# taz.de -- Die Wahrheit: Leben entstauben
> Tagebuch einer Winterreisenden: Nach zwei harten Jahren mit allerlei
> Privatkatastrophen soll eine Fahrt ins verschneite Bayern für Entspannung
> sorgen.
Früher war zwar nicht alles besser, aber immerhin einiges, und als
argumentative Untermauerung dienen beispielsweise die Westbindung, die 68er
oder das Pfandsystem der DDR. Bei 68 und Flaschenpfand wäre ich noch dabei,
die Haltbarkeit von Bindungen aller Art scheint mir aber immer
unzuverlässiger. Ewig übelnehmen werde ich definitiv die insgesamt zwölf
Jahre währende CSU-Herrschaft im Verkehrsministerium, womit ich dann beim
eigentlich unbedingt zu vermeidenden Thema Bahn wäre. Jetzt muss es aber
doch noch mal sein.
Wintersturm „Elli“ hielt die Republik in Atem, und ausgerechnet aus Berlin
– wie alle Bayern wissen, der dysfunktionalsten aller Hauptstädte – fuhr
mein ICE mit moderater Verspätung gut beheizt in die beste Landeshauptstadt
der Welt, nach München. Offenbar hatte der dortige Häuptling, der Söder
Markus, beschlossen, den Berliner Strebern zu zeigen, wie Reisen geht, und
brachte auf meiner Anschlussstrecke zum Tegernsee den Verkehr der
bayerischen Regionalbahn zum Erliegen.
Aus dem Lehrbuch der Gefangenenfolter wurde nach längerem Aufenthalt auf
freier Strecke Reiseabbruch angedroht, wieder zurückgenommen und, das zarte
Pflänzchen Hoffnung zertretend, von vorn begonnen. Am Ende wurden wir
zweimal in Ersatzzüge gescheucht, um wieder auf den frostigen Bahnsteig
eines voralpinen Kaffs evakuiert zu werden. Die Einheimischen fluchten, ich
trug es mit Fassung, gegen unseren Stromausfall ist so was ja Pillepalle.
Auf der anschließenden Restreise durch die Winterlandschaft bot sich dann
endlich die Chance, den Blick in die eigene jüngste Vergangenheit zu
lenken, um, wie es so schön heißt, Bilanz zu ziehen. Dabei kam mir der
Verdacht, für die letzten zwei Jahre meiner Lebens-Legislaturperioden seien
die drei ehemaligen CSU-Verkehrsminister gemeinsam verantwortlich gewesen.
Wer sonst hätte außer einem Kreditkartenbetrug und zwei Wasserschäden noch
achtzehn Monate währende Handwerkerinvasionen und drei Tonnen Baustaub
verursachen können, der sich zärtlich über meiner Wohnung ausbreitete wie
Neuschnee auf dem Acker vor dem Zugfenster. Leider schmolz der Dreck nicht
von selbst.
Notgedrungen verbrachte ich vor der Reise die Feiertage mit der Entstaubung
meiner Habseligkeiten und förderte dabei allerhand Nützliches zutage, mit
dem ich jetzt die empfohlene Vorratshaltung für eine Prepper-Karriere
locker erfüllen kann. Sollte also während zukünftiger Gefahrenlagen ein
landesweiter Mangel an Essstäbchen, gebrauchten Frischhaltebeuteln,
halbleeren Mascara-Röhrchen und angebrochenen Schuhcremedosen eintreten,
biete ich schon mal meine Unterstützung an. Ich bin sogar bereit, meine in
langen Jahren angehäufte Glückskekssprüche-Sammlung zu teilen, darunter
„Eine glückliche Fügung wird auf Dich fallen“.
Ein echter Mutmacher, den ich hiermit großzügig an die Bayerische Regiobahn
weitergebe.
15 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Pia Frankenberg
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