# taz.de -- Die Wahrheit: Tagebuch einer Wutrednerin: Parkwahn
       
       > Tagebuch einer Wutrednerin: Kein Wunder, dass in Berlin bei Eisglätte
       > nicht gestreut wird, mit den Anwohnerparkgebühren kommt keine Kohle
       > herein.
       
       „Verlieren“, „Vergessen“, „Verpennen“ und „Verwechseln“ sind die vier
       Grundpfeiler meines Alltagslebens, vor ein paar Wochen war mal wieder
       „Verpennen“ dran.
       
       Mein wegen Öffi-Nutzung vernachlässigtes Auto hielt auf einem
       Bewohnerparkplatz Winterschlaf, und nach dem Abräumen von drei Tonnen
       Schnee rügte ein vereister Strafzettel unterm Scheibenwischer, mein
       Bewohnerparkausweis sei seit drei Monaten abgelaufen. Das Knöllchen
       datierte vom November, wir schrieben Anfang Januar. In meiner Welt haben
       nur die Orga-Streber, die schon in der Schule nie ihren Turnbeutel
       vergaßen, Ablauftermine auf dem Schirm.
       
       Ich übergab das klaglos anspringende Gefährt leihweise einer Freundin,
       widmete mich online der Verlängerung der Parkerlaubnis und erfuhr, bei
       Überschreitung sei ein Neuantrag zu stellen. In Erwartung einer
       Zusatzgebühr füllte ich brav alles aus, aber am Ende aller Eingaben stand
       da die Summe von 20,40 Euro. Ich starrte auf den Screen und erlebte meine
       innere Wandlung zur Wutbürgerin.
       
       Wie bereits erwähnt, bin ich auch im Vergessen groß, weshalb mein
       überlastetes Gehirn den in den Vorjahren bezahlten Betrag offenkundig
       verdrängt hatte. Die Erkenntnis traf mich mit Wucht: Berlin will für zwei
       Jahre Bewohnerparken immer noch nur zwanzig Euro und vierzig Cent. Sind die
       hier irre? Meine mathematischen Talente entsprechen in etwa meiner
       Erinnerungsfähigkeit, aber so viel kann sogar ich mithilfe eines Rechners
       ermitteln: 0,028 Cent pro Tag, für dieses Sümmchen darf mein Auto als einer
       von 208.000 Berliner Blechhaufen auf öffentlichem Raum rumlungern. Ein
       Dumping-Cappuccino bei LAP kostet zweifuffzich, dafür könnte man täglich 89
       Autos parken, wobei jemand, der 89 Autos hat, wahrscheinlich eher keinen
       Dumping-Kaffee trinkt.
       
       „Der Senat könnte in zwei Jahren 520 Millionen Bewohnerparkgebühren für den
       Preis eines täglichen Billigcappuccinos einsacken! Kassiert aber nur 4,25
       Millionen bei 0,028 Cent! 515,75 Millionen Differenz!“, wutschnaubte ich
       einem Freund ins Telefon, bis er mich freundlich unterbrach: „Schrei's doch
       vom Balkon, das bringt dich runter.“
       
       Und das tat ich. „I'm mad as hell and I'm not going to take it anymore!“,
       brüllte ich wie Peter Finch im Siebzigerjahre-Filmklassiker „Network“ in
       den Dauerfrost. „Erhöht die Bewohnerparkgebühren!“ Unten klammerten sich
       alte Damen und Herren tapfer an ihre Rollatoren und schlitterten über den
       immer noch vereisten Gehweg. „Mit 515 Millionen müsst ihr euch nicht die
       Knochen brechen, wir kaufen Spreewald-Gurkenwasser gegen Glatteis!“, schrie
       ich. „Regional-saisonal! Das funktioniert, ich hab's auf Youtube gesehen!
       Und unsere U- und S-Bahnen werden mit Samt gepolstert!“
       
       Aber die älteren Herrschaften hörten mich nicht, genau wie der Berliner
       Senat. Der schlottert nämlich nicht vor mir, sondern nur vor den von ihren
       Schnäppchengebühren besessenen Autofahrer-Wutbürgern.
       
       12 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pia Frankenberg
       
       ## TAGS
       
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