# taz.de -- Gewalt in lesbischen Beziehungen: „Das Archiv der Träume“ wird entstaubt
       
       > Ein Theaterstück im Berliner Ensemble bringt Gewalt in lesbischen
       > Beziehungen auf die Bühne – und zeigt, wie sehr das Thema tabuisiert
       > wird.
       
 (IMG) Bild: Angespannte Stimmung im Traumhaus
       
       „Darf ich dich küssen?“, fragt die Frau aus dem Traumhaus. Carmen bejaht.
       „Darf ich dir das Oberteil ausziehen? Darf ich …“, fragt sie weiter. Zu
       diesem Zeitpunkt passiert noch alles mit Konsens, die rosarote Brille sitzt
       gut. „Der Kick, immer wieder Ja zu sagen, läuft mir über das Gesicht“,
       denkt Carmen laut.
       
       Die Theaterperformance „Das Archiv der Träume“ interpretiert das
       gleichnamige Buch über Gewalt in lesbischen Beziehungen – ein Thema, das in
       der lesbischen Szene selbst und außerhalb tabuisiert und geleugnet wird.
       Dabei schafft Regisseur:in Jules Head eine gelungene Abwechslung
       zwischen Schwere und Leichtigkeit. Das Original „In the dream house“
       erschien 2019 in den USA, Autorin Carmen Maria Machado lebt in Philadelphia
       mit ihrer Frau Val.
       
       Das Publikum an diesem Abend im Berliner Ensemble besteht überwiegend aus
       weiblich gelesene Personen und Queers. Sie werden die meiste Zeit über
       gebannt die Handlung verfolgen. Aber die Schauspielerinnen schaffen es
       auch, das Publikum immer wieder zum Lachen zu bringen.
       
       Die Outfits der Hauptdarstellerinnen bedienen das Stereotyp der
       Klischee-Lesbe. Carmen (Amelie Willberg) trägt eine hellblaue Jeans,
       Bomberjacke und die kinnlangen Haare liegen dank Gel sleek an der Kopfhaut.
       Die „Frau aus dem Traumhaus“ (Amal Keller), von Autorin Machado nur so
       genannt, trägt eine schwarze Jeans, unter der eine Calvin-Klein-Unterhose
       hervorlugt, dazu ein enges Top, viele Goldketten und zwei geflochtene
       Zöpfe.
       
       ## Rosarot wird schnell schwarz
       
       Auf eine schwarze Leinwand hinter der Bühne projiziert ein Beamer „Das
       Traumhaus als Prolog, S. 10“. In dem Traumhaus werden Carmen und ihre Frau
       erst zu dritt, dann zu zweit leben. Die beiden setzen sich auf den
       Bühnenrand und erzählen, wie sich Carmen in die Frau aus dem Traumhaus
       verliebt hat. „Sie ist diese Mischung aus Butch und Femme, die mich
       wahnsinnig macht“, sagt Carmen, während die Frau aus dem Traumhaus betont
       lässig und breitbeinig über die Bühne schreitet. Butch ist eine
       Selbstbezeichnung von Lesben, die sich eher maskulin identifizieren oder
       dieses Gender nach außen präsentieren, während Femme das Pendant dazu
       bildet.
       
       Bis hierhin sehen sie noch alles durch die rosarote Brille. Doch als sie
       ihre Sonnenbrillen aufsetzen und für ein paar Tage in Florida sind, merkt
       Carmen zum ersten Mal, dass die Frau aus dem Traumhaus Grenzen
       überschreitet. Carmen sagt: „Als du mich eben am Arm gepackt hast, das hat
       wehgetan. Ich hatte Angst.“ Die Frau aus dem Traumhaus entgegnet nur:
       „Sorry, aber du weißt ja, dass ich dich liebe.“
       
       Die beiden Schauspielerinnen sagen in der Anfangsszene: „In den 1970er
       Jahren gab es die ersten Texte über Gewalt in Beziehungen. Passiert sie
       unter Lesben, so gibt es kaum Texte.“ In späteren Szenen beschimpft die
       Frau aus dem Traumhaus Carmen, schreit sie an, droht ihr. Die Gewalt, die
       Carmen erfährt, wird sie traumatisieren.
       
       ## Inszenierung von Trauma
       
       Während der Performance stehen nur die beiden Schauspielerinnen auf der
       Bühne, aber sie verkörpern mehr als zwei Charaktere. Die meiste Zeit über
       spielen sie Carmen und die Frau aus dem Traumhaus, teilweise aber auch Val,
       eine Stewardess, eine Maus und eine Katze. Dieser Wechsel ahmt den
       Schreibstil von Machado nach. Im ersten Abschnitt spricht die Autorin
       jemanden mit Du an. Ob die Leserschaft oder die Frau aus dem Traumhaus
       gemeint ist, bleibt offen. Im nächsten Abschnitt folgt eine reine
       Ich-Erzählung. Zudem bedienen sich Machado und Head an Film und Fantasy,
       sie bauen auch Szenen im Stil von Comedy oder Fabel ein.
       
       Diese Verwirrungen schlagen eine Brücke zum Trauma. Denn Traumata sind von
       Unstrukturiertheit und Achronologie geprägt. „Die Geschichte ergibt keinen
       Sinn“, sagt Head im Gespräch mit der taz.
       
       Als sich Carmen in die Frau aus dem Traumhaus verliebt, muss sie kurz
       darauf dabei zusehen, wie die eine andere Frau küsst: Val, ihre Freundin.
       Erst ist Carmen eingeschnappt, bis sie bei einem Filmabend von der Frau aus
       dem Traumhaus erfährt: „Wir sind offen“ – also in einer offenen Beziehung.
       
       ## Auch der Sound ist queer
       
       „Wir können vögeln, aber wir können uns nicht verlieben!“, sagt die Frau
       aus dem Traumhaus. Doch es ist sie selbst, die Carmen als Erstes ihre Liebe
       gesteht. Die Frau aus dem Traumhaus schnipst, die Musik, die eben noch
       lief, geht aus und sagt: „Ich glaube, ich war schon immer poly(amourös).“
       
       Apropos Musik: Während die Schauspielerinnen das Traumhaus wieder abbauen,
       läuft lautstark ein Song von Rosalía. Die Musikerin wird in der queeren
       Community viel gehört. „Es gibt auch viele queere Songs im Soundtrack der
       Theaterperformance“, sagt Tom Foskett-Barnes, der für das Sounddesign
       verantwortlich ist.
       
       Dass die Musik mal dröhnt, mal fast unmerklich im Hintergrund läuft, passt
       wieder zum Überthema Trauma. „Du erinnerst dich daran, wie laut es war oder
       an die spezielle Farbe, aber nicht daran, was gesagt wurde“, sagt Head über
       traumatische Situationen. Daher das intensive Wechselbad zwischen Schreien
       und Flüstern, schnell und langsam.
       
       „Irgendwann vergesse ich, dass ich einfach gehen kann“, denkt Carmen laut.
       Doch diese Entscheidung soll ihr abgenommen werden, was zu einem fast Happy
       End mit Plot-Twist führen wird. Das Trauma wird das Happy End trüben. Denn
       auch Jahre später glauben die Leute Carmen nicht, wenn sie von ihren
       Gewalterfahrungen erzählt. Beschimpfungen und Anschreien lassen sich nicht
       so fotografieren wie ein blaues Auge. Aber: „Es ist falsch, nach Beweisen
       zu fragen“, sagt Head. Trauma macht das Erinnern so bruchstückhaft, dass
       Erzählungen keinen Sinn ergeben zu scheinen.
       
       Am 4. und 5. Februar läuft „Das Archiv der Träume“ zum letzten Mal im
       Berliner Ensemble. Die [1][Vorstellungen sind ausverkauft, es gibt aber
       eventuell noch Restkarten] an der Abendkasse.
       
       3 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/das-archiv-der-traeume
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marlene Thaler
       
       ## TAGS
       
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