# taz.de -- BVG-Streik in Berlin: Nervig, aber notwendig
> Angesichts der Arbeitslosenzahlen werden Tarifverhandlungen in Zukunft
> deutlich härter. Statt Gemecker ist Solidarität angebracht – auch im
> Winter.
(IMG) Bild: Brennen für bessere Arbeitsbedingungen: streikende BVG-Mitarbeiter auf einem Betriebshof in Lichtenberg
Schon wieder BVG-Streik, nicht einmal ein Jahr [1][nach der letzten
Tarifrunde], und noch dazu mitten im Winter. Muss das sein, stöhnen viele
Berliner:innen, die sich am Montagmorgen in Eiseskälte zu Fuß zur nächsten
S-Bahnstation quälen. Ja, es muss sein, lautet die kurze Antwort. In den
aktuell laufenden Manteltarifverhandlungen sind die Arbeitgeber nicht nur
unwillig, über Verbesserungen zu reden, sondern fordern sogar eine
Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Damit droht eine gefährliche
Trendwende in der Arbeitswelt, die nicht nur die BVG betrifft.
In den letzten Jahren ist es den BVG-Beschäftigten gelungen,
Arbeitsbedingungen und Gehalt Schritt für Schritt zu verbessern. Zuletzt
brachte die Tarifrunde im vergangenen Jahr [2][ein historisches Lohnplus]
von durchschnittlich 20 Prozent. Aktuell verdient eine Busfahrerin bei der
BVG im ersten Jahr 3.180 € brutto. Dazu kommen Zuschläge, Weihnachts- und
Urlaubsgeld.
Ein Job im Fahrdienst ist mittlerweile durchaus finanziell attraktiv. Das
muss er auch sein, denn die Stressbelastung durch den Berliner Stadtverkehr
sowie den Schicht- und Wochenenddienst ist enorm. Und wegen des
demografischen Wandels werden in den kommenden Jahren tausende Fachkräfte
wegfallen. Die Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern wäre der logische
nächste Schritt. Die Forderungen von Verdi nach einer 35-Stunden-Woche, 33
Tagen Urlaub und kürzeren Wendezeiten, die den Arbeitsalltag entzerren,
sind nicht überhöht, sondern ein vernünftiges Verhandlungsangebot.
## Gewerkschaften zunehmend in der Defensive
Doch die Unternehmensleitung hat auch in der zweiten Verhandlungsrunde kein
Gegenangebot vorgelegt. Die BVG bezeichnet die Forderungen als „fern jeder
Finanzierbarkeit“. Mit dem Tarifabschluss von 2025 sei der finanzielle
Spielraum für das Unternehmen voll ausgeschöpft, teilt das Unternehmen mit.
Verdi kritisiert, dass die BVG sogar Einschnitte fordere: Etwa den
Krankengeldzuschuss von 20 auf 6 Wochen zu verkürzen.
Die BVG ist kein Einzelfall. Die Verkehrsunternehmen [3][in 14 anderen
Bundesländern] geben sich ähnlich hartnäckig (in Niedersachsen herrscht
noch die Friedenspflicht). In Zeiten von Massenentlassungen in der
Automobilindustrie hat sich der Wind auf dem Arbeitsmarkt um 180 Grad
gedreht. Unternehmen müssen sich über Bewerber:innenmangel keine
Gedanken mehr machen und Gewerkschaften geraten zunehmend in die Defensive.
Es wird nicht lange dauern, bis Länder und Kommunen die Lohnkosten als
größtes Einsparpotenzial identifizieren. Regelmäßige Nullrunden, die
Streichung von Zuschlägen und eine Ausweitung der Arbeitszeit wären
denkbar.
Auch in der aktuell laufenden Tarifrunde im öffentlichen Dienst der Länder
sind die Arbeitgeber für kaum mehr als einen Inflationsausgleich bereit.
Auf Bundesebene drängt die CDU auf [4][eine Ausweitung der Arbeitszeit] und
treibt die Schleifung von Arbeitnehmerrechten voran. Steuersenkungen für
Unternehmen und Milliarden für Aufrüstung müssen ja irgendwie
gegenfinanziert werden.
Ob das gelingt, wird vom Widerstand der Beschäftigten abhängen. Und von der
Solidarität in der Bevölkerung. Daher ist es gut so, dass Verdi sich nichts
gefallen lässt und zum Warnstreik aufruft. Für alle gilt: Zu Fuß zur Arbeit
zu laufen, ohne über Gewerkschaften zu meckern, ist manchmal auch schon ein
ausreichender Beitrag zum Klassenkampf.
2 Feb 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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