# taz.de -- Regierungsbildung in den Niederlanden: Jetten und sein Mitte-rechts-Bündnis
> Nur drei Monate nach den Parlamentswahlen ist eine Minderheitsregierung
> beschlossene Sache. Wie stabil wird sie sein?
(IMG) Bild: Den Haag, Niederlande, 27. Januar: Rob Jetten, mit 38 Jahren bald der bislang jüngste niederländische Premier
„Wir haben unglaublich große Lust, uns an die Arbeit zu machen.“ Mit diesen
Worten verkündete Rob Jetten, der künftige niederländische Premierminister,
am späten Dienstagabend die seit Tagen erwartete Nachricht: Genau drei
Monate nach den vorgezogenen Parlamentswahlen haben sich seine liberalen
Democraten66 (D66) mit Christdemokrat*innen (CDA) und der
liberal-rechten Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) auf eine
Minderheitsregierung verständigt. Am Freitag wollen sie ihr
Koalitionsprogramm in Den Haag präsentieren.
Jetten wird mit 38 Jahren nicht nur der bislang jüngste niederländische
Premier, sondern auch der erste aus dem Hause D66. Die oft als
linksliberal, heute aber eher im Zentrum verortete Partei hatte im Oktober
hauchdünn vor der rechtspopulistischen Freiheitspartei (PVV) die Wahlen
gewonnen.
Gemeinsam kommen sie auf 66 der 150 Sitze – zehn weniger, als für eine
Mehrheit benötigt werden. Nachdem man sich in den Koalitionsverhandlungen
nicht auf eine vierte Partei einigen konnte – D66 favorisierte das Bündnis
aus GroenLinks und Arbeitspartei, VVD die rechte JA21 –, beschloss man, auf
eine Minderheitsregierung zu setzen.
Angesichts der fragmentierten Kräfteverhältnisse im Parlament war dies die
einzig verbliebene Option. Jetten sprach am Dienstag von „einer der
schnellsten Regierungsbildungen der letzten Jahrzehnte“. Verglichen mit den
mühsamen Koalitionsgesprächen der jüngsten Vergangenheit ist das
unbestreitbar. Angesichts der großen Herausforderungen wie Wohnungsnot,
Stickstoffkrise und zunehmender sozialer Ungleichheit ist eine
handlungsfähige Regierung dringend nötig.
## Krachend gescheitert
Um handlungsfähig zu sein, wird die neue Regierung auf wechselnde
Mehrheiten in der Tweede Kamer des Parlaments und Unterstützung aus der
Opposition angewiesen sein. Das passt in das Szenario, das Jetten schon in
der Nacht seines Triumphs entworfen hatte: die Hand reichen in einem
polarisierten Land, verbinden statt spalten. Und das gerade nach dem
turbulenten und nach nicht einmal einem Jahr krachend gescheiterten
Experiment einer von der PVV geführten Rechtsregierung.
[1][Jesse Klave]r ist bereit dazu. Der Chef des grün-roten Wahlbündnisses
GroenLinks-PvdA erklärte, man reiche der Koalition „im Interesse des
Landes“ die Hand und wolle noch vor dem Sommer Übereinkünfte treffen.
GroenLinks-PvdA ist [2][nach dem jüngsten Austritt von sieben Abgeordneten
aus der Fraktion der rechtspopulistischen PVV] die größte
Oppositionspartei.
In einer am Dienstag veröffentlichten Untersuchung der Nachrichtensendung
„Een Vandaag“ sprachen sich Wähler*innen von sowohl GroenLinks-PvdA als
auch JA21 mit sehr großer Mehrheit für eine Zusammenarbeit mit der
Minderheitsregierung aus. Für diese kann das bedeuten, die mühsamen
Verhandlungen, die man sich bislang erspart hat, nur aufgeschoben zu haben.
Die zentrale, bange Frage bleibt denn auch: Wie tragfähig und stabil ist
dieses Modell?
Erste Hinweise darauf verspricht der Koalitionsvertrag, der am Freitag
vorgestellt wird. Klar ist, dass die Regierung Jetten, die wohl eine
Mitte-rechts-Signatur tragen wird, vor großen Einsparungen steht. Erschwert
wird die Lage durch die Erhöhung der Verteidigungsausgaben, was sich auf
andere Haushaltsbereiche negativ auswirken dürfte. In Den Haag rechnet man
mit einem zusätzlichen Posten von 16 bis 19 Milliarden Euro jährlich.
## Vertrauen zurückgewinnen
Eine weitere Aufgabe für die Regierung wird sein, das Vertrauen weiter
Bevölkerungsteile in die Politik zurückzugewinnen. Vor allem während der
Koalitionen unter dem heutigen Nato-Generalsekretär Mark Rutte, in denen
die gleichen drei Parteien häufig den Ton angaben, wurde dieses massiv
beschädigt. Der rechtspopulistische Diskurs vor allem seitens der Partij
voor de Vrijheid, aber auch des Alt-Right-lastigen und verschwörungsaffinen
Forum voor Democratie (FvD) taten ein Übriges, um die Abneigung gegen „Den
Haag“ zu kultivieren.
Aktuell formieren sich die Kräfteverhältnisse auf der Rechten neu. Die PVV
unterlag im Oktober nur dank der geringeren Stimmenzahl der Wahlsiegerin
D66, ist jedoch durch den Abgang von über einem Viertel der Fraktion
angeschlagen. Die bürgerlichere JA21 und FvD, die sich nach einem Wechsel
an der Spitze etwas moderater gerieren, dürften davon profitieren.
28 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Müller
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