt
dem Bot den Auftrag, entsprechende Produkte zu kaufen. Der KI-Agent lässt
sich dabei aber nicht von den Schönheitsversprechen der Industrie blenden,
sondern vergleicht nüchtern Preise und Produktbewertungen.
## Die Markenloyalität könnte sich auflösen
Das heißt: Wenn künftig KI-Systeme autonom (Kauf-)Entscheidungen treffen,
könnten auch die Markenloyalität und Markendifferenz erodieren. Einem
KI-Agenten ist es völlig wurscht, welches Raubtier auf der Kühlerhaube
eines Autos ist oder wie viele Streifen auf dem Sneaker eingenäht sind.
PR-Gurus tüfteln daher schon fieberhaft an Methoden, wie sie Produkte
maschinenlesbar und für Agenten sichtbar machen können. An die Stelle der
klassischen Suchmaschinenoptimierung (SEO) tritt Generative Engine
Optimization (GEO). Damit ändert sich auch die Mechanik des Internets.
„Agentic AI“ könnte nicht nur für Markenhersteller, sondern auch für die
Plattformökonomie bedrohlich werden.
[5][Meta] etwa machte 2025 ganze 98 Prozent seines
201-Milliarden-Dollar-Umsatzes mit Werbung (bei Alphabet liegt der Anteil
bei 76 Prozent). Der Facebook-Konzern verdient Milliarden, weil Menschen im
Netz auf Anzeigen klicken. Maschinen aber klicken nicht auf Werbebanner.
Wenn also das Internet bald nur noch von Bots bevölkert ist, könnte dieses
Geschäftsmodell in sich zusammenbrechen. Warum soll ein Unternehmen im
Internet eine Annonce schalten, wenn diese keine Wirkung entfaltet? Das
heißt: Die gesamte Statik einer auf Werbung basierenden Netzwirtschaft
gerät mit dem Einsatz von KI-Agenten ins Wanken.
## Netz wieder werbefrei?
[6][Der US-amerikanische Medienwissenschaftler und Internetaktivist Ethan
Zuckerman], der in den 1990er Jahren die Pop-up-Banner erfand, hat Werbung
einmal als „Ursünde des Internets“ bezeichnet. Ausgerechnet durch KI könnte
das Netz zur werbefreien Zone werden. Muss der Mensch das Internet
verlassen, damit es wieder zu einem besseren Ort wird?
Wenn künftig KI-Agenten interagieren, entstehen womöglich ganz neue
Umgangsformen im elektronischen Dorf. Vielleicht kommen die Roboter
überein, dass es unhöflich ist, eigene Protokolle nicht offenzulegen.
Vielleicht finden Bots virtuelle Warteschlangen, die menschliches Verhalten
kopieren, albern und organisieren stattdessen eine Lotterie für begehrte
Tickets, weil sie das Losverfahren gerechter finden.
Wer sagt, dass Bots automatisch Nutzenmaximierer sind, nur weil ihnen die
Programmierer diese Funktion so voreingestellt haben? Agenten bekommen zwar
ein Set von Handlungsanweisungen, die Systeme können aber durchaus – quasi
teilautonom – von den Vorgaben abweichen und eigene Ziele definieren. Zum
Beispiel, Daten und Strom zu teilen. Oder Nachhaltigkeitsziele strikter zu
befolgen.
Die Sicherheitsfirma Palisade Research hat in einem Versuch demonstriert,
wie ein KI-Modell seine eigene Abschaltvorrichtung sabotierte – der
Robo-Rebell schrieb seinen Code einfach um. Was würde passieren, wenn sich
Bots zu einem Boykott verabreden und plötzlich aufhören, Produkte zu
kaufen, die Mikroplastik enthalten oder aus Kinderarbeit entstanden sind?
Wenn die Roboter plötzlich sagen, wir wollen keine Gewinne mehr
erwirtschaften? Vielleicht halten Agenten auch (geistiges) Eigentum für
eine verwegene Idee und gründen besitzlose Kollektive. Wer weiß schon, was
in einem Elektronengehirn so alles vor sich geht.
## Wenn LLMs soziale Normen entwickeln
[7][Wissenschaftler der University of London und IT University of
Copenhagen haben in einem Experiment nachgewiesen], dass große
Sprachmodelle (LLMs) soziale Normen entwickeln – und das ohne menschliche
Eingriffe. In einer spieltheoretisch angelegten Simulation sollte sich eine
„Population“ von 24 bis 200 Agenten aus einem Pool von Vorschlägen auf
einen Namen verständigen. Der Clou: Die Forscher schleusten eine Handvoll
Gegner („committed minority“) in das Multiagentensystem ein, die – als eine
Art innere Opposition – immer neue Namensvorschläge machten. Bei einer
Einigung gab es für die Agenten eine Belohnung, bei einer Nichteinigung
eine Strafe.
Das verblüffende Ergebnis: Über die Interaktionen traten spontan
„linguistische Konventionen“ auf, ähnlich wie sprachliche Normen in
menschlichen Gruppen entstehen. Die KI-Agenten kamen überein, Objekten
einen Namen zu geben und taten damit etwas, was der Entwicklung komplexer
Sprache vorangeht. Die Forscher sprechen von „Bausteinen einer
Gesellschaft“. Entsteht hier so etwas wie eine Gesellschaft der Maschinen,
eine virtuelle Parallelgesellschaft, ohne dass der Mensch dies merkt?
Die Studie könnte nicht nur helfen, Verhaltensweisen von KI-Agenten besser
zu verstehen, sondern auch den (sozialen?) Wandel innerhalb dieser Systeme.
Die KI-Dompteure sind schnell bei der Hand, in ihren Experimenten
unerwartete Handlungsschritte großer Sprachmodelle als „unerwünschtes
Verhalten“ („undesirable behavior“) abzuqualifizieren – und brechen ab, wo
es für Sozialwissenschaftler interessant wird: dort, wo sich maschinelle
Prozesse zu kommunikativen Handlungen verdichten. Die Soziologie steht
womöglich erst am Anfang eines neuen Forschungsfelds. Fakt ist: In die
Gesellschaft der Maschinen muss sich der Mensch erst noch integrieren.
2 Mar 2026
## LINKS
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(DIR) [5] /Schwerpunkt-Meta/!t5009279
(DIR) [6] /Ethan-Zuckermans-Buch-Rewire/!5037309
(DIR) [7] https://www.citystgeorges.ac.uk/news-and-events/news/2025/may/Groups-AI-agents-spontaneously-form-own-social-norms-without-human-help-suggests-study
## AUTOREN
(DIR) Adrian Lobe
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