# taz.de -- Neues russisches Geschäftsmodell: Die Todeswirtschaft
       
       > „Deathonomics“ nennen Ökonomen Putins Kriegswirtschaft. Das hat die
       > Wirtschaft angekurbelt, doch jetzt rutscht Russland rasant in die Krise.
       
 (IMG) Bild: Die Löhne für Soldaten – laut dem Plakat der „Stolz Russlands“ – haben die russische Wirtschaft am Laufen gehalten, so eine Studie
       
       Mit enormen Geld- und anderen Versprechen hat Russlands Machthaber Wladimir
       Putin mehr als eine Million Russen an die Front gelockt. Die
       Todeswirtschaft hat Russlands Wirtschaftswachstum angekurbelt. Aber eine an
       diesem Montag vorgestellte Studie „Deathonomics“ kommt zu dem Schluss:
       „Russlands zynische Kalkulation für einen kurzfristigen Gewinn“, wie Autor
       Wladislaw Insosemzew das Putin…sche Geschäftsmodell nennt, „wird der
       russischen Gesellschaft und Wirtschaft schweren Schaden zufügen“. Die
       Studie kommt vom Pariser Institut français des relations internationales
       und liegt der taz vorab vor.
       
       „Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen in Russland ein elendes Leben
       ohne Perspektiven führen“, so der auf Zypern lebende russische Ökonom
       Inosemzew, „wird der Tod zum wirtschaftlich effektivsten Weg, sein Leben in
       Putins Reich zu leben“.
       
       Dabei setzt der Kreml auf enorme Summen – und gezielt auf Häftlinge,
       Verarmte, Überschuldete und Menschen aus Randgebieten des Riesenreichs.
       Oder wie es Inosemzew zynisch formuliert: Der Kreml kaufe „das Leben von
       Russen, die praktisch keinen wirtschaftlichen Wert hatten – und zahlt ihnen
       mehr, als diese Menschen bis zu ihrer Rente hätten verdienen können. Diese
       Politik führte zu einer erheblichen Finanzspritze für die Wirtschaft und
       zum starken Anstieg der Löhne in den meisten Sektoren, was den Konsum
       ankurbelte.“
       
       Russland habe so in den Jahren nach der Vollinvasion der Ukraine 2022 ein
       nachfragegetriebenes Wirtschaftswachstum erlebt. Vor allem in bis dahin
       wirtschaftsschwachen Regionen, aus denen die meisten derjenigen kamen, die
       für die Armee angeworben wurden. Ein Drittel der russischen Häftlinge sind
       in den Krieg gezogen, überwiegend Arbeitslose und Menschen mit geringem
       Bildungsgrad aus wirtschaftlich rückständigen Regionen. Ein
       Wirtschaftswunder mit neuen Häusern, teuren Autos und modernen Restaurants
       in zuvor verarmten Dörfern – bezahlt mit Blut.
       
       ## „Fleischwolf“ und „Sargprämie“
       
       Deathonomics eben. Die enormen Anwerbeprämien (bis zu 4 Millionen Rubel,
       umgerechnet 52.000 Euro), ein Jahressold von 5,2 Millionen Rubel,
       Schuldenerlasse und andere Vergünstigungen sowie eine im Volksmund
       „Sargprämie“ genannte Zahlung an Hinterbliebene eines Gefallenen von 5
       Millionen Rubel: Durchschnittlich belaufen sich die Kosten pro Söldner auf
       über 200.000 Euro. Das sind gut 13 durchschnittliche Jahreslöhne (99.400
       Rubel), steuerfrei. Inosemzew kommt sogar in einigen Fällen auf das
       24-Fache, worauf normale Werktätige allerdings noch Steuern bezahlen
       müssten.
       
       „Putin kauft sich Soldaten, [1][fast egal, was es kostet]“, meint der am
       Stockholmer Zentrum für Osteuropastudien arbeitende russische
       Militäranalyst Alexander Golz. Etwa 40 Prozent der Befragten sprachen sich
       in einer Umfrage dafür aus, dass ein Familienangehöriger unter diesen
       Bedingungen zur Armee gehen sollte.
       
       Die in Russland „Fleischwolf“ genannte Kriegsführung – in riesigen
       menschlichen Angriffswellen ohne Rücksicht auf Verluste unter eigenen
       Soldaten auf den Gegner zurennen – erfordert nach Schätzungen von
       Militärexpert:innen in der Ukraine [2][fast 40.000 neue Soldaten pro
       Monat]. Inosemzew: „Selbst die Erhöhung der Personalkosten auf ein
       beispielloses Niveau hat die russische Armee nicht effektiver gemacht. Dies
       ist der gravierendste Mangel der Deathonomics.“
       
       Inosemzew, früher Professor an der Moskauer Higher School of Economics und
       dann Gründer des Center for Analysis and Strategies in Europe auf Zypern,
       sieht die enormen Zahlungen als „erheblichen Stimulus für die angeschlagene
       russische Wirtschaft“. Jährlich würden 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
       allein für diese Soldzahlungen und Todesfallleistungen aufgewandt.
       
       ## Ökonom: „Deathonomics lösen kein einziges Problem“
       
       Ökonomisch gehe diese Kalkulation bisher für den Kreml einigermaßen auf.
       Aber staatlich orchestrierte Großinvestitionen in Russland – eine
       Alternative zur Todeswirtschaft – erweisen sich fast immer als
       Rohrkrepierer: Bisher sei keine der großspurig als Alternative zu Airbus
       und Boeing angepriesenen Jakowlew-MC21 Mittelstreckenflieger an
       Fluggesellschaften ausgeliefert worden. Die Produktion eines eigenen
       russischen Halbleiters, der Baikal-M-Chips, wurde abgeblasen.
       
       Die Deathonomics lösten „keines der drängendsten Probleme“, so Inosemzew:
       „Das wird weder den technologischen Rückstand überwinden noch die
       demografische Dynamik oder Russlands Position auf den globalen Märkten
       ändern. Dennoch fördert dieses Schema ein gewisses ‚Wachstum ohne
       Entwicklung‘“. Diese Wachstumsraten werden „bezahlt mit Blutvergießen und
       Todesfällen, aber die russische Führung zeigt sich davon völlig
       unbeeindruckt“.
       
       Zusätzlich hat sich der gewaltige Kaufkraftschub durch Mega-Sold und
       „Sargprämien“ in stark gestiegener Inflation entladen. Infolgedessen hat
       die Russische Zentralbank den Leitzins auf bis zu 21 und zuletzt 16 Prozent
       festgesetzt. Die hohen Militär-Saläre und stark gestiegene Löhne in der
       Rüstungsindustrie haben dazu geführt, dass zivile Produktion nicht mehr
       konkurrenzfähig ist, Kredite unfinanzierbar wurden, Insolvenzen und „faule“
       Kredite massiv anstiegen.
       
       Die Folge: Russlands Industrie steckt in der Rezession, die Staatseinnahmen
       sinken dramatisch. Der vor dem Krieg [3][aus Gas- und
       Öl-Einnahmeüberschüssen] mit fast 800 Milliarden Dollar gefüllte
       Reservefonds für schlechte Zeiten (FNB) schmilzt wie Schnee in der Sonne.
       Bei der weiteren Ausgabewelle rechnen Ökonom:innen mit einem Leeren zum
       Jahresende und rasant steigenden Haushaltsdefiziten in dem bisher durch
       Überschüsse verwöhnten Land.
       
       9 Feb 2026
       
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