# taz.de -- Pflegeeltern in Berlin: Mehr als Geld und warme Worte
> Mit einem berlinweiten Empfang würdigt die Familiensenatorin die Leistung
> von Pflegeeltern. Eine neue Initiative fordert mehr handfeste
> Unterstützung.
(IMG) Bild: Wenn die Ämter versagen, bleibt es an den Pflegeeltern hängen
Nach vielen warmen Worten kommt noch ein Appell. „Sprechen Sie darüber,
seien Sie Vorbilder für zukünftige Pflegemamas und Pflegepapas“, sagt
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) beim ersten berlinweitem
Empfang für Pflegefamilien. „Denn der Bedarf in Berlin ist enorm“, fügt er
hinzu. Tatsächlich ist das Land ständig auf der Suche nach Personen, die
langfristig ein Kind bei sich aufnehmen würden.
„Sie machen für diese Kinder den Unterschied“, hatte Berlins Senatorin für
Bildung, Jugend und Familie, Katharina Günther-Wünsch (CDU) zuvor am
Freitagabend den rund 650 anwesenden Pflegeeltern gedankt. Gerade in
turbulenten Zeiten sei es für Kinder umso wichtiger, ein festes Zuhause zu
haben. Kinder aufzunehmen sei eine Entscheidung „aus dem Herzen“, und dafür
wolle sie die Pflegefamilien nun jedes Jahr mit einem Empfang würdigen,
sagt Günther-Wünsch. Sie hat selbst einen inzwischen zehnjährigen
Pflegesohn aufgenommen. Es sei ihr ein „Herzensanliegen“, die
Rahmenbedingungen für Pflegefamilien zu verbessern. „Denn die braucht es
für die Überzeugung“, sagt sie.
Aktuell leben rund 1.800 Kinder in Berlin dauerhaft bei Pflegefamilien oder
einem Pflegeelternteil. Für sie wurde einiges verbessert in den letzten
Jahren: Die pauschalen Pflegesätze hat Berlin 2024 erstmals seit 20 Jahren
angehoben, die Senatorin hat zudem 2025 ein [1][Start-Bonus-Pflegegeld]
eingeführt. Es soll ausgleichen, dass Pflegeeltern kein Elterngeld
bekommen, das leiblichen Eltern zusteht. „Berlin hat eine
Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht, und ich habe mich dafür
eingesetzt, dass auf Bundesebene jetzt im Koalitionsvertrag steht, dass
auch Pflegefamilien Elterngeld bekommen sollen“; sagt Günther-Wünsch.
Aber man wolle nicht warten, bis diese Entscheidung beim Bund gefällt ist,
daher werde Berlin auch in den kommenden beiden Jahren die
Start-Bonus-Gelder zahlen. Der Erfolg gebe ihr recht: „Berlin hat seitdem
mehr als 70 neue Pflegefamilien gewonnen, [2][die es vorher nicht gab]“,
sagt Günther-Wünsch. Tatsächlich war die Zahl von Pflegeeltern in Berlin in
den Jahren zuvor sogar zurückgegangen.
## Jugendamt am Wohnort
Eine weitere Neuerung ist, dass seit Januar die Jugendämter am Wohnort der
Pflegefamilien zuständig sind. Vorher richtete sich dies nach dem Wohnort
der leiblichen Eltern, was für die Pflegeeltern oft lange Wege oder – bei
Umzug der Eltern – auch häufige Wechsel bedeutete.
Die Senatorin will außerdem unabhängige Beratungsstellen für Pflegekinder
einführen und psychosoziale Angebote sowie Reisen für Pflegefamilien
ausweiten, um die Familien zu entlasten. Sie plane außerdem, in jedem
Bezirk Krisenstellen einzurichten und besser zu regeln, dass ein
erweiterter Förderbedarf schneller und unbürokratischer festgestellt wird.
Auch um Strukturen für die Kinder, die volljährig werden, aber weiter
Unterstützung brauchen, werde sie sich kümmern, versprach die Senatorin.
„Es sind die richtigen Schritte“, sagt ein Pflegevater, der mit seiner Frau
seit 20 Jahren Kinder aufnimmt. Aktuell haben sie vier Pflegekinder. „Das
Pflegegeld war im Vergleich mit anderen Bundesländern am unteren Rand, da
ist Berlin nun endlich nachgezogen“, sagt er.
Doch es liege noch viel im Argen. „Die Schulen sehen oft den Bedarf nicht,
und unser Kind bekommt nicht die Förderung, die es für gute Teilhabe
bräuchte“, sagt er. So hätten sie für eins ihrer Pflegekinder die
Schulhilfe, also eine Person, die das Kind in der Klasse unterstützt, ein
Jahr lang selbst finanzieren müssen. „Aber die Kinder aufzunehmen, das ist
toll“, sagt er und strahlt.
## Initiative will mehr Entlastung
„Danke für den feuchten Händedruck. Pflegefamilien brauchen echte Hilfe –
jetzt!“, steht auf Flyern, die eine neu gegründete Initiative auf den
Stehtischen beim Empfang verteilt hat. Auch hier sagen die drei
Initiatorinnen, dass es die wichtigste und beste Entscheidung ihres Lebens
war, ein Kind aufzunehmen. Doch ihre Kinder hätten alle die eine oder
andere Behinderung. „Wir sind am Limit“, sagt Eva Hiltner.
„All die schönen Worte von Liebe, Geborgenheit und dass Kinder jemanden
braucht, der Grenzen setzt – das ist schön gesagt. Aber das trifft nicht
das, was wir vom Senat bräuchten“, sagt sie. Die anderen Pflegemütter habe
sie über eine Selbsthilfegruppe kennengelernt. Jetzt wollen sie mit einer
Initiative mehr Aufmerksamkeit auf ihre Probleme und Forderungen lenken,
und auch andere in ähnlichen Lagen unterstützen.
Verlässliche Hilfe durch Jugendämter, deutlich mehr Entlastungsangebote,
Therapie- und Beratungsplätze, damit Belastungen nicht eskalieren, passende
Unterstützung durch Schulbegleitungen sind ihre Forderungen. Und, ganz
wichtig: „Wir brauchen einheitliche Regeln und weniger Bürokratie“, sagt
Hiltner. Zu oft hänge Hilfe vom Bezirk oder von Formularen ab. „Wo es
Probleme und Diagnosen gibt, muss es auch einfach sein, Hilfen zu
bekommen“, sagt sie.
Sie und ihre Mitstreiter*innen hätten teils lange Leidenswege hinter
sich. „Da wird der Bedarf verleugnet und kleingeredet“, sagt Gesine Wulf,
ebenfalls aus der Initiative. Sie arbeite inzwischen in Teilzeit, anders
sei die Betreuung nicht zu schaffen, „[3][weil mein Kind oft nicht
reinpasst und auch Situationen sprengt]“, sagt sie. Dass Pflegeletern
Stunden reduzieren, sei tatsächlich so gewünscht. Aber bei dauerhafter
Überlastung kämen einige in Existenzängste, weil die Arbeit darunter leiden
könne. „Mit Unterstützung können wir es schaffen. Aber unter den
Bedingungen, unter denen wir Familie sein sollen, ist es unglaublich
belastend. Da zu hören, dass wir „Multiplikatoren“ sein sollen und anderen
davon erzählen, das ist ein bisschen wenig“, sagt sie.
## Probleme mit dem Schulplatz
„Ich gebe mein Kind nicht auf“, betont eine andere aus der Initiative. Aber
gleichzeitig mache sie die Erfahrung, dass das Jugendamt erst reagiere,
wenn sie drohe, die Reißleine zu ziehen. „Es ist eine Zumutung, wie mit uns
umgegangen wird“, sagt sie.
Schon während des Empfangs kommen Pflegeeltern auf das neugegründete
„Netzwerk für Pflegekinder mit Behinderung“ zu. Antje Sonntag aus
Reinickendorf ist mit ihrem Mann und dem 9-jährigen Pflegesohn dort.
[4][„Seit eineinhalb Jahren hat unser Kind keinen Schulplatz“], wendet sie
sich an die drei Frauen aus dem Netzwerk. Ihr Sohn sei eingeschult worden,
aber sei in der großen Klasse nicht klargekommen. Er habe einen
sozial-emotionalen Förderschwerpunkt, sei aber nicht lernbehindert. Die
Kosten für eine Schulersatzinitiative seien vom Jugendamt
Marzahn-Hellersdorf nicht bewilligt worden, es folgen weitere Treffen und
Hilfekonferenzen.
„Die vom Schulamt war ganz entsetzt und meinte, wir müssen unbedingt eine
Lösung finden. Das war vor einem halben Jahr“; sagt Pflegemutter Sonntag.
„Währenddessen ist unser Sohn zu Hause, und mein Mann musste seinen Job
aufgeben und Bürgergeld beantragen, um ihn zu betreuen“, sagt sie. Das Kind
habe zumindest inzwischen gut Englisch gelernt. Aber eine Lösung für einen
geregelten Schulbesuch sei weiterhin nicht in Sicht. Aktuell stünden sie
auf der Warteliste für eine Schule mit kleinen Klassen, eine andere Stelle,
bei der es im Februar losgehen sollte, habe sich noch nicht gemeldet. „Wir
fühlen uns von allen Seiten im Stich gelassen“, sagt Sonntag. Aber auch für
sie und ihren Mann ist klar: Für ihren Pflegesohn werden sie weiterkämpfen.
1 Feb 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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