# taz.de -- Gewerkschaften warnen vor Sozialabbau: „Trommelfeuer von Angriffen auf den Sozialstaat“
> Verdi-Chef Frank Werneke beklagt, die Wirtschaftsverbände seien „völlig
> enthemmt“. Die Gewerkschaften fordern einen Stopp der
> „Kahlschlag-Debatten“.
(IMG) Bild: Frank Werneke, Verdi-Vorsitzender, gibt Merz und der CDU Kontra
Frank Werneke wählte deutliche Worte. Ein „nicht enden wollendes
[1][Trommelfeuer von Angriffen auf den Sozialstaat] und die Rechte von
abhängig Beschäftigten“, beklagte der Verdi-Vorsitzende auf der
Jahrespressekonferenz seiner Gewerkschaft am Freitag in Berlin. Die
Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände seien „völlig enthemmt unterwegs“.
Assistiert würden sie dabei von einer neoliberalen Riege von
Wissenschaftler:innen und „natürlich auch [2][von weiten Teilen der
Union]“.
Sie vermittelten ein Zerrbild über die Arbeitswelt in Deutschland, das
geprägt sei von einer Geringschätzung gegenüber der Leistung und dem
Engagement der Beschäftigten, konstatierte Werneke. Angeblich seien sie
nicht fleißig genug und machten zu oft krank. „Das ist frech und ist
anmaßend“, sagte Werneke. Er lade „alle Klugscheißerinnen und Klugscheißer
der Blase aus Politik, Wirtschaftsverbänden und Wirtschaft“ dazu ein, mal
ein paar Schichten bei der Stadtreinigung mitzufahren oder in einer
Notaufnahme zu verbringen.
Unter der [3][Überschrift „Gerechtigkeit statt Spaltung“] hat Verdi
gemeinsam mit den anderen sieben DGB-Einzelgewerkschaften am Freitag eine
Erklärung veröffentlicht, in der sie einen „Stopp dieser
Kahlschlag-Debatten“ fordern. „Die Angriffe der Union und der Arbeitgeber
auf den Sozialstaat und die Beschäftigten werden immer unverschämter“,
heißt es darin. Was derzeit als „Reformdebatte“ daherkomme, sei nicht mehr
als „ein Armutszeugnis für die Union und viele Wirtschaftsverbände“.
Von „immer abenteuerlicheren Vorschlägen auf Kosten der Menschen“ ist in
der Erklärung die Rede. Damit zielen die Gewerkschaften auf die diversen
Forderungen, die in den vergangenen Wochen aus diesen Kreisen laut geworden
sind – von der [4][Einschränkung des Rechtes auf Teilzeit], der Abschaffung
des Acht-Stunden-Tages und die Verschlechterung des Kündigungsschutzes,
über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die [5][Schwächung der
gesetzlichen Rente] bis zur Einschränkung der Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall und [6][Einschnitten in der Gesundheitsversorgung]. „Es wird
fast kein Feld ausgelassen“, empörte sich Verdi-Chef Werneke.
## Gewerkschaften fordern „Ende der Debatten, die nur verunsichern“
„Wir fordern ein Ende der Debatten, die nur verunsichern und die
Gesellschaft spalten“, schreiben die DGB-Gewerkschaften. „Statt Abrisspläne
für Arbeitsrechte und Sozialstaat braucht es mehr Steuergerechtigkeit für
hohe Einkommen und Vermögen“, verlangen sie. Statt Beschäftigten ihre hart
erkämpften Rechte abzusprechen, brauche es „entschlossene Reformen, die
Deutschland voranbringen“ und zu denen „die Reichen und Überreichen endlich
beitragen müssen“.
Konkrete Aktionen, um gesellschaftlichen Druck für den von ihnen
geforderten „Kurswechsel“ der Bundesregierung zu machen, kündigten die
Gewerkschaften jedoch nicht an. Stattdessen heißt es nur, sie stünden
„bereit für einen konstruktiven Dialog über die Zukunft unseres Landes“.
Nochmal kräftig Druck machen will Verdi allerdings in den
Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst der Länder. Die
stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle kündigte am Freitag
„eine bunte erste Wochenhälfte“ an. Bundesweit seien alle Bereiche mit den
Ländern als Arbeitgeber betroffen, insbesondere Unikliniken, aber auch
Straßenbauverwaltungen oder die IT. Bereits in den vergangenen Wochen hatte
es ausgeweitete Warnstreiks in den Ländern gegeben.
Einer der Streikschwerpunkte in der kommenden Woche soll
Nordrhein-Westfalen sein. Am Dienstag werden Warnstreikende aus Schulen,
Unikliniken, der Polizei, Behörden, Justiz und weiteren Teilen der
Landesverwaltung zu einer Großdemonstration vor dem Landtag in Düsseldorf
erwartet.
## Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst der Länder vor
entscheidender Runde
„Es ist die letzte Druckwelle vor der letzten Verhandlungsrunde“, sagte
Behle. Nach zwei ergebnislosen Verhandlungsterminen treffen Verdi und der
mitverhandelnde Deutsche Beamtenbund mit den Arbeitgebern vom 11. bis 13.
Februar zur voraussichtlich entscheidenden, dritten Verhandlungsrunde in
Potsdam zusammen.
Verdi und der Beamtenbund fordern 7 Prozent mehr Geld im Monat – mindestens
aber 300 Euro zusätzlich. 200 Euro pro Monat mehr soll es für
Nachwuchskräfte geben. Die Laufzeit des neuen Tarifvertrags soll zwölf
Monate betragen. Die Arbeitsgeberseite hat bislang kein Angebot vorgelegt.
Behle zeigte sich optimistisch, dass in Potsdam ein Abschluss gelingt.
Andernfalls könnte es aber auch eine vierte Verhandlungsrunde geben. Eine
Schlichtung ist in dieser Tarifrunde nicht vorgesehen.
[7][Wie auch schon die IG Metall] musste Verdi im vergangenen Jahr einen
Mitgliederrückgang beklagen. Knapp 132.000 Neueintritten standen rund
166.400 Abgänge durch Austritt, Streichung wegen fehlender Beitragszahlung
oder Tod gegenüber. Im Saldo sank damit die Mitgliedschaft um mehr als
34.000 auf etwa 1,83 Millionen. Den Hauptgrund für den Rückgang sieht Verdi
im Übergang der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand.
Ökonomisch geht es Verdi trotzdem gut. An Mitgliedsbeiträgen nahm die
Gewerkschaft im vergangenen Jahr 566,5 Millionen Euro ein – dank
gestiegener Verdienste der Beschäftigten ein Plus von 22,3 Millionen Euro
gegenüber dem Vorjahr. „Wir sind finanziell grundsolide aufgestellt, auch
mit Blick auf alle notwendigen Arbeitskampfmaßnahmen“, sagte Verdi-Chef
Wernecke.
6 Feb 2026
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