# taz.de -- Unwiderrufliche Erderhitzung: Klimaforscher warnen vor nahen Kipppunkten
       
       > Rückkopplungen und Kipppunkte könnten einander verstärken und die Erde
       > noch weiter erhitzen. Die Menschheit müsse sofort umsteuern, fordern
       > Forscher.
       
 (IMG) Bild: Der Grönländische Eisschild ist einer der Kipppunkte, die dazu beitragen könnten, andere Erdsysteme ebenfalls zum Kippen zu bringen
       
       Namhafte Klimaforscher warnen eindringlich vor einer nahezu
       unwiderruflichen Erderhitzung, falls die Menschheit nicht schnell aufhört,
       Kohle, Gas und Öl zu verbrennen sowie Wälder zu roden und Moore
       trockenzulegen. „Vor mehr als 11.000 Jahren hat sich das Erdklima nach
       Millionen Jahren zwischen wärmeren Perioden und Eiszeiten stabilisiert,
       wodurch Landwirtschaft und komplexe Gesellschaften möglich wurden“, sagt
       Willian Ripple, der am Oregon State University College of Forestry in den
       USA forscht. „Nun entfernen wir uns von dieser Stabilität und könnten in
       ein Zeitalter beispiellosen Klimawandels eintreten.“
       
       In einem Kommentar, der am Mittwoch [1][in der Fachzeitschrift OneEarth
       erschien], beschreibt ein internationales Forscher*innenteam, wie
       verschiedene Faktoren zusammenkommen könnten, um die Erde in ein
       sogenanntes Hothouse zu verwandeln. Beteiligt waren unter anderem der
       ehemalige Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans
       Joachim Schellnhuber, sowie der aktuelle PIK-Präsident Johan Rockström.
       
       Als Hothouse-Zustand wird ein Erdklima beschrieben, das 6 bis 8 Grad heißer
       ist als derzeit und in dem der Meeresspiegel um viele Meter höher liegt.
       Das war in der Erdgeschichte unter anderem zwischenzeitlich der Fall, als
       Dinosaurier lebten. Aus einem solchen Zustand wieder in das aktuelle Klima
       zurückzukehren, sei nahezu unmöglich, schreiben die Forscher*innen.
       
       Die Wissenschaftler*innen weisen darauf hin, dass eine Reihe von
       Folgen der Erderhitzung den Klimawandel weiter verstärkt. Zum Beispiel
       tritt aus tauendem Permafrostboden mehr Methan und CO₂ aus, die die Erde
       dann weiter erhitzen.
       
       Außerdem können einzelne Erdsysteme „kippen“, also ab einem bestimmten
       Punkt nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden.
       Dazu gehören unter anderem die Atlantische Umwälzzirkulation Amoc, [2][die
       Europa ein gemäßigtes Erdklima beschert], der Grönlandeisschild oder der
       Amazonas-Regenwald. Viele dieser Kipppunkte machen die Erde ebenfalls
       heißer, sollten sie eintreten.
       
       ## Physiker: Modelle stellen Rückkopplungen sehr gut dar
       
       Verstärken sich diese Rückkopplungen gegenseitig oder lösen sogar
       Kipppunkte aus, könnte sich die Erde Richtung Hothouse bewegen und noch
       schneller erhitzen, als Modelle derzeit voraussagen, warnen die
       Forscher*innen.
       
       Der Physiker Niklas Boers von der Technischen Universität München und dem
       PIK macht aber darauf aufmerksam, dass „die positiven und negativen
       Rückkopplungen zum Beispiel durch das im Permafrost gespeicherte Methan in
       den Modellen sehr gut dargestellt sind“. Boers war an dem Kommentar nicht
       beteiligt. Kippsysteme wie der Grönlandeisschild oder die Amoc seien
       dagegen von den Modellen „leider [3][immer noch nicht] gut abgebildet“.
       
       Eine Abbildung im Kommentar stellt den Weg in den Hothouse-Zustand
       allerdings so dar, als würde die Erde ab einem bestimmten Punkt
       unaufhaltsam in Richtung Hothouse-Zustand fallen. Boers zieht ein anderes
       Bild vor. Er vergleicht den Effekt der Kippsysteme auf die Temperatur mit
       einer Treppe, deren Stufen die einzelnen Kipppunkte sind: Reißt man einen
       Kipppunkt, kommt man zwar nicht mehr zurück. Aber eine Treppenstufe
       herunterzufallen hat nicht zwingend zur Folge, dass man die nächste
       Treppenstufe auch herunterfällt: „Ich glaube nicht, dass es den einen
       globalen Kipppunkt gibt, jenseits dessen sich die Erde unaufhaltsam weiter
       erwärmen würde.“
       
       Trotz dieser Vorbehalte will Boers die Warnung der
       Wissenschaftler*innen in OneEarth nicht herunterspielen: „Kommentare
       wie dieser sind wichtig, weil sie darauf aufmerksam machen, [4][dass es
       Worstcase-Szenarien gibt], die wir nicht ausschließen können, und die
       deshalb besser erforscht werden müssen.“ Viele wichtige wissenschaftliche
       Arbeiten seien von Kommentaren angestoßen worden.
       
       Dass die Forschung bezüglich der Rückkopplungen und Kipppunkte nicht
       abgeschlossen ist, räumen auch die Autor*innen des Kommentars ein:
       „Riskieren wir, planetare Kipppunkte zu überschreiten und den Weg in einen
       Hothouse-Zustand einzuschlagen? Die Wissenschaft hat keine klare Antwort,
       aber die Frage verlangt dringend nach Forschung.“
       
       Unsicherheit darüber, wo Kipppunkte liegen, seien zudem kein Grund für
       Verzögerung, sondern für „sofortiges, vorsorgliches Handeln“. Boers stimmt
       zu: „Je größer die Unsicherheiten, desto weniger Risiko sollten wir
       eingehen“, sagte er. „Wir haben keinen Spielraum, mehr Erderwärmung in Kauf
       zu nehmen.“
       
       11 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.cell.com/one-earth/fulltext/S2590-3322(25)00391-4
 (DIR) [2] /Kollaps-wuerde-zu-grosser-Kaelte-fuehren/!6053720
 (DIR) [3] /Kollaps-von-atlantischem-Stroemungssystem/!6110716
 (DIR) [4] /Salzgehalt-im-Ozean/!6114426
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Waack
       
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