# taz.de -- Chef aus Minneapolis abgezogen: Ein bisschen weniger ICE
> Der ICE-Kommandant Greg Bovino ist aus Minneapolis abgezogen worden. Die
> Einwanderungsbehörde soll weiter agieren, aber weniger auffällig.
(IMG) Bild: Land of the Free? Proteste gegen ICE in Seattle
Donald Trump ist ein Mensch, der stark von seiner Fremdwahrnehmung bestimmt
ist, manche behaupten, er habe überhaupt kein inneres Selbstgefühl. Und so
kam es nur mäßig überraschend, dass er am Montag seine harte Linie bei der
Besetzung von Minneapolis durch die Einwanderungspolizei ICE korrigierte.
[1][Nachdem selbst republikanische Politiker] in Washington eine
unabhängige Untersuchung der [2][Erschießung des Krankenpflegers Alex
Pretti] forderten und die nationale Empörung ein Crescendo erreicht hatte,
lenkte Trump ein. Der martialisch auftretende ICE-Kommandant Greg Bovino
wurde aus Minneapolis abgezogen. Zugleich führte Trump offenbar
versöhnliche Gespräche mit dem Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey,
und mit Gouverneur Tim Walz.
Bovino wurde durch Trumps „Grenz-Zar“ Tom Homan ersetzt, der bereits unter
US-Präsident Barack Obama ICE geleitet hatte. Homan gilt zwar auch als
Hardliner. Doch gleichzeitig wird ihm ein weniger grobes, gezielteres
Vorgehen nachgesagt. Die Bilder von ICE-Truppen, die mit äußerster
Brutalität gegen Demonstranten und vermeintlich illegale Einwanderer
vorgehen, sollen offenbar verschwinden.
Unter der Bevölkerung von Minneapolis verbreitete sich zumindest ein
kleines Aufatmen. „Ich höre leise Geigen spielen“, postete eine Bürgerin in
einer Facebook-Gruppe, deren Mitglieder Nachrichten über die Präsenz von
ICE in Minneapolis austauschen. Doch sie wurde gleich daran erinnert, dass
ICE noch immer in der Stadt sei und dass Einwohner, die ICE möglicherweise
im Visier hat, weiterhin vorsichtig sein sollten.
Selbst wenn sich ICE aus Minneapolis zurückziehen sollte, ist kaum zu
erwarten, dass die rabiate Großaktion der Trump-Regierung gegen
undokumentierte Einwanderer aufhört. ICE hatte sich auch nach massiven
Angriffen auf Los Angeles und Chicago taktisch zurückgezogen. Und nun wird
bereits gemeldet, dass die Truppe die Staaten Maine und Massachusetts ins
Visier nimmt.
## Wahlkampfversprechen: Abschiebungen
Trump hat vor, sein Wahlkampfversprechen wahrzumachen, mit aller Härte
gegen die rund 14 Millionen undokumentierten Einwanderer in den USA
vorzugehen. Seine [3][„Big Beautiful Bill“], die im vergangenen Sommer
verabschiedet wurde, beinhaltete 170 Milliarden Dollar für die Erweiterung
von ICE. Bis zum Jahresende wurden insgesamt 12.000 neue sogenannte
„Agenten“ eingestellt, eine Vergrößerung der Behörde um 120 Prozent.
Die rasche Erweiterung der Truppe gelang nicht zuletzt durch extreme
Anreize. Jeder neue ICE-Mitarbeiter bekam einen „Einstellungs-Bonus“ von
50.000 Dollar. Die Ausbildungszeit wurde von 5 Monaten auf 42 Tage
verkürzt. Laut Experten eine völlig unzureichende Trainingszeit.
Altgediente ICE-Beamte sagten gegenüber dem Magazin Atlantic, dass eine
Vielzahl der Rekruten in normalen Zeiten niemals die Ausbildung überstanden
hätten.
Ob die vergrößerte Truppe im Jahr 2026 die Vorgaben des Präsidentenberaters
Stephen Miller von einer Million Abschiebungen erreicht, bleibt indes
abzuwarten. Und auch das Ziel Trumps, durch die sichtbare Härte seine Basis
zu beeindrucken, scheint nicht aufzugehen. Trumps Beliebtheitswerte sind
seit der Eskalation durch ICE in Los Angeles, [4][Chicago] und Minnesota
auf einem neuen Tiefstand. 61 Prozent der Amerikaner finden das Vorgehen
von ICE übertrieben.
## Hat Obama einfach nur diskreter abgeschoben?
Apologeten der Abschiebepolitik Trumps behaupten derweil, dass das, was er
mache, sich auch nicht maßgeblich von dem unterscheide, was schon Barack
Obama getan habe. Obama sei der Rekord-Abschieber gewesen, mehr als drei
Millionen undokumentierte Einwanderer wurden zwischen 2008 und 2016 des
Landes verwiesen worden. Trump hat es in seinem ersten Amtsjahr auf gerade
einmal 605.000 gebracht.
Der Unterschied, so geht das Argument weiter, sei lediglich die Optik. Die
ICE-Truppe, die gemeinsam mit dem übergeordneten Department of Homeland
Security (DHS) unmittelbar nach dem 11. September 2001 gegründet wurde,
habe unter Obama lediglich diskreter agiert.
Ganz von der Hand zu weisen ist dieses Argument nicht. Die juristische Lage
der 14 Millionen Menschen, die ohne Papiere in den USA leben, hat sich seit
Obama nicht deutlich gebessert. Das letzte Mal, dass in den USA das
Einwandererrecht grundlegend reformiert wurde, war 1986. Seither sind die
Zahlen der Einwanderer dramatisch angestiegen. Ihre Rolle in der
amerikanischen Wirtschaft und Gesellschaft hat sich verändert, und die Lage
an der Grenze ist weitaus komplizierter geworden.
## Seit 30 Jahren kein neues Einwanderungsgesetz
Doch alle Versuche, das Recht den neuen Gegebenheiten anzupassen, sind
daran gescheitert, dass die Parteien im Kongress sich seit 30 Jahren nicht
auf ein neues Einwanderungsgesetz einigen können. Doch auch wenn die Lage
der undokumentierten Einwanderer in den USA nicht klarer geworden ist, gibt
es grundlegende Unterschiede in der Art und Weise, wie Obama und Trump
damit umgehen.
Obama wollte demonstrieren, dass er das bestehende Einwanderungsrecht
durchaus ernst nimmt, nicht zuletzt, um sich im Kongress Unterstützung für
sein neues Einwanderungsgesetz zu sichern. Doch Obama ging nach klaren
Regeln und Prioritäten vor. ICE prüfte die abzuschiebenden Einwanderer
gründlich. Man versuchte gut integrierte, arbeitende Menschen zu schonen
und Familien nicht auseinanderzureißen. Gefährdet waren vor allem
alleinstehende Neuankömmlinge.
Doch Obamas Kalkül ging nicht auf, er konnte seinen Gesetzesentwurf nicht
durch den zerstrittenen Kongress bringen. Trump hingegen verhinderte noch
vor seinem Amtsantritt, dass ein neues Gesetz verabschiedet werden kann,
indem er Abgeordnete seiner Partei unter Druck setzte. Offenkundig wollte
er die Einwanderungskrise erben, die Biden hinterlassen hatte, um hart
durchgreifen und sich als Retter Amerikas vor der Fremdenflut positionieren
zu können.
Der politische Triumph für Trump steht nun zumindest infrage. Das Auftreten
von ICE wird von einem wachsenden Teil der Bevölkerung abgelehnt. Ein
anderes, weniger offen erklärtes Ziel der Trump-Regierung ist derweil schon
erreicht. Teil des 170-Milliarden-Budgets für Trumps Abschiebemaßnahmen
waren 45 Milliarden Dollar für ein Netz an neuen Abschiebelagern. Die Lager
werden von privaten Firmen betrieben, insbesondere Core Civic und GEO
Group. Die Geschäftsführer beider Firmen freuten sich bereits im zweiten
Halbjahr 2025 über „noch nie da gewesene Gewinne“. Und das war erst der
Anfang.
27 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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