# taz.de -- Streiten als Sportart: „Es ist eher ein Nachteil, wenn man sich zu gut auskennt“
> Debattieren ist ein Mannschaftsport, sagt Ruben Herrmann, Chefjuror der
> Norddeutschen Debattiermeisterschaft – und zwar ein gesellschaftlich
> relevanter.
(IMG) Bild: Sieben Minuten Zeit, um die Jury von der eigenen Position zu überzeugen: Pro oder Kontra werden zugelost
taz: Herr Herrmann, Sie üben das Streiten als eine Sportart aus. Wie geht
das?
Ruben Herrmann: Bei uns ist das Debattieren ein Wettstreit miteinander um
das beste Argument und die beste rhetorische Darstellung. Dabei bekommt man
ein Thema und hat 15 Minuten Zeit, um sich vorzubereiten. Man schlüpft dann
in eine Rolle, weil die Positionen Pro oder Kontra jeweils zugelost werden.
Dann hat man in einer siebenminütigen Rede die Gelegenheit, die Jury von
seiner Position zu überzeugen. Dadurch unterscheidet es sich sehr stark von
einer Diskussion im alltäglichen Umfeld.
taz: Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, wenn man die eigene Meinung
verteidigt?
Herrmann: Häufig ist es tatsächlich eher ein Nachteil, wenn man sich zum
Beispiel zu gut bei einem Thema auskennt, mit dem man sich identifiziert.
Weil man dann vielleicht zu viel voraussetzt oder bestimmte Aspekte
rüberbringen möchte, die einem selber wichtig sind, obwohl sie in der
Debatte gar nicht so entscheidend sind.
taz: Nun steht es ja in diesen Zeiten nicht gut um die Streitkultur. Halten
Sie das sportliche Debattieren deshalb für gesellschaftlich relevant?
Herrmann: Ich denke schon! Meiner Meinung nach sind da zwei Dinge wichtig.
Zum einen muss man sich gegenseitig zuhören können, weil ich beim
Debattieren nur erfolgreich sein kann, wenn ich die Argumente der anderen
verstanden habe. Zum anderen muss ich mich, wenn ich andere Meinungen als
meine vertrete, mit diesen Positionen auseinandersetzen und verstehe
dadurch vieles besser und lasse dann auch Argumente gelten, die nicht
meiner eigenen Meinung entsprechen. Und beides passiert [1][in der
aktuellen Streitkultur] immer weniger, weil alle in ihren Positionen so
festgefahren sind.
taz: Darf man sich denn, wenn man ein Thema bekommen hat, zum Beispiel bei
Wikipedia schlaumachen?
Herrmann: Nein, man bekommt nur einen kurzen Infozettel zu dem Thema, damit
man weiß, worum es geht, und dann muss man zusammen mit seinem Team mit dem
Wissen arbeiten, das man hat.
taz: Ach, Sie sind kein Einzelkämpfer, sondern das Debattieren ist ein
Mannschaftsport?
Herrmann: Genau, es gibt Zweier- und Dreierteams, und in denen überlegt man
gemeinsam, welche Argumentationen es zu dem Thema gibt, welche Definitionen
wichtig sind und was erst einmal erklärt werden sollte.
taz: Gibt es im Debattiersport auch Fouls?
Herrmann: Ja, ich darf natürlich nicht zu lange sprechen. Und wenn man
jemanden beleidigt oder Lügen verbreitet, könnte man auch disqualifiziert
werden. Aber das passiert sehr selten.
taz: Es gibt ja schon seit der Antike zwei Linien der Rhetorik. In der
einen geht es darum, mit allen Mitteln zu überzeugen und in der anderen
wird versucht, Wahrheiten zu ergründen. Spielt das auch beim sportlichen
Debattieren eine Rolle?
Herrmann: Es gibt zwei Formate des Debattierens, die man danach
unterscheiden kann. Bei dem einen geht es nur darum, wie der Inhalt
vorgebracht wird. Da wird nicht bewertet, ob man etwa mit einem schönen
Sprachbild arbeitet oder ein gutes Beispiel bringt. Und in dem anderen
Format wird auch bewertet, ob ich gut gesprochen habe, wie meine Gestik und
meine Körpersprache waren.
taz: Und was waren bislang Ihre größten sportlichen Erfolge?
Herrmann: Bei der deutschen Debattiermeisterschaft von 2023 war ich Redner
im Finale und wurde Vizemeister.
taz: Und worüber wird bei solchen Meisterschaften gestritten?
Herrmann: Bei diesem Finale wurde darüber debattiert, ob sich die
[2][Außenpolitik Chinas] in den nächsten 50 Jahren friedlich entwickeln
wird. Aber wir hatten auch schon mal das Finalthema, ob jeder seines
eigenen Glückes Schmied ist.
9 Apr 2026
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