# taz.de -- Keir Starmer in der Krise: Die Akte Mandelson
       
       > Großbritanniens Labour-Premierminister steckt in seiner bisher schwersten
       > Krise. Über den Mandelson-Skandal hat er die Kontrolle verloren.
       
 (IMG) Bild: Washington D.C., 26. Februar 2025: Botschafter Peter Mandelson und Premierminister Keir Starmer in der britischen Botschaft
       
       Die Stimmung in Chequers, Landsitz des britischen Premierministers nahe
       London, war düster. Keir Starmer empfing am Freitag die wichtigsten Spender
       seiner regierenden Labour-Partei und musste sich sagen lassen, dass ihr
       Vertrauen in ihn am Nullpunkt angekommen war. „Sie überbrachten ihm eine
       ziemlich klare Botschaft“, [1][zitiert die Labour-freundliche
       Sonntagszeitung Observer einen Teilnehmer]: „Die Leute sind wütend und
       finden, er ist am Ende.“
       
       Am Vorabend hatte Starmer auf dem Anwesen die Labour-Fraktion empfangen –
       ein seltenes Event des als reserviert geltenden Premiers, der sich kaum je
       in lockerer Atmosphäre zeigt. Es gab als Stehimbiss Chilli und Reis,
       ungewürzt – „ein sehr starmerisches Essen“, [2][lästerte der Journalist
       Matt Chorley] und enthüllte, dass den Gästen lediglich die Außentoiletten
       zur Verfügung standen. „Ich bin genauso wütend und frustriert wie ihr
       alle“, soll Starmer [3][laut Sunday Times] den Anwesenden gesagt haben. So
       als sei er selbst Zuschauer bei seinem eigenen Niedergang.
       
       Erst im Juli 2024 hatte Labour die [4][britischen Parlamentswahlen]
       souverän gewonnen und 14 Jahre konservative Regierungszeit beendet.
       Aufbruchstimmung ergriff Großbritannien. Der Labour-Jahresparteitag im
       Oktober war eine Siegesfeier. All das ist lange vergessen.
       
       Denn wenig später traf Keir Starmer eine fatale Entscheidung. Er ernannte
       einige Wochen nach Donald Trumps Wahlsieg in den USA seinen engen Berater
       [5][Peter Mandelson] zum nächsten britischen Botschafter in Washington.
       Mandelson war ein Labour-Schwergewicht, eine prägende Figur des
       Modernisierungsprojekts „New Labour“ von Tony Blair und Gordon Brown von
       1997 bis 2010. In Washington exzellent vernetzt, hatte Mandelson frühzeitig
       dazu geraten, gute Beziehungen zum Trump-Lager aufzubauen. „Peter wird
       konkurrenzlose Erfahrung in das Amt einbringen und unsere Partnerschaft zu
       neuer Stärke führen“, [6][erklärte Starmer].
       
       ## Immer neue schmutzige Details
       
       Mandelson nahm im Februar 2025 sein Amt auf. Im September musste er wieder
       gehen, nachdem bekanntgeworden war, dass er dem US-amerikanischen
       Sexualstraftäter Jeffrey Epstein noch nach dessen erster Verurteilung 2008
       die Treue gehalten hatte.
       
       Und nun haben die neuveröffentlichten Epstein-Files in den USA [7][neue
       schmutzige Details] ans Tageslicht gebracht. Mandelson erhielt demnach in
       seiner Zeit als Labour-Abgeordneter von Epstein Geld und verriet ihm in
       seiner Zeit als Labour-Minister Dienstgeheimnisse. Er lobbyierte für
       Epsteins Finanzinteressen und rühmte sich seiner guten Kontakte nach
       Moskau. Er übernachtete in Epsteins New Yorker Wohnung, als Epstein schon
       im Gefängnis saß. Die beiden waren ganz offensichtlich eng privat
       befreundet.
       
       Mandelson saß von 1992 bis vor wenigen Tagen mit einer Unterbrechung im
       britischen Parlament, erst im Unterhaus und dann im Oberhaus. Jetzt nennen
       ihn Parteikollegen „Verräter“ und werfen ihm vor, er habe nicht seine
       Wähler vertreten, sondern einen Kinderschänder. Er hat seinen Oberhaussitz
       und seine Labour-Mitgliedschaft aufgegeben. Die Polizei ermittelt, am
       Freitag wurden zwei seiner Häuser durchsucht.
       
       ## Fassungslosigkeit im Parlament
       
       Keir Starmers Behauptung, er habe von Mandelsons Epstein-Nähe nicht
       gewusst, als er ihn berief, hielt nicht lange. Bei der wöchentlichen
       Fragestunde im Unterhaus am vergangenen Mittwoch blieb Starmer zunächst bei
       seiner Linie: „Hätte ich damals gewusst, was ich jetzt weiß, wäre er
       niemals in die Nähe der Regierung gekommen“. Die konservative
       Oppositionsführerin [8][Kemi Badenoch] bohrte nach: „Erwähnte die
       vorgelegte amtliche Sicherheitsüberprüfung Mandelsons andauernde Beziehung
       mit dem Pädophilen Jeffrey Epstein?“
       
       Starmer gestand: „Ja, das tat sie. Als Ergebnis wurden ihm Fragen
       gestellt.“
       
       Die anschließende Fassungslosigkeit im Plenum brachte Badenoch auf den
       Punkt: „Wie kann er sich hinstellen und sagte, dass er es wusste, aber dann
       bloß Peter Mandelson fragte, ob es stimmt oder nicht?“
       
       Fassungslos ist nicht nur die Opposition. Keir Starmers Schwachpunkt war
       schon vor dem Labour-Wahlsieg 2024, dass er sich mit einem kleinen Zirkel
       von Machtpolitikern aus der Ära Blair umgab. Zu diesen gehörte Mandelson,
       dem viele Vertraute Starmers ihre Karriere verdanken.
       
       Etwa [9][Morgan McSweeney], Direktor des Starmer-Thinktanks „Labour
       Together“, dann Starmers Wahlkampfleiter 2024 und seit Oktober 2024
       Starmers Kabinettschef. McSweeney begann seine Parteiarbeit 2001 als
       Mandelsons Praktikant in der Labour-Wahlkampfzentrale und soll ihn 2024 als
       Botschafter durchgedrückt haben. Das Außenministerium, damals unter
       [10][David Lammy], hätte lieber die amtierende Botschafterin Karen Pierce
       behalten.
       
       Heute sagt David Lammy, inzwischen Vizepremierminister, er habe Starmer
       2024 vergeblich vor Mandelson gewarnt, ebenso wie seine Vorgängerin als
       Vizepremierministerin [11][Angela Rayner]. Damals schwiegen sie öffentlich.
       Mandelsons Berufung galt als Geniestreich – er passte so gut zu Trump.
       
       Aber heute hat Angela Rayner mit Keir Starmer eine Rechnung offen. Im
       September 2025 musste die damalige stellvertretende Premierministerin und
       Labour-Vizechefin [12][ihre Ämter niederlegen], wegen Vorwürfen der
       Steuerhinterziehung. Die schlagfertige und volksnahe Liverpooler
       Politikerin sinnt seitdem auf Rache, und die Mandelson-Affäre gibt ihr die
       Steilvorlage.
       
       ## Angela Rayners Rache an Keir Starmer
       
       Denn als Starmer am Mittwoch zugeben musste, von Mandelsons
       Epstein-Freundschaft gewusst zu haben, sagte er auch zu, sämtliche interne
       Regierungskorrespondenz zu Mandelson freizugeben – außer wenn sie
       sicherheitsrelevant sei. Die konservative Opposition witterte eine
       Vertuschungsaktion. Sie beantragte, alle sicherheitsrelevanten Akten dem
       Geheimdienstausschuss des Parlaments zu übergeben. Als Angela Rayner, jetzt
       aufsässige Labour-Hinterbänklerin, das unterstützte, knickte die Regierung
       ein.
       
       Seitdem ist klar: Keir Starmer hat über die Mandelson-Affäre die Kontrolle
       verloren. Denn den Prozess, alle bis zu 100.000 Mails und Handy-Nachrichten
       mit Mandelson-Bezug zu prüfen und freizugeben, leitet jetzt nicht 10
       Downing Street, sondern das Parlament. Der Labour-Vorsitzende des
       zuständigen „Intelligence and Security Committee“ (ISC),
       Verteidigungsexperte Lord Beamish, hat Starmer damit nun in der Hand.
       
       ## „Ausschließlich Sache des Ausschusses“
       
       Der Schriftwechsel zwischen ISC und 10 Downing Street liegt der taz vor.
       Das Büro des Premierministers, schrieb Lord Beamish am Donnerstag, muss dem
       Ausschuss alle sicherheitsrelevante Papiere ohne Schwärzungen vorlegen,
       darf nichts zurückhalten und muss genau sagen, welche Passagen aus welchem
       Grund nicht veröffentlicht werden sollen. Der Ausschuss wird dann aber frei
       entscheiden.
       
       „Der ISC wird wie immer völlig unabhängig von der Regierung handeln und wir
       behalten uns vor, zu entscheiden, wie wir mit dem uns zur Verfügung
       gestellten Material umgehen“, schreibt Lord Beamish. „Dies muss
       ausschließlich Sache des Ausschusses sein, und der Ausschuss kann das
       selbstverständlich nicht entscheiden, bevor er die Papiere sieht.“ Die
       Regierung möge daher „jetzt“ mitteilen, wann die Papiere übermittelt
       werden.
       
       Keir Starmers Büro antwortete am Freitag, dies werde der Kabinettssekretär
       – der höchste britische Beamte – mit dem Ausschuss klären, und betonte,
       dass es um „ein voraussichtlich sehr erhebliches Volumen“ gehe. Das sorgt
       nun für neue Kritik, denn der amtierende Kabinettssekretär Chris Wormald
       war 2024 für die Sicherheitsüberprüfung von Peter Mandelson zuständig. Es
       gibt Vorwürfe, er habe damals Informationen zurückgehalten.
       
       Starmer könnte sich nun gezwungen sehen, seinen Kabinettssekretär
       auszutauschen, und eventuell noch mehr. Sein Stabschef McSweeney
       [13][erklärte am Sonntagnachmittag seinen Rücktritt]: Er habe Mandelson als
       Botschafter empfohlen „und ich übernehme dafür die volle Verantwortung“,
       sagte er.
       
       ## Selbstzerfleischung wie einst bei Theresa May
       
       Mit dem gelungenen Vorstoß, die Kontrolle über die Mandelson-Papiere dem
       Parlament zu übergeben, hat sich Angela Rayner als Favoritin für die
       mögliche Nachfolge Starmers etabliert. Sie wird vom linken Parteiflügel
       unterstützt, der rechte Parteiflügel steht eher hinter Gesundheitsminister
       Wes Streeting. Um eine Abstimmung über Labours Parteiführung
       herbeizuführen, die Starmers Rücktritt erzwingen könnte, muss ein Fünftel
       der Fraktion – das wären aktuell 81 Abgeordnete – dies beantragen. Sowohl
       Streeting als auch Rayner wird zugetraut, diese Zahl zusammenzubekommen.
       
       Das wäre eine spektakuläre Selbstzerfleischung Labours, ähnlich wie bei den
       Konservativen in deren letzten Jahren an der Macht. Damals fing es damit
       an, dass die meuternde konservative Parlamentsfraktion der Regierung von
       Premierministerin Theresa May die Kontrolle über die Brexit-Verhandlungen
       entriss. Der Umgang mit den „Mandelson Papers“ durch die meuternde
       Labour-Parlamentsfraktion nutzt dieselben Verfahren.
       
       Nun muss Starmer zusehen, wie eine Mandelson-Enthüllung nach der anderen
       seine Position weiter schwächt. Am Samstag [14][berichtete die Financial
       Times], Mandelson habe Starmer im Februar 2025 bei dessen USA-Besuch beim
       umstrittenen Datenverarbeitungsunternehmen „Palantir“ eingeführt. Palantir,
       für seine Überwachungstechnologie berüchtigt, war damals Kunde einer von
       Mandelson gegründeten Lobbyfirma und erhielt wenig später einen Großauftrag
       des britischen Verteidigungsministeriums.
       
       Kein Wunder, dass die Wut über das Starmer-Mandelson-Geflecht in den
       eigenen Reihen steigt. Labour steckt in der Krise. Die Aufbruchstimmung von
       2024 verflog schnell angesichts von Sparpolitik und wirtschaftlicher
       Stagnation. Schon beim Wahlsieg 2024 hatte Labour zwar eine Mehrheit im
       Parlament errungen, aber nur enttäuschende 34 Prozent der Stimmen.
       Inzwischen liegt die Partei im Umfragedurchschnitt unter 20 Prozent – weit
       hinter den Rechtspopulisten von Reform UK, die seit ihrem Sieg bei den
       Kommunalwahlen vom Mai 2025 auftrumpfen.
       
       [15][Die nächste Nachwahl zum Unterhaus] im Arbeiterwahlkreis Gorton &
       Denton im Großraum Manchester am 26. Februar dürfte Labour verlieren. Ein
       weiteres Debakel droht [16][am 7. Mai], wenn die Regionalregierungen von
       Schottland und Wales sowie zahlreiche englische Kommunalvertretungen
       neugewählt werden.
       
       Spätestens dann, so viele Labour-Politiker jetzt, ist Starmer fällig.
       Mandelson selbst bleibt derweil nicht untätig. Zuletzt versuchte er per
       Anwaltsschreiben alle Medienanfragen zu unterbinden. Das als „streng
       vertraulich“ markierte Schreiben wurde prompt [17][veröffentlicht].
       
       8 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://observer.co.uk/news/national/article/get-a-grip-labour-donors-warn-starmer
 (DIR) [2] https://mattchorley.substack.com/p/chilli-at-chequers-no-singing
 (DIR) [3] https://www.thetimes.com/uk/politics/article/keir-starmer-morgan-mcsweeney-peter-mandelson-35vkjgh5d
 (DIR) [4] /Labour-Wahlsieg-in-Grossbritannien/!6021726
 (DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Mandelson
 (DIR) [6] https://www.bbc.com/news/articles/cpvnlxxp8jko
 (DIR) [7] https://en.wikipedia.org/wiki/Relationship_of_Peter_Mandelson_and_Jeffrey_Epstein
 (DIR) [8] /UKs-Konservative-in-der-Krise/!6043972
 (DIR) [9] https://en.wikipedia.org/wiki/Morgan_McSweeney
 (DIR) [10] https://en.wikipedia.org/wiki/David_Lammy
 (DIR) [11] https://en.wikipedia.org/wiki/Angela_Rayner
 (DIR) [12] /Vizepremierministerin-in-Grossbritannien/!6112147
 (DIR) [13] https://x.com/BethRigby/status/2020501536502075412
 (DIR) [14] https://www.ft.com/content/5bba355e-b8e3-4bc3-b440-750a23f8d48c
 (DIR) [15] /Politischer-Umbruch-in-Grossbritannien/!6150235
 (DIR) [16] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_United_Kingdom_local_elections
 (DIR) [17] https://www.thenational.scot/news/25834517.full-secret-notice-peter-mandelson-just-sent-uk-media/
       
       ## AUTOREN
       
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