# taz.de -- Thriller „Send Help“ von Sam Raimi: Endlich bekommen, was man schon immer wollte
       
       > Der Regisseur Sam Raimi lässt in seinem Thriller „Send Help“ zwei
       > verhasste Kollegen auf einer Insel stranden. So was geht nicht ohne böses
       > Blut.
       
 (IMG) Bild: Außerbetrieblicher Umgang unter Kollegen: Bradley Preston (Dylan O’Brien) und Linda Liddle (Rachel McAdams) in „Send Help“
       
       In den Werken des Regisseurs Sam Raimi herrscht ein nicht sonderlich
       freundlicher, aber doch vergnügter Blick auf die weniger feinen
       Eigenschaften des Menschen, der unter den Bedingungen der freien
       Marktwirtschaft aufwachsen musste. Das gilt insbesondere für die eher
       kleinen Produktionen, abseits der Blockbuster, die wirken, als seien sie
       der Kern dieses filmischen Werks. Die Figuren werden aus dem eh schon
       unerfreulichen Normalverlauf herausgelöst, in Extremsituationen versetzt
       und dann zerlegt. Im metaphorischen Sinne oder buchstäblich körperlich.
       
       Sein jüngster Film „Send Help“ ist eine Robinsonade, in der eine
       karriereversessene, aber leider nur fleißige und nicht
       performance-taugliche Angestellte auf ihren CEO losgelassen wird. Oder
       umgekehrt, je nachdem. Linda Liddle, man beachte den Namen, wird von ihrem
       neuen Boss Bradley die eigentlich versprochene Beförderung verweigert.
       Bradley ist ein Chef wie aus dem #MeToo-Horrorkatalog, dominant und
       übergriffig.
       
       Rachel McAdams spielt die Untergebene, ungeschminkt, in
       Kartoffelsackklamotten und mit Thunfischsandwich am Mund, als intensives
       verkörpertes Fremdschämen. Aber auch als – zuerst noch – gute Seele. Dylan
       O’Brien legt am anderen Pol als mobbender Boss eine formvollendete
       Arschloch-Performance hin, deren immer wieder aufblitzende
       Klischeehaftigkeit (Golf im Büro) kein Problem ist. Schließlich ist das
       hier eine sehr schwarze Komödie.
       
       Auf dem gemeinsamen Flug zu den Geschäftspartnern nach Bangkok stürzt das
       einander hassende Duo ab und strandet auf einer einsamen Insel, und mit dem
       Absturz eröffnet „Send Help“ ein anderes Register. Die Zerstörung des
       Flugzeugs und seiner Insassen (bis auf zwei) ist als überdrehte
       Horrorsequenz inszeniert und steht den legendären Katastrophen in den
       ersten „Final Destination“-Filmen in nichts nach.
       
       ## Ein Auf und Ab mit Abgründen
       
       Das Machtverhältnis verkehrt sich. Linda ist Fan von Survival-Serien und
       weiß, wie man einen Unterstand aus Palmenblättern baut, Wasser gewinnt und
       Fische fängt. Bradley weiß gar nichts. Im Wechsel zwischen Kooperation und
       Kampf zwischen dem Ekel-Chef und der auch nicht eben sympathischen
       Angestellten verschieben sich immer wieder die Hierarchien. Mal dominiert
       die eine, dann der andere, und in diesem Auf und Ab zeigen sich mehr und
       mehr Abgründe.
       
       Das brillante Skript der bislang nicht weiter aufgefallenen Autoren Mark
       Swift und Damian Shannon entfaltet psychologisch überraschend subtil eine
       immer wieder shiftende Dynamik, deren Spannung sich oft in sehr
       körperlichen Sequenzen entlädt.
       
       Sam Raimi gehört zu den wenigen Regisseuren, die es von den Rändern des
       Kinotreibens ins Zentrum geschafft haben: vom [1][Splatter der in den
       Achtzigern entstandenen „Evil Dead“-Filme] bis zu der in den Nullerjahren
       erschienenen „Spider-Man“-Trilogie und Marvel-Blockbustern wie [2][„Doctor
       Strange in the Multiverse of Madness“ (2022)].
       
       Die steile These, dass die Ambitionen, Erfolge und Höllenfahrten seiner
       Außenseiterfiguren in „Drag Me to Hell“ und gerade auch in „Send Help“
       zugleich als selbstreflexive Verständigung über die Bedingungen des eigenen
       künstlerischen Schaffens lesbar sind, drängt sich zumindest auf.
       
       ## Lust am Rumsauen
       
       In „Send Help“ wird es immer wieder sehr physisch. Linda erbricht sich über
       ihrem Chef, eine Wildschweinschlachtung und eine Kastrationsszene werden
       als Splatterfest inszeniert, und eine Geistererscheinung am Strand könnte
       direkt aus Raimis „Evil Dead“-Filmen der Achtziger hinübergeweht sein.
       
       Das Exzesshafte, das Raimi hier mit seinen seit fast vier Jahrzehnten mit
       ihm segelnden kongenialen Mitstreitern Bill Pope (Kamera) und Bob Murawski
       (Schnitt), wenn auch nur in Momenten und kurzen Sequenzen entfaltet, fällt
       in einer schwarzhumorigen Komödie stilistisch schon sehr auf.
       
       Aber es fällt nicht aus dem Rahmen. Neben der Lust am Rumsauen mit Blut und
       Extremitäten hat Raimi ein äußerst grimmiges Menschenbild aus seinen
       Karriereanfängen mit hinübergenommen. Der sardonische Humor befeuert die
       ekligen Bilder und umgekehrt. Raimi nimmt seine Figuren, wie sie sind, und
       zeigt sie in ihrer Unterwerfungskompetenz, Eitelkeit und Karriere- oder
       schlicht Geldgeilheit.
       
       ## Vergiftetes Happy End
       
       Der heldenhafte Mythos vom gesellschaftlichen Aufstieg aus eigener Kraft
       wird mitsamt den Figuren, die ihm in Raimis Geschichten folgen, zerstört.
       Wer in Filmen wie „A Simple Plan“, „Drag Me to Hell“ und jetzt eben „Send
       Help“ versucht, mehr aus sich zu machen und ans ganz große Geld zu kommen,
       wird in Kotze und/oder Blut getaucht.
       
       „Send Help“ macht von der ersten bis zur letzten Minute Spaß und kippt
       nicht ins Misanthropische. Einfach, weil seine doch radikale Negativität
       eine ausgesprochen heitere ist. Sam Raimi fungiert als Regisseur immer
       dann, wenn man ihn lässt, wie Walter Benjamins destruktiver Charakter, nur
       eben als komischer Autor. Und der kennt, so Benjamin, nur eine Parole:
       „Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen.“
       
       An die Stelle des Mythos tritt auch am Ende von „Send Help“ nichts
       Positives, sondern ein Happy End, das vergiftet ist, insofern, als man die
       Figur, die endlich das bekommt, was sie immer haben wollte, zu diesem
       Zeitpunkt schon gar nicht mehr mag. „Sein Bedürfnis nach frischer Luft und
       freiem Raum ist stärker als jeder Hass“, schreibt Benjamin. Man kommt aus
       den schwarzhumorigen Filmen Raimis bei all ihrer Destruktivität immer
       irgendwie erleichtert raus und kann erst einmal durchatmen.
       
       29 Jan 2026
       
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