# taz.de -- Die Kunst der Woche: Surreal, hyperreal, total real
       
       > Karl Holmqvist geht in der Galerie Neu zurück zum Undergroundfilm von
       > Maya Deren, und Johannes Büttner dokumentiert im Kunst Raum Mitte einen
       > irren Kryptostaat.
       
 (IMG) Bild: Karl Holmqvists Film „L.A. SHADOWPLAY (Meshes of The Mackey Apartments)“ in der Ausstellung „Paint with Make-Up“
       
       Sie nutzte keinen Sound – kein Problem, konstatiert Karl Holmqvist bündig
       über die Filmemacherin Maya Deren, die 1922 aus der Ukraine in die USA kam
       und 1961, erst 44-jährig, starb. „No Sound, No Problem“ schreibt Holmqvist
       zu ihren experimentellen Filmen. Oder: „Noir Before There Was Noir“. Und
       man kann sich dabei die zähe, tiefe Stimme vorstellen, mit der Holmqvist
       seine multimediale Wortkunst häufig vorträgt.
       
       Einfache Worte, die sich zu einer Art Stream of Consciousness
       zusammenfügen. Wie im Film „Berlin Trilogy Part 1“ jetzt in Holmqvists
       Soloschau in der Galerie Neu: Die Kamera läuft eine rissige Betonwand
       entlang, derweil werden Sätze eingeblendet wie „and all just stays the same
       Himmel über Berlin“.
       
       Um den Himmel über Los Angeles in Maya Derens Film „Meshes of the
       Afternoon“ von 1943 geht es vor allem in der Ausstellung. Darin tritt Deren
       selbst als rätselhafte, schwarz gekleidete Gestalt auf, Symbole wie Blume,
       Messer und Schlüssel fügt sie dank einfacher Schnitt- und Blendtechniken zu
       einer surrealistischen Erzählung zusammen.
       
       Holmqvist zeigt nun eine Coverversion, lässt ein:e Performer:in an die
       Stelle Derens treten, collagiert sich manchmal selbst in die Story, hält
       sich mal an die Vorlage, rückt mal humoristisch von ihr ab. Gefilmt in
       Rudolf Schindlers modernistischen Mackey Apartments mit ihrer weißen
       kubischen Architektur, ist Holmqvists melancholisches, fast geräuschloses
       Remake eine Hommage an den 40er-Jahre-Underground von Los Angeles.
       
       Architektur für Liberland 
       
       Architektur taucht auch in Johannes Büttners Film „L'état, c'est moi“ im
       Kunst Raum Mitte auf, wo Büttner zusammen mit Catherina Cramer die
       Duo-Ausstellung „Dissolutions“ zeigt. Architektur in ihren
       größenwahnsinnigen, libertären Auswüchsen. Patrik Schumacher, der heute dem
       Büro der 2016 verstorbenen berühmten Architektin Zaha Hadid vorsteht, will
       für den wirklich existierenden Scheinstaat „Liberland“ das welthöchste
       Hochhaus und in der Landschaft mäandernde, cremig-weiße Smarthomes bauen.
       
       Die selbst ausgerufene „Freie Republik Liberland“ auf einem unbewohnten
       Landstrich an der Grenze zwischen Kroatien und Serbien zieht zahlreiche
       seltsame Gestalten an. Büttner gibt ihnen Namen wie in einem Computerspiel:
       Da ist „The Architect“ Patrik Schumacher oder „The Pilgrim“ Klaus, der
       sonst in Brandenburg wohnt und sich von den deutschen Behörden gegängelt
       fühlt. Und da sind die europäischen Adeligen, die superreichen
       Kryptounternehmer, all diejenigen, die sich ein libertäres,
       anarchokapitalistisches, meritokratisches „Liberland“ wünschen, in dem
       keine Steuern gezahlt werden und die Polizei per Uber gebucht wird.
       
       Doch das virtuelle Liberland mit seinen online abgehaltenen Kongresswahlen
       ist ein anderes als das tatsächliche, klägliche Stück Land an der Donau, wo
       ein paar verlorene Typen in Wohnwägen und baufälligen Verschlägen darauf
       warten, dass Schumachers Pläne mal umgesetzt werden. Und so schwankt auch
       Büttners Film zwischen dokumentarischen sowie Found-Footage-Elementen und
       manch fantastischen Szenerien. Projiziert auf zusammengezimmerten Platten,
       für den Realitätscheck.
       
       10 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophie Jung
       
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