# taz.de -- Theaterstück über Immobilienspekulation: Die Ballade vom schleimigen Makler
> Eine inszenierte Immobilienbesichtigung ist das Stück „Ignorance Is
> Bliss“ in den Sophiensälen in Berlin. Es greift die Spekulations- und
> Sparwut der Stadt auf.
(IMG) Bild: Wo die Bauplane hängt, freut sich der Investor: Szene aus dem Theaterstück „Ignorance is Bliss“ in den Sophiensälen in Berlin
Lustvoll schlägt die junge Frau mit dem Hammer auf das Handy. Der Hammer
saust so lange auf das Gerät nieder, bis es in viele kleine Teile
zersplittert ist. Dann nimmt sie die Augenschutzbrille ab, schaut ihr
Gegenüber glücklich an und geht wieder auf ihren Platz. Das
Musiktheaterkollektiv Hauen & Stechen hat mit dem Ensemble Trisolde in die
[1][Berliner Sophiensäle] geladen, und kurz vor Schluss gibt es diesen
ultimativen Mitmach-Moment. Alte Handys liegen auf knallroten Matten,
liefern sich der Zerstörung aus und kurz blitzt die Vorstellung auf, wie es
wäre, diesen Befreiungsschlag konsequent mit dem eigenen Mobiltelefon
durchzuführen.
Peter Pankow reißt einen aus dem Gedankenspiel, energisch schiebt er seinen
Körper über die Bühne hin zur Zuschauertribüne. Der hellgraue Anzug ist
schon etwas verrutscht nach über 150 Minuten körperintensivem Spiel.
[2][Der Schauspieler vom inklusiven Theater Thikwa] verkörpert in
„Ignorance Is Bliss“ einen steinreichen Immobilienhai, der die Sophiensäle
an die Bestbietenden verhökert. Hauen & Stechen weisen dem Publikum eine
Rolle zu: alle spielen die Klientel, die an der Immobilie interessiert ist.
So beginnt der Abend als Ortsbesichtigung. Man windet sich durch meterlange
durchsichtige Planen, Mörtelstaub rieselt herum, denn Bauarbeiter versuchen
sich gerade am Badeinbau. Aus dem ehemaligen Freie-Szene-Theater soll
exklusiver Wohnraum werden, verkünden die Immobilienmakler „Peter &
Pankow“.
## Wie im Mittelalter
Und jetzt, nachdem man mit der Zeitmaschine der arbeitslosen
WissenschaftlerInnen, denen ihr Mietvertrag an der Berliner Sophienstraße
längst gekündigt worden ist, im Mittelalter und sogar in der Steinzeit war,
kommt Peter Pankow als glitschiger Immobilienmogul auf die Bühne zurück.
Gerade noch thronte er als mittelalterlicher Herrscher auf roten Purpur.
Jetzt geht er die Zuschauertribüne hoch und kürt zwei überraschte
ZuschauerInnen zu den neuen BesitzerInnen der Sophiensäle.
Die bunt flackernde Zeitmaschine steht neben der alten Badewanne. Die
zerfließende Uhr aus dem Salvador-Dalí-Kosmos, die stoisch an einem
Lichtkabel hängt, gibt ihr einen fast antiken Flair. Das Bühnenbild
gestaltete Yassu Yabara. Man wurde zeit- und musikmäßig ziemlich
durcheinandergewirbelt, hat das Ensemble in Mönchskutten die Bühne fluten
sehen. Und mit Rosa Luxemburg gesprochen, die nach der Pause historischen
Staub aus den Sophiensälen zum Kauf anbot.
Wirklich gruselig ist das Theater vor dem Theater und der Rundgang „über“
die Baustelle. Roman Lemberg empfängt einen schon im Foyer. Im hellblauen
Slimfit-Anzug spielt er den aalglatten Angestellten, der Peter Pankow nicht
von der Seite weicht. Das ganze Immobilienmakler-Sprech säuselt er mit
genau der anbiedernden Werbestimme ins Mikro, wie in der Branche üblich.
## Schlag in die Magengrube
Gleichzeitig wird mit dem Overhead-Projektor die Immobilienanzeige zum
Verkauf der Sophiensäle an die Foyerwand geworfen. Das zusammen ist wie ein
Schlag in die Magengrube, weil dieses Szenario bei den momentanen
politischen Verhältnissen in Stadt und Land definitiv nicht aus der Luft
gegriffen ist.
Dann geht es für das VIP-Publikum mit den Bändchen – auch ich bin endlich
mal VIP! – direkt zur Bühnen-Baustelle. Zwischen den Bauplanen baut sich
das aggressiv-rote Logo auf den großen Bildschirmen immer wieder neu
zusammen. Der Werbefilm von „Peter & Pankow“ übernimmt die
Werbeagentur-Ästhetik und lässt dann Peter Pankow über den Alex fliegen wie
Astrid Lindgrens „Karlson vom Dach“.
Unter Pankows Immobilienmogulfassade poppt von Anfang an subversives
Gedankengut auf. Der Bauarbeiter (Thorbjörn Björnsson) liegt in der alten
mit Dreckwasser gefüllten Badewanne und fängt an zu philosophieren: „Die
Dinge, die sich ins Beharrliche versteifen, müssen sterben, damit das Ewige
seinen Platz hat.“
Hauen & Stechen bleibt seinem Markenkern treu: das wilde Mixen von
Musikstilen aus allen erdenklichen Epochen und die entspannt-trashige
Umsetzung. [3][An Roman Lemberg ist nicht nur ein schleimiger Makler]
verloren gegangen, er stemmt am Keyboard auch noch den musikalischen
Hauptpart der Inszenierung. Aber eigentlich können alle alles. Im
Minutentakt wechseln alle Aufgabe und Funktion. Wer gerade noch an der
Geige war, ist jetzt mitten in der wilden Choreografie und intoniert einen
Augenblick später „Apprendete Pieta“ von Monteverdi. Da kommt man sogar
beim Zuschauen ins Schwitzen.
18 Dec 2025
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## AUTOREN
(DIR) Katja Kollmann
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