# taz.de -- Die Wahrheit: Walgaffer
       
       > Tagebuch einer Listenerstellerin: Ob etwas gut ausgeht oder schlecht wie
       > das Sterben eines Wals in der Ostsee wird ordnungsgemäß vermerkt.
       
       Seit Wochen beschäftigt kluge und weniger kluge Menschen die Frage, warum
       die Nation mit einem gestrandeten Wal fühlt. Weil er so groß und friedlich
       ist? Oder ein Säugetier, so wie wir? Ich kenne eine Menge große und
       friedliche Säugetiere, die uns menschlichen Säugern allerdings herzlich
       egal sind.
       
       Mein Herz schlägt für Esel, ach ja, und Kühe. Keine Ahnung, warum.
       Vielleicht, weil sie eigenwillig sind, untereinander Freundschaften
       schließen und mich sanftmütig ignorieren, mit Ausnahme einer Horde
       Jungbullen, die mal versuchte, mich auf ihre mickrigen Hörner zu nehmen.
       Auf einer irischen Weide nahmen sie meine Verfolgung auf. Halbwüchsige
       eben. Bevor das Holz des uns trennenden morschen Zauns splitterte,
       erreichte ich den nächsten Pub und verbuchte meine Rettung auf meiner
       ewigen Liste „Dinge, die gut ausgingen“.
       
       „Timmy“, der Wal, fällt in die Kategorie „Dinge, die nicht so gut
       ausgehen“. Experten zufolge ist er wahrscheinlich im Halbwüchsigenalter.
       Ich weiß nicht, wie man sich Teenagerwale vorstellen muss, vielleicht wie
       testosteronsatte Jungbullen, nur unter Wasser, wo sie sich den ganzen Tag
       „Jetzt mach mal nicht so ’ne Welle!“ von ihren genervten Eltern anhören
       müssen.
       
       Zum Zeitpunkt der Verfertigung dieses Textes ist Timmy sterbenselend, und
       in den sogenannten sozialen und anderen Medien dürfen sich deren
       Konsumenten wie stinknormale Unfallgaffer an den Berichten von der
       Meeres-Palliativstation laben: „Das Weinen von Timmy ist kilometerweit zu
       hören!“ Womöglich erleben sie sogar leichte Anflüge von Empathie. Nützt
       alles nix, dies ist ein Nachruf. Ein trauriger Punkt auf der „Schlecht
       gelaufen“-Seite.
       
       ## Online eine Pressekonferenz durchleiden
       
       Einen weiteren solchen musste ich neulich verbuchen, er betraf aber nicht
       meine eigene Liste. Ich durchlitt online eine Pressekonferenz von Kai
       Wegner, es ging um die Uhrzeiten seiner Behördentelefonate am ersten Tag
       des Berliner Stromausfalls rund um die Jahreswende. Etwa fünfzehn Minuten
       lang schaffte er es, auf sämtliche Nachfragen in Dauerschleife „Dazu ist
       bereits alles gesagt“ zu stammeln. Die nicht so gute Nachricht für Wegner
       und seine Listenbilanz lautet: Ist es nicht. Menschen haben wie Wale ein
       langes Gedächtnis.
       
       Zurzeit sind meine Listen recht ausgeglichen. Mehrmals kam die S-Bahn, als
       ich den Bahnsteig erreichte, macht Punkte für „Gut“. Der nach Kippen
       suchende Mann im U-Bahn-Gleisbett war potenziell eher was für die „Das wird
       schlecht ausgehen“-Abteilung, aber nach meinem Versprechen „Wenn Sie da
       sofort rauskommen, kauf ich Ihnen ’ne ganze Schachtel!“ folgte die
       Umbuchung in die „Gut ausgegangen“-Spalte. Er wählte Marlboro Light.
       
       Ich sollte einfach nach meiner Heimatdevise „Et hät noch immer jot jejange“
       leben, leider bin ich überzeugt vom Untergang der Menschheit. Bis dahin
       hoffe ich weiter unverdrossen aufs Übergewicht meiner Positivrubrik.
       
       9 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pia Frankenberg
       
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