# taz.de -- ICE-Abzug aus Minneapolis: „Nichts wird mehr so sein wie vorher“
       
       > Die ICE-Kräfte sind aus Minneapolis abgezogen. Doch sie hinterlassen eine
       > traumatisierte Stadt – und Menschen, die weiter Widerstand leisten
       > werden.
       
 (IMG) Bild: Ende der ICE-Zeit? Ein ICE-Einsatz am 5. Februar 2026 in Minneapolis
       
       Anne Lehman konnte weder Erleichterung noch Freude verspüren, als sie am
       Donnerstag diese Nachricht erreichte: Donald Trumps Einwanderungstruppe ICE
       [1][sollte aus ihrer Heimatstadt Minneapolis abziehen]. „Wir sind alle viel
       zu erschöpft“, sagte sie am Telefon in ihrem Geschäft in der Gegend
       Powderhorn im Süden von Minneapolis. „Außerdem trauen wir diesen Typen
       nicht. Ich glaube das erst, wenn ich das sehe.“
       
       Lehmans Stimmung spiegelte die Gefühlslage in ganz Minneapolis am
       Donnerstag wider. Sogar der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey,
       hatte im Fernsehen die rund 435.000 Bürger der Stadt dafür gelobt, [2][sich
       gegen ICE gestemmt] und mit ihrer Forderung nach Rechenschaft und ihrer
       Dauerbeobachtung von ICE die Trump-Regierung unter Druck gesetzt zu haben.
       „Das ist ein Triumph für unsere Bürger und für die Demokratie“. Doch in der
       Stadt fühlte es sich nicht wie ein Triumph an.
       
       Es gab keine spontanen Straßenfeste, wie noch vor wenigen Wochen, als der
       martialische [3][ICE-Chef Greg Bovino] aus Minneapolis abgezogen wurde.
       Stattdessen gab es eine stille Mahnwache an dem Ort, [4][an dem der
       Krankenpfleger Alex Pretti erschossen worden war]. In Gruppen von zehn
       Personen traten die Menschen von Minneapolis an das improvisierte Denkmal
       heran und gedachten stumm des Toten.
       
       Ganz ähnlich ist auch die Haltung von Anne Lehman. „Es ist zu viel
       passiert, als dass wir uns jetzt freuen können. Nichts wird mehr so sein
       wie vorher. Es gibt ein Minneapolis vor der Invasion und ein Minneapolis
       danach.“
       
       ## Kollektives Trauma für Minneapolis
       
       Sie selbst sprach von einem „komplexen Trauma“, das sie erlitten habe: „Ich
       kann nicht mehr schlafen, ich zucke bei jeder Kleinigkeit zusammen.“ Eine
       Formulierung, die auch der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, verwendete.
       „Minneapolis hat ein kollektives Trauma zu verarbeiten.“
       
       Menschen wie Anne Lehman sind davon besonders betroffen. Ihr Sex-Shop
       „Smitten Kitten“ war von Anfang an ein Zentrum der Nachbarschaftshilfe. Vom
       ersten Tag an sammelte sie Lebensmittel und Geld für Nachbarn, die keine
       Dokumente haben und die sich nicht mehr vor die Tür trauten. Sie holten von
       ICE festgenommene Menschen, die in Texas gestrandet waren, zurück und
       halfen ihnen beim Neustart.
       
       Smitten Kitten wurde [5][ein Hauptquartier des Widerstands], und Anne
       Lehman bekam das zu spüren. „ICE hat mich permanent beobachtet, sie waren
       in zivil in meinem Laden, sie haben mich beschimpft und bespuckt.“
       
       Das Gefühl der Belagerung und des Ausnahmezustands wird in Minneapolis noch
       lange anhalten. Und dann gibt es noch ganz handfeste Folgen der
       ICE-Invasion, unter denen die Stadt leidet. Die Lokalzeitung Minneapolis
       Star zählte etliche Schulen auf, an denen der Unterricht unterbrochen
       wurde. Geschäfte mussten schließen, weil sie keine Mitarbeiter mehr hatten.
       Betroffene verloren ihre Jobs und werden diese vermutlich nicht wieder
       zurückbekommen.
       
       ## Ratschläge für die nächste Stadt, die ins Visier von ICE gerät
       
       Auch von Einwanderer-Communitys wurde berichtet, die über Jahrzehnte
       gewachsen und die jetzt zerstört sind. „Die Operation mag zu Ende sein.
       Aber die entführten Menschen sind immer noch verschwunden. Familien sind
       noch immer auseinandergerissen. Und die ICE-Milizen ziehen weiter in die
       nächste Stadt“, hieß es dort.
       
       Daran musste auch Anne Lehman denken. So postete sie am Donnerstagabend auf
       Instagram ein Video mit Ratschlägen für die nächste Stadt, die ICE ins
       Visier nimmt. „Besorgt Euch Walkie-Talkies. Öffnet einen Signal-Chat. Und
       freundet Euch mit Euren Nachbarn an, weil sie die einzigen sind, die Euch
       helfen werden.“
       
       Das ist eine starke Hinterlassenschaft der furchtbaren 70 Tage von
       Minneapolis. Es war ein Lehrstück in Mut und Solidarität. Und das nicht nur
       für US-amerikanische Städte.
       
       13 Feb 2026
       
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