# taz.de -- Serie über erste Influencer-Generation: Likes für die Leerstelle
       
       > Noch vor Tiktok formten Blogs die ersten Internet-Karrieren. Die Serie
       > „Requiem für Selina“ erzählt vom Aufstieg und Fall einer Außenseiterin.
       
 (IMG) Bild: Selina (Elli Rhiannon Müller Osborne) unterzieht sich einer Brustvergrößerung in der Türkei
       
       Unter einem Requiem versteht man in der katholischen Kirche ein Gebet für
       die Verstorbenen. Deren Seele soll, darum flehen die Lebenden, Frieden
       finden. In der [1][norwegischen Serie] „Requiem für Selina“ sucht auch
       Selina (Elli Rhiannon Müller Osborne) nach diesem Seelenfrieden, allerdings
       nicht für eine andere Person, sondern für sich selbst. Oder einer jüngeren
       Version ihrer selbst, die für sie aber auch schon längst gestorben ist.
       
       Die Geschichte von Selina beginnt ganz unmissverständlich im Jahr 2005: Die
       jüngere Selina hat ihre wasserstoffblonden Haare im Seitenscheitel, trägt
       hellrosa Lipgloss, dünne Augenbrauen und den weißen Minirock hüfttief,
       trotz des hohen Schnees. Selina findet in ihrer Kleinstadt keinen
       Anschluss, wird gemobbt, ausgegrenzt, schon seit der Grundschule.
       
       Zuhause flüchtet sie sich ins Internet. Auf ihrem Blog schreibt sie als
       „Celina Isabelle“, erzählt dort von einem ganz anderen Leben voller Partys
       und Hook-ups. Ein Leben, so inszeniert, wie sie es gerne haben würde.
       Spannend, dass ihr Blog gerade dann Aufmerksamkeit bekommt, als Selina ihre
       wirklichen Erfahrungen aus der Schule teilt, sich verletzlich macht. Ihre
       verletzliche Seite sehen wir in der Serie später kaum noch. Ab jetzt gibt
       es nur noch Celina Isabelle.
       
       Die Serie beschäftigt sich mit der ersten Generation an
       [2][Influencer*innen]. Denen, die noch vor [3][Tiktok,] vor Instagram
       oder Youtube angefangen haben, Blogs zu schreiben. Selinas Figur basiert
       lose auf der norwegischen Bloggerin Sophie Elise Isachsen, die auch beim
       Drehbuch der Serie mitgewirkt hat.
       
       Heute scheinen aus der Masse an Creator*innen kaum noch welche so
       herauszustechen, wie Bianca Heinickes, die Dagi Bees oder eben Celina
       Isabelles. Es ist eine Zeit ohne ausgefeilte Algorithmen, ohne KI-Posts,
       eine, in der die Kommerzialisierung der Szene gerade erst beginnt, in
       Konferenzräumen geschmiedet wird. Ein Blick zurück zeigt: Wie sind wir hier
       eigentlich gelandet?
       
       ## Klicks durch Provokation
       
       Selina lernt schnell, dass die meisten Klicks durch Provokation kommen. Mit
       18 lässt sie sich zum ersten Mal die Brüste machen. Ihre Nase wird immer
       dünner, die Lippen immer voller, sie postet freizügige Videos, wird beim
       Koksen erwischt, sorgt für einen Skandal nach dem nächsten.
       
       Das bewundernswerte Mädchen, das sich gegen Mobbing starkgemacht hat, ist
       sie nicht mehr, vielmehr wird ihr immer häufiger vorgeworfen, ein
       schlechtes Vorbild zu sein. Die Serie fragt, wo die Authentizität der
       Influencer*innen ihre Grenzen hat. Ab wann sie nicht mehr nahbar,
       sondern schädlich ist.
       
       Es gelingt, den Zeitgeist der 2000er und 2010er einzufangen und die
       Schnelllebigkeit, die die Blogger*innenszene ausmacht. Doch der
       Hauptkonflikt um eine Protagonistin, die sich auf der Suche nach
       Bestätigung und Ruhm selbst verliert, ist eine vorhersehbare Geschichte,
       die nicht viel Neues über die Szene erzählt.
       
       Dabei wäre es gerade spannend gewesen, diese Schnelllebigkeit, diese immer
       drohende Bedeutungslosigkeit weiterzuführen. Sich zu fragen, wo ihre
       Grenzen sind. Ob es Selinas Blog heute noch in dieser Form geben würde, es
       ihn überhaupt noch geben kann.
       
       Sophie Elises letzter Upload auf Youtube ist vier Jahre her. Ihr
       Instagram-Account ist heute privat.
       
       2 Feb 2026
       
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