# taz.de -- Queerer Kinderwunsch: „Das ist ja keine normale Schwangerschaft“
       
       > Unsere Autorin erwartet ein Kind. Warum der Weg dorthin für queere
       > Personen oft weit ist – und auch selten einfach. Ein Erfahrungsbericht.
       
 (IMG) Bild: Queere Menschen haben – wie andere auch – einen Kinderwunsch. Nicht alle, genauso wenig wie in der Heterowelt, aber viele
       
       Als sich die Tür des Aufzuges öffnet, gehe ich hinein und drücke den Knopf
       für Etage drei und der Praxis für Fertilität. Hinter mir steigen zwei
       Frauen ein, sie wollen woanders hin. „Praxis für Fertilität“, murmelt die
       Eine, während wir gemeinsam hochfahren, und starrt auf den Knopf. Es
       beginnt eine Unterhaltung: „Was ist das? Eine Praxis, in der Leute mit
       Fruchtbarkeitsproblemen behandelt werden?“, fragt die eine. „Anscheinend“,
       staunt ihre Begleitung. „Was es alles gibt“. Sie murmeln noch etwas und
       kichern.
       
       Als der Fahrstuhl hält, sich die Tür öffnet und ich mich bei besagter Etage
       hinter ihnen aus dem Fahrstuhl schiebe, verfallen sie in beschämtes
       Schweigen. Während ich mich in die Praxis begebe, fühle ich mich wie eine
       rare Spezies, die sonderbare Dienstleistungen in Anspruch nehmen möchte.
       Ich auf dem Weg ins Kinder-Labor, sozusagen. 
       
       Diese Szene steht für mich exemplarisch dafür, wie queerer Kinderwunsch in
       unserer Gesellschaft immer noch verhandelt wird: als etwas Besonderes,
       Merkwürdiges, Erklärungsbedürftiges. Für viele Queers, das heißt LGBTQIA*s,
       in Paarkonstellationen oder alleinstehend, ist es mittlerweile normal
       geworden, eine Kinderwunsch-Praxis aufzusuchen, um den Wunsch nach dem
       eigenen Kind wahr werden zu lassen. Für die Gesamtgesellschaft ist es ein
       „Sonderfall“ und irgendwie „unnatürlich“.
       
       Auch ich musste mich einigen Zweifeln meines Umfeldes stellen, bevor ich
       mich selbstbewusst für ein Kind entscheiden konnte. Dadurch sind mir
       wertvolle Jahre flöten gegangen. Jahre, die ich mit meinem Kind hätte
       verbringen können.
       
       ## Queere Elternschaft immer sichtbarer
       
       Queere Menschen haben – wie andere auch – einen Kinderwunsch. Nicht alle,
       genauso wenig wie in der Heterowelt, aber viele. Queere Elternschaft ist
       schon immer Realität und wird auch immer sichtbarer: In Berlin gibt es
       mittlerweile zum Beispiel mehrere queere Familienzentren und ein
       queerfeministisches Hebammen*kollektiv. Und trotzdem ist es für Queers
       ungleich schwerer, sich frei für ein Kind zu entscheiden, als für Heteros.
       
       Queerer Kinderwunsch bedeutet Planung, Rechtfertigung und in den meisten
       Fällen finanzielle Belastung. Denn auf die meisten queeren Paare treffen
       die Voraussetzungen für eine finanzielle Bezuschussung von Bund, Ländern
       und Krankenkassen nicht zu. Von der Bundesförderung sind queere Paare
       prinzipiell ausgeschlossen. Die Krankenkassen beteiligen sich grundsätzlich
       nur an den Kosten für die Behandlung von verheirateten, heterosexuellen
       Paaren. Einzelne Länder übernehmen theoretisch einen Teil der Kosten für
       queere Paare, dies gilt jedoch nur für cis-geschlechtliche Frauenpaare, bei
       denen eine medizinische Indikation vorliegt.
       
       Das heißt, wir als Queers müssen, wenn wir den Weg über eine
       Kinderwunsch-Praxis mit fremder Samenspende wählen, rund 5.000–10.000 Euro
       in der Hinterhand haben. Wir müssen, wenn wir ein Paar sind und die
       nicht-gebärende Person nicht den Geschlechtseintrag „männlich“ hat, unser
       eigenes Kind nach der Geburt durch ein aufwendiges Verfahren adoptieren
       (Stichwort Stiefkindadoption). Und wir müssen uns einer Kinderwelt stellen
       – Geburtsvorbereitungsgruppen, Geburts- und Krankenhäusern, Hebammen,
       Krabbelgruppen, Kitas, Schulen, etc. –, die durch und durch hetero und cis
       geprägt ist und uns nicht mitdenkt.
       
       Als ich meiner Familie von meiner Schwangerschaft erzählt habe, waren viele
       verblüfft. Ich hatte sie nicht an dem Prozedere in der Kinderwunsch-Praxis
       teilhaben lassen, aber mein Kinderwunsch war seit Jahren bekannt. Trotzdem
       stieß ich neben Freude und Überraschung auch auf Verwirrung,
       Sprachlosigkeit und zum Teil auch Irritation. „Und dann sucht man sich den
       ‚Vater‘ in einem Katalog aus? Ich könnte das nicht …“, kriegte ich zu
       hören. „Nicht den Vater – den Samenspender“, erwiderte ich. „Und ja, wie
       soll es anders gehen?“
       
       ## Ich wollte auch überraschte Gesichter
       
       Insgeheim hatte ich mir Freudenschreie und wilde Umarmungen gewünscht, so
       wie ich es im Netz schon tausende Male gesehen hatte. Ich war neidisch auf
       den Überraschungsmoment der Hetero-Paare. Bei ihnen „passierte“ es einfach,
       auch wenn niemand damit rechnete, und alle freuten sich. Zumindest in
       meiner Vorstellung. Deswegen hatte ich meinen Gang zur Kinderwunsch-Praxis
       geheim gehalten. Ich wollte auch in überraschte Gesichter blicken.
       
       Stattdessen musste ich mich wieder erklären: „Wie hast du es gemacht?“,
       „Warum hast du es uns nicht erzählt?“, „Wie stellst du dir das jetzt vor?“
       Freund*innen meiner Eltern, die mich seit meiner Geburt kannten, sprachen
       mich bei einer Familienfeier nicht darauf an, ich war unsichtbar mit meiner
       Schwangerschaft. Es drängte sich mir das Gefühl auf: „Das, was du tust, ist
       sonderbar.“
       
       Und ich fragte mich: Hat diese Zurückhaltung etwas mit meinem Queersein zu
       tun? Ich hatte bei einem lesbischen Magazin gearbeitet, viele Jahre kurze
       Haare gehabt … war es für viele einfach „komisch“ und „unpassend“, dass ich
       – in ihren Augen eine Lesbe – ein Kind bekam?
       
       Meine Tante formulierte es so: „Noch kann ich mir kein Bild von dir als
       Mutter machen.“ Wurde mir mit meinem eher maskulinen Auftreten der Wunsch
       nach Muttersein abgesprochen? Etwas, das anderen Frauen – ob sie wollen
       oder nicht – selbstverständlich zugeschrieben wird?
       
       ## Beim ersten Versuch schwanger
       
       Ich hatte das Glück, dass ich beim ersten Versuch schwanger wurde und
       finanzielle Unterstützung hatte. Freund*innen von mir ging es da anders.
       Sie mussten rund 20.000 Euro ausgeben, um ihr Kind schließlich nach knapp
       zwei Jahren belastender Kinderwunsch-Behandlung im Arm halten zu können.
       Das Verfahren der Stiefkindadoption läuft noch.
       
       Eine andere Freundin hat ihre Ersparnisse ebenfalls aufgebraucht und musste
       – wie ich – vor der Behandlung eine psychologische sowie familienrechtliche
       Beratung in Anspruch nehmen, wie sie je nach Kinderwunsch-Praxis für
       Alleinstehende erforderlich ist, um Mutter zu werden. Für Menschen, die von
       mehreren Diskriminierungsformen gleichzeitig betroffen sind, wie zum
       Beispiel Rassismus, Behindertenfeindlichkeit oder Fettfeindlichkeit,
       braucht es noch mehr Kraft, sich dem System zu stellen.
       
       Das zeigt: Queerer Kinderwunsch ist mit praktischen, finanziellen,
       strukturellen, gesellschaftlichen und auch psychischen Hürden verbunden und
       hängt stark vom Einkommen ab. Wirst du dich verschiedenen Ärzt*innen und
       Psycholog*innen stellen, um deinen Wunsch umzusetzen? Hast du mehrere
       tausend Euro gespart, um dir ein Kind leisten zu können? Bist du bereit,
       dieses Geld auszugeben, ohne zu wissen, ob es klappt?
       
       „Das ist ja keine … normale Schwangerschaft“, versuchte mir mein Vater
       vorsichtig die Zurückhaltung der Leute zu erklären. Doch, dachte ich. Für
       eine queere, alleinstehende Frau ist das eine „normale“ Schwangerschaft.
       Samenspende und Insemination – wie sollen wir sonst schwanger werden? Ist
       es normaler, dass Heteros mit Kinderwunsch sich zwanghaft zum Sex
       verabreden, um „ein Kind zu machen“? Oder sich einfach keine Gedanken um
       Verhütung und Elternschaft machen und es – ups – passiert?
       
       Mein Weg zum Kind war möglich. Aber er war nicht selbstverständlich und nur
       zum Teil selbstbestimmt. Und genau das ist das Problem. Solange
       Kinderwunsch-Behandlungen nicht unabhängig von sexueller Orientierung,
       geschlechtlicher Identität und Familienstand finanziell gefördert werden,
       wird queerer Kinderwunsch ein Privileg für Besserverdienende bleiben. Dabei
       sind queere Eltern die am besten vorbereiteten, die ich kenne. Von
       Gleichberechtigung sind wir leider noch weit entfernt.
       
       30 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hannah Geiger
       
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