# taz.de -- 40.000 Menschen demonstrieren in Israel: „Ich will keine Rache, sondern Gerechtigkeit“
> Israels Polizei ist zunehmend politisiert, die Mordrate unter der
> palästinensisch-arabischen Bevölkerung steigt. Das könnte auch im
> Wahlkampf Thema werden.
(IMG) Bild: „Arab Lives Matter“: Eine Demonstrantin in Tel Aviv am 31. Januar
Minuten vor dem Beginn der Demonstration in Tel Aviv traf es am Samstag ein
weiteres Opfer: In der wenige Kilometer entfernten Stadt Lod (arabisch:
Al-Lyd) erschoss am helllichten Tag ein maskierter Mann einen 25-Jährigen
auf offener Straße. Der Getötete Omer Taysir al-Schamali ist das 23. Opfer
einer Welle an Morden unter [1][Palästinensern mit israelischer
Staatsbürgerschaft] – allein seit Jahresbeginn. Beobachter machen dafür
systematische Vernachlässigung durch die Polizei unter dem rechtsextremen
[2][Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir] verantwortlich.
„Ich bin nicht hier, um zu weinen, sondern um zu schreien“, rief am Abend
dann Hitam Abu Fani, Mutter des im vergangenen Jahr erschossenen Fares Abu
Fani, auf dem Habima-Platz. „Ich will keine Rache, sondern Gerechtigkeit
und Schutz.“ 40.000 Teilnehmer aus dem ganzen Land waren gekommen, vor
allem aus der palästinensisch-arabischen Minderheit, die rund ein Fünftel
der israelischen Bevölkerung ausmacht – aber auch jüdisch-israelische
Regierungskritiker.
Viele Teilnehmer trugen schwarze Fahnen, die zum Symbol einer wachsenden
Bewegung gegen die Morde in der palästinensischen Bevölkerung Israels
geworden sind. Eine Gruppe Teilnehmer hielt Fotos von getöteten Angehörigen
hoch. Andere forderten in Sprechchören auf Arabisch und Hebräisch den
Rücktritt von Ben-Gvir und verlangten, arabische Bürger Israels ebenso zu
schützen wie jüdische.
Die Polizei praktiziere in vielen arabischen Ortschaften eine „tödliche
Zurückhaltung“, sagte Jamal Zahalka, der Vorsitzende des Dachverbands der
arabischen Minderheit in Israel, der zu dem Protest aufgerufen hatte. Seit
dem Amtsantritt der in Teilen rechtsextremen Regierung unter Premier
Benjamin Netanjahu vor drei Jahren sind die Mordraten in den
arabisch-palästinensischen Gemeinden sprunghaft angestiegen – von rund 100
auf 250 Fälle pro Jahr.
## Der Wahlkampf in Israel hat begonnen
[3][Ben-Gvir hat zahlreiche erfahrene Polizeikommandeure aus dem Dienst
gedrängt und durch loyale Kandidaten ersetzt], die seiner
nationalreligiösen Ideologie nahestehen. In vielen arabischen Ortschaften
breiten sich organisierte Kriminalität und Schutzgelderpressung aus.
Zahalka forderte, die Polizei müsse gegen kriminelle Gruppen vorgehen,
Waffen konfiszieren und die Mordfälle aufklären.
Die Proteste hatten vergangene Woche Fahrt aufgenommen, nachdem
Ladenbesitzer im Ort Sachnin in Nordisrael nach Drohungen von kriminellen
Banden in einen Streik getreten waren. Die Bewegung könne ein „Wendepunkt“
sein, der jüdische und palästinensische Israelis zusammenbringe, sagte der
palästinenisch-israelische Politiker Ayman Odeh der Times of Israel. Laut
Umfragen kommt im Vorfeld der israelischen Parlamentswahlen in diesem Jahr
bisher weder die rechtsextreme Regierungskoalition von Benjamin Netanjahu
noch die Opposition auf eine Mehrheit. Arabische Parteien könnten vor
diesem Hintergrund eine Schlüsselrolle spielen.
Der Wahlkampf hat auch für die israelische Regierung längst begonnen. Sie
setzt darauf, die Erzählung der Ereignisse seit dem [4][Überfall der Hamas
am 7. Oktober 2023] zu ihren Gunsten zu drehen. So ward der
Geisel-Koordinator der israelischen Regierung, Gal Hirsch, den Angehörigen
der Ex-Geiseln am Wochenende vor: Sie hätten mit ihren Protesten für ein
Abkommen und einen Gefangenenaustausch in den vergangenen zweieinhalb
Jahren Hamas-Propaganda „verstärkt“.
[5][Die ehemalige Hamas-Geisel Or Levy] wies diese Vorwürfe in einem
offenen Brief am Sonntag empört zurück. Und beschuldigte Hirsch und die
Regierung, die Entführten im Stich gelassen zu haben. „Eure Wahlkampagne
ist das Einzige, was euch wichtig ist“, schrieb er.
## Wie geht es weiter im Gazastreifen?
Eine Rolle im Wahlkampf dürfte auch spielen, wie es im Gazastreifen
weitergeht. Der Friedensplan des US-Präsidenten Donald Trump sieht einen
schrittweisen Abzug der israelischen Armee und eine Entwaffnung der Hamas
vor. Die radikalislamische Gruppe lehnt eine Demilitarisierung bisher
jedoch ab.
Die israelische Armee macht ihrerseits keine Anzeichen, sich von der
sogenannten gelben Linie zurückzuziehen, hinter der sie weiter mehr als 50
Prozent des Gazastreifens besetzt hält. Seit Beginn der Waffenruhe haben
israelische Soldaten mehr als 500 Palästinenser in Gaza getötet. Bei einer
der schwersten Angriffsserien starben laut palästinensischen Angaben am
Samstag mehr als 30 Menschen, darunter auch Frauen und Kinder. Das Militär
erklärte, man habe zuvor mehrere bewaffnete Palästinenser gesichtet.
[6][Ein kleiner Fortschritt im Sinne des Trump-Plans] könnte indes die
Wiedereröffnung des Grenzübergangs Rafah sein. Er verbindet den
Küstenstreifen mit Ägypten. Am Sonntag sollen Tests durchgeführt werden, am
Montag soll dann – nachdem Israels Führung dies länger hinausgezögert hatte
– der Personenverkehr in beide Richtungen beginnen.
1 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Juedisch-arabisches-Zusammenleben/!6079396
(DIR) [2] /Todesstrafe-in-Israel/!6145589
(DIR) [3] /Neuer-Polizeichef-Israels/!6029681
(DIR) [4] /7-Oktober-Ueberlebender-im-Gespraech/!6115263
(DIR) [5] https://www.timesofisrael.com/taken-captive-or-levy-arrived-at-festival-minutes-before-onslaught/
(DIR) [6] /Krieg-im-Gazastreifen/!6149054
## AUTOREN
(DIR) Felix Wellisch
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