# taz.de -- Die Wahrheit: Tagebuch einer Spielerin: Gehirnakrobatik
       
       > Tagebuch einer Spielerin: Zur Beruhigung der von der Weltlage
       > angespannten Nerven kann ein Spieleabend mit Freunden dienen – wenn er
       > nicht ausartet.
       
       In Zeiten, in denen ganze Weltregionen im Chaos versinken, lauert
       hierzulande als schlimmstmögliche Konsequenz der sogenannte „Schock an der
       Tanksäule“, und der Mensch sucht in solchen Situationen verzweifelt Trost
       und Zerstreuung.
       
       Die einen fliehen in Alkohol oder härtere Drogen, andere versinken in der
       Social-Media-Hölle oder schaffen sich ein Haustier an, das neben Herrchen
       oder Frauchen auf dem Sofa bei „Rosenheim Cops“ und anderer Alpenfolklore
       verfetten darf.
       
       Mein Freundeskreis versprach sich kurzzeitige Erleichterung bei einem
       Spieleabend mit Bier, Wein, Chips und buntem Zuckerzeug, denn zur
       Entlastung gehört unbedingt – wie jeder Katholik weiß – das zum Beispiel
       einer Beichte vorausgegangene Sündigen. Während wir hemmungslos ungesundes
       Zeug in uns reinstopften, wurde uns die fast vergessene Uralt-Challenge
       namens „Denk Fix!“ neu erklärt: Von einem Kartenstapel Frage vorlesen, am
       Buchstabenrad drehen, stoppen, den so ermittelten Anfangsbuchstaben zur
       Beantwortung der Frage verkünden, und wer am schnellsten einen halbwegs
       akzeptablen Begriff raushaut, gewinnt.
       
       ## Harte Bandagen
       
       Im Laufe der folgenden Runden wuchs der Ehrgeiz. Die strengen Regeln zur
       Abgabe einigermaßen plausibler Antworten wurden zugunsten kreativer
       Interpretationen kontinuierlich aufgeweicht, wir kämpften mit immer
       härteren Bandagen: „‚Wovor fürchtest du dich?‘ Mit R.“ Alle schrien
       durcheinander. „Ruhe!“ – „Wieso Ruhe? Man wird doch wohl noch …“ – „Neiiin
       – Furcht vor Ruhe!“ – „Ruhr? Die Horrorkrankheit? Gibt’s die jetzt auch bei
       uns?“ Zur allgemeinen Erregung gesellte sich altersgemäße Schwerhörigkeit,
       vielleicht lag es aber auch an dem Durcheinandergebrüll.
       
       Hin und wieder boten sich Einblicke ins Beziehungsleben der Mitspieler.
       „‚Was ist Liebe?‘ Mit Z.“ – „Zzz …“ – „Zorn!“ – „Zuversicht!“ Zorn gewann
       vor Zuversicht, denn blöderweise gewinnt Zorn immer. Die schöne
       Alliteration führte meine unermüdlich feuernden Synapsen direkt zu Jane
       Austens „Pride and Prejudice“, in meiner Vorstellung formte sich ein
       Liebesroman über ein zwischen Wut und Hoffnung schwankendes Paar mit dem
       Titel „Zorn und Zuversicht“, allerdings erschöpfte sich die Handlung in
       wilden Streitereien gefolgt von leidenschaftlicher Versöhnung, das Hin und
       Her war auf die Dauer dann doch zu ermüdend.
       
       Währenddessen wurde ein Haustier mit Z gesucht. „Zecke“, bot eine Spielerin
       an und schlug mein „Zebra“ um eine Achtelsekunde. Ich stellte mir ihr
       Zusammenleben vor. Wo würde die Zecke wohnen? In einer mit Watte
       ausgelegten Streichholzschachtel? Mochte sie die „Rosenheim Cops“? Würde
       die Mitspielerin sich ihr als Nahrungsquelle anbieten?
       
       Beim folgenden „Was fehlt den meisten?“ mit G liefen meine Synapsen zu
       Hochform auf. „Gehirn!“, schrie ich, die Konkurrenz von „Größe“ und
       „Geduld“ knallhart abhängend. Womit wir dann wieder in der Realität
       angekommen waren.
       
       12 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pia Frankenberg
       
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