# taz.de -- Schwuler Heidekönig in Lüneburg: „Ich bin ein außergewöhnlicher König“
       
       > Eric Böttcher ist amtierender Heidekönig, stets repräsentierte er sein
       > Königsleben elegant. Am Valentinstag gibt der 21. schwule Regent die
       > Krone weiter.
       
 (IMG) Bild: Eric Böttcher, 21. Schwuler Heidekönig, vor dem Lüneburger Rathaus
       
       Am Valentinstag findet im Lüneburger Rathaus eine Wahl statt, die man
       mittlerweile als wirklich traditionell bezeichnen darf. Denn an diesem 14.
       Februar wird dann bereits zum 22. Mal [1][der Schwule Heidekönig] gewählt.
       Was das bedeutet, als queeres Pendant zu noch traditionelleren Majestäten
       wie der Heidekönigin regierend zu sein, weiß Eric Böttcher, der 21. Schwule
       Heidekönig. 
       
       taz: Herr Böttcher, bis zu diesem Wochenende tragen Sie noch den Titel Eric
       der Erste, denn Sie sind bis zur Neuwahl der herrschende schwule Lüneburger
       Heidekönig. Und Sie haben dieses Amt sehr ernst genommen. Warum? 
       
       Eric Böttcher: Ich möchte die geschlechtliche Vielfalt im ländlichen Raum
       repräsentieren. Und dies habe ich das Jahr über vor allem bei königlichen
       Veranstaltungen getan, bei denen ich zusammen mit anderen Königinnen und
       Königen aufgetreten bin. Und bei der Vorstellungen der Majestäten sieht die
       Bevölkerung dann schon, dass ich ein außergewöhnlicher König bin, denn die
       meisten bewerben ein Produkt oder eine Region.
       
       taz: Es gibt also eine kleine Gruppe von Monarchen in Deutschland, die
       herumreisen und gemeinsam Hof halten? 
       
       Böttcher: [2][Ja, wir sind Produktkönig*Innen]. In Süddeutschland gibt
       es ja viele Weinköniginnen, aber es wird auch eine Kirschkönigin gewählt –
       oder die Kohlregentin in Dithmarschen. Und hier in der Region gibt es
       gleich mehrere Heideköniginnen. Unsere Aktivitäten werden sogar vom
       Landwirtschaftsministerium unterstützt.
       
       taz: Aber wurde der Schwule Lüneburger Heidekönig nicht ursprünglich von
       der örtlichen Aidshilfe inthronisiert? 
       
       Böttcher: Ja, damals ging es vor allem um solche Themen wie Safer Sex und
       Gesundheit. Und damals trat der Heidekönig vor allem bei queeren
       Veranstaltungen auf.
       
       taz: Und wie sind diese homosexuellen Würdenträger dann auch außerhalb der
       Community hoffähig geworden? 
       
       Böttcher: Das begann mit der Heidekönigin von Amelinghausen, die uns
       unbedingt dabeihaben wollte. Und dann haben uns auch die anderen
       Königshäuser nach und nach eingeladen.
       
       taz: Hat das nicht auch damit zu tun, dass die wilden Jahre der Heidekönige
       vorbei sind? Damals war die königliche Tracht ja oft aus Lack und Leder.
       Einer Ihrer Vorgänger trat sogar in einer goldenen Badehose auf. Was ist
       denn Ihre königliche Garderobe? 
       
       Böttcher: An warmen Tagen habe ich eine lockere blaue Stoffhose und ein
       Hemd mit hochgekrempelten Armen getragen und bei eher festlichen
       Veranstaltungen hatte ich dann meinen grünen Anzug an. Jeder Heidekönig
       kann für sich entscheiden, was er in seinem Amt anziehen möchte.
       
       taz: Sie hätten sich also auch eine Fantasieuniform im Stil von Michael
       Jackson schneidern lassen können? 
       
       Böttcher: Ja, doch ich habe mich bewusst für eine bürgerliche Kleidung
       entschieden, weil ich dieses Königsleben elegant repräsentieren wollte.
       
       taz: Aber die Krone sitzt dabei immer auf dem Kopf. Ist das eigentlich eine
       Wanderkrone – und passt die dann auch bei jedem? 
       
       Böttcher: Ja, die ist aus einem leichten Metall gefertigt, das man gut
       verbiegen kann, und man kann in der Krone dann auch noch mit
       Klettverschluss einen Saum befestigen. Und dann sitzt sie perfekt. Die
       Krone wird jeweils an den neuen König weitergegeben und niemand anders darf
       sie tragen.
       
       taz: Lüneburgs grüne Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch hat es möglich
       gemacht, dass die jährliche Wahl des Schwulen Heidekönig im historischen
       Fürstensaal stattfinden kann. Sind Sie in Lüneburg also nun auch offiziell
       als eine Hoheit anerkannt? 
       
       Böttcher: Nun ja – wir müssen trotzdem jährlich einen Antrag beim
       Verwaltungsausschuss stellen. Da sind auch Konservative von der CDU und
       rechtspopulistische Parteien wie die AfD vertreten und die schießen immer
       konsequent dagegen.
       
       taz: Aber gibt der Fürstensaal der Wahl nicht erst den passenden
       royalistischen Rahmen? 
       
       Böttcher: Schon, aber der Saal ist historisch so repräsentativ, dass er
       weder beheizt ist noch eine gute Lichtquelle hat.
       
       taz: Da muss man sich also warm anziehen. 
       
       Böttcher: Bei den geladenen weiblichen Majestäten mit ihren großen
       Ringröcken ist es schon sinnvoll, wenn sie sich noch eine extra Strumpfhose
       anziehen. Wir stellen Decken zur Verfügung und in diesem Jahr bekommen alle
       im Saal von uns einen kleinen Handwärmer.
       
       taz: Was passiert denn mit dem Titel, wenn eine lesbische Frau oder eine
       Transperson zum König gewählt wird? 
       
       Böttcher: Wir hatten auch schon zwei Transpersonen als Könige, aber beide
       waren Transmänner. Und es gab auch einmal eine potenzielle weibliche
       Kandidatur. Aber der „schwule Lüneburger Heidekönig“ ist ja ein Produktname
       – und der bleibt.
       
       taz: Wie wird der Heidekönig überhaupt gewählt? 
       
       Böttcher: Ich hatte bei meiner Wahl einen Gegenkandidaten. Bei der
       Wahlveranstaltung gab es Spiele und wir haben Steuern eingesammelt.
       
       taz: Wie ging das denn? 
       
       Böttcher: Man steigt von der Bühne hinunter in den Saal und sammelt bei den
       Gästen Spenden ein.
       
       taz: Wie viel ist denn da so im Klingelbeutel? 
       
       Böttcher: Bei mir waren das so um die 400 Euro.
       
       taz: Damit lässt sich aber kein Staat machen. Und wer wählt dann den König? 
       
       Böttcher: Das Volk.
       
       taz: Ganz Lüneburg wird da ja wohl nicht befragt. 
       
       Böttcher: Nein, aber alle Gäste, die vor Ort sind.
       
       taz: Es hört sich ja ein wenig so an, als wäre der schwule Lüneburger
       Heidekönig seriös geworden. Hätte man einem der Monarchen der ersten Jahre
       mit seinem Gewand aus Lack und Leder überhaupt den Eintritt in den
       Fürstensaal gewährt? 
       
       Böttcher: Ja, im vergangenen Jahr war zum Beispiel der amtierende „Mister
       Fetish Berlin“ bei uns. Und wir hatten davor darüber diskutiert, ob
       Lüneburg dafür schon bereit sei. Wir wollten es zwar nicht auf die Spitze
       treiben, aber doch zeigen, dass die queere Community nicht nur schwul und
       lesbisch ist, sondern zum Beispiel die Fetisch-Community auch dazugehört.
       Mister Fetisch trat da dann in seinen Lederklamotten auf, und das war für
       alle vollkommen in Ordnung.
       
       taz: Sind Sie eigentlich der einzige queere König in Deutschland? 
       
       Böttcher: Es gibt mehrere Würdenträger, aber die nennen sich nicht
       Majestäten, sondern Schärpenträger. So zum Beispiel die Blumenfee. Das ist
       auch eine queere Person – in dem Fall ein schwuler Mann. Und dann gibt es
       noch den Lebkuchenprinzen. Aber dessen Familie besitzt eine große Bäckerei,
       und dass er schwul ist, ist wohl eher ein Zufall.
       
       taz: Und wie sehen Ihre Begegnungen mit dem Volk aus? 
       
       Böttcher: Bei den königlichen Veranstaltungen stellt man sich auf der Bühne
       vor und erzählt von den Anliegen, die man vertritt. Und bei mir ist das die
       Vielfalt in der Liebe und beim Geschlecht. Das versuche ich dann so
       niedrigschwellig wie möglich zu erklären, sodass alle Anwesenden
       mitgenommen werden können. Und wenn man danach dann ins Volk hineingeht und
       ein paar Autogrammkarten vergibt, dann kommt man oft etwas tiefer ins
       Gespräch.
       
       taz: Und gibt es dabei dann auch Anhänger Ihrer Monarchie? 
       
       Böttcher: Ich habe zum Beispiel auf dem Land einige ältere queere Menschen
       getroffen, die alleine leben, weil es schwer für sie ist, in ihrem Dorf
       einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Und die freuen sich sehr, wenn
       sie mich sehen, weil sie daran erkennen, dass die nachfolgenden
       Generationen es vielleicht ein wenig besser haben werden als sie.
       
       14 Feb 2026
       
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