# taz.de -- Die Kunst der Woche: Entzug mit Champagner
       
       > Zwei sehenswerte Ausstellungen in Schöneberg beschäftigen sich mit Mental
       > Health. Es geht um Heilanstalten des 19. und um Psychiatrie des 20.
       > Jahrhunderts.
       
 (IMG) Bild: Aus der Reihe „Psychiatrie“: Mensch mit Hase (Herr H.), 1994, von Christa Mayer, derzeit im Haus am Kleistpark zu sehen
       
       Im Schöneberg Museum wurde eine sehr sehenswerte Ausstellung gerade bis
       April verlängert. Sie erzählt unter dem Titel „Zwischen Wellness und
       Wahnsinn“ die Geschichte des 1861 [1][von Eduard Levinstein gegründeten
       Maison de Santé]. Die im damals noch ländlichen Schöneberg errichtete
       Privatklinik in der Hauptstraße 14 erlangte internationalen Ruf, zunächst
       als Kureinrichtung, später vor allem als Heil- und Pflegeanstalt für
       Nerven- und Gemütskranke, darunter wohlhabende Morphin- und Kokainabhängige
       – deren Entzug, wie ein Dokument belegt, mit einem hohen Konsum von
       Champagner einherging.
       
       Nur eine kurze Strecke die Hauptstraße hinunter, im Haus am Kleistpark,
       trifft man dann auf Bilder aus der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts. Es
       sind besondere Bilder, wie man sofort erkennt. [2][Schwarzweiße
       Fotoporträts, die eine schöne Lebendigkeit auszeichnet], die im Widerspruch
       zur Charakterisierung der abgebildeten Personen als „Abwesende“ – so der
       Titel der Serie – zu stehen scheint. Die Porträts der Abwesenden aus der
       Gesellschaft, aber auch aus ihrem eigenen Bewusstsein, entstanden in der
       Langzeitpsychiatrie einer Berliner Klinik, in der die Fotografin Christa
       Mayer als Psychologin und Psychotherapeutin arbeitete.
       
       Mayer hatte sich in ihrer Praxis als Amateurfotografin durch Kurse in der
       berühmten „Werkstatt für Photographie“ von Michael Schmidt an der
       Volkshochschule Kreuzberg fortgebildet. Die 1976 eingerichtete
       Fotowerkstatt erarbeitete neue Formen der Dokumentation. Gleichzeitig
       stellte die Antipsychiatriebewegung den klinischen Alltag infrage und
       erprobte neue Therapieformen. Das betraf auch den Gebrauch der Fotografie.
       Sie wurde nicht mehr zwangsweise zu diagnostischen Zwecken eingesetzt,
       sondern es wurde versucht, die Kamera in die psychotherapeutische Arbeit zu
       integrieren.
       
       ## Die Nähe gesucht
       
       Der Zeitgeist bestärkte Christa Mayer also darin, ihre fotografische
       Leidenschaft für ihre Patienten fruchtbar zu machen und umgekehrt ihre
       Leidenschaft für ihre Patienten in der Fortentwicklung des fotografischen
       Porträts sichtbar werden zu lassen, wie in Langzeitporträtserien und
       medialen Erweiterungen in Form von Audio- und Videotapes. Christa Mayer
       sucht die Nähe und das Gesicht wie etwa in der von Sonja selbst
       untertitelten Serie „Die freche Sonja“ (1996) mit 14 Farbgroßaufnahmen.
       
       Ähnlich nähert sich [3][Christa Mayer auch anderen Sujets ihrer großen
       Werkschau im Haus am Kleistpark]. Darunter etwa der Landschaft, den
       spielenden Kindern in Istanbul und den psychoanalytischen oder
       schamanistischen Heilern in New York und Mexiko. Besonders schön zeigt der
       Videoloop „Ex Oriente Lux“ (1992) Christa Mayers untrügliches Gespür dafür,
       Lebendigkeit zu entdecken. Etwa die urbane Lebendigkeit im Bild einer Mauer
       im Nachmittagslicht, an der die Passanten entlanggehen und vor der die
       Autos vorbeirauschen, während sich auf ihr das abstrakte Schattenspiel der
       Blätter der Bäume abzeichnet.
       
       27 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://museen-tempelhof-schoeneberg.de/schoeneberg-museum/
 (DIR) [2] https://www.hausamkleistpark.de/
 (DIR) [3] /Ausstellung-Kreuzberg--Amerika/!5362114
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Brigitte Werneburg
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Psychiatrie
 (DIR) Fotografie
 (DIR) Drogen
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) taz plan
 (DIR) Bildende Kunst
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Berliner Galerien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Surreal, hyperreal, total real
       
       Karl Holmqvist geht in der Galerie Neu zurück zum Undergroundfilm von Maya
       Deren, und Johannes Büttner dokumentiert im Kunst Raum Mitte einen irren
       Kryptostaat.
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Die großen Fragen des Zusammenlebens
       
       Vom Scheitern der Liebe und von der Identität in der Diaspora erzählen zwei
       aktuelle Ausstellungen in den Galerien PSM und Under the Mango Tree.
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Im dritten Raum
       
       Die Installation „Zwischen Tür und Zukunft“ macht Zukunftsvisionen sichtbar
       – und reimaginiert Zugehörigkeit für Menschen, die Rassismus erleben.
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Der Körper zwischen Hütten und Plattenbau
       
       Beverly Buchanan lässt Architekturen verwittern. Sven Johne denkt über den
       militarisierten Körper nach – und Trey Abdella wird winterwütend.
       
 (DIR) Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“: Die Berliner Schule der Fotografie
       
       Eine Quelle des Aufbruchs der deutschen Fotoszene in den 1970er-Jahren: die
       Werkstatt für Photographie der VHS Berlin-Kreuzberg.