# taz.de -- Volksverhetzung in Flensburg: Ein Schaufenster für Judenhass
       
       > Das Amtsgericht Flensburg verurteilt einen Ladeninhaber. Der hatte per
       > Aushang Juden ein Hausverbot erteilt. Das sei kein Antisemitismus, so der
       > Täter.
       
 (IMG) Bild: Ganz wie vor 90 Jahren: Ein solches Schild im Schaufenster verbietet allen Menschen guten Willens den Zutritt
       
       „Juden haben hier Hausverbot – das ist nichts Persönliches und kein
       Antisemitismus, ich kann euch nur nicht ausstehen“: Diese Botschaft hing im
       September 2025 im Schaufenster eines Ladens in Flensburg. Jetzt verurteilte
       das Amtsgericht den Ladeninhaber und Schreiber des Zettels wegen
       Volksverhetzung zu sechs Monaten Haft, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.
       Zusätzlich muss der 60-Jährige 1.200 Euro an die KZ-Gedenkstätte im Ort
       Ladelund zahlen.
       
       Der Fall hatte weltweit für Aufsehen gesorgt – Medien nicht nur aus ganz
       Deutschland, sondern auch aus dem Ausland berichteten. Ein halbes Dutzend
       Strafanzeigen ging ein, darunter von einem Abgeordneten des israelischen
       Parlaments. In Fürth [1][gab es wenig später einen ähnlichen Vorfall].
       
       Zur Verhandlung in Flensburg kam der Angeklagte, Hans-Velten R., ganz in
       Schwarz gekleidet und mit einer Wollmütze auf dem Kopf an der Seite seines
       Anwalts Jan Schmollich in den Gerichtssaal. R. ist gebürtiger Wormser, lebt
       aber seit vielen Jahren in Flensburg, wo er einen Laden für Metal- und
       Gothic-Artikel betreibt. Inzwischen sei das Geschäft geschlossen,
       berichtete der Anwalt, auch wegen des „Sturms“, der über R. hereingebrochen
       sei. Mit solchen Folgen habe der nicht gerechnet.
       
       Das klang auch in einem Film der örtlichen Zeitung Flensborg Avis an, den
       das Gericht als Beweismittel einspielte. „Ein falsches Wort, und ruckzuck
       ist man Nazi“, beschwerte sich der graubärtige Ladenbesitzer vor der
       Kamera. Er habe gar nicht alle Juden gemeint, das sei „Bullshit: Wer sich
       vom Gaza-Krieg distanziert, kriegt hier sogar ein Käffchen“.
       
       Auf die Anmerkung des Journalisten, das habe aber nicht auf dem Schild
       gestanden, fragte R. zurück: „Soll ich etwa eine Doktorarbeit schreiben?“
       Nein, er bereue nichts, sagte er auf weitere Nachfragen. „Das ist meine
       Meinung, und ich denke, die ist okay.“
       
       ## Keine Reue gezeigt
       
       Ähnlich hatte R. sich geäußert, als im September 2025 eine Polizeistreife
       vor seinem Laden stand und ihn aufforderte, das Plakat mit dem Hausverbot
       abzunehmen. Mehrfach habe R. gesagt: „Das ist mein Laden, das ist meine
       Meinung“, also dürfe er das Schild aufhängen, berichtete die Polizistin,
       die damals vor Ort war. R. habe dann zwar das Schild abgenommen, es aber
       „recht provokant“ im Laden aufgehängt.
       
       „Reue konnte ich nicht feststellen“, sagte auch ein Kripo-Beamter der
       Abteilung für Staatsschutz, der R. einige Tage später vernommen hatte. R.
       habe nur bedauert, dass er nicht zwischen Jüd:innen und Jud:en, die den
       Krieg befürworten und solchen, die ihn ablehnten, unterschieden habe. Auf
       Nachfrage der Richterin Dalma Schenke, ob R. generell über
       Kriegsgegner:innen und Befürworter:innen gesprochen habe,
       verneinte der Beamte. Es sei um Menschen jüdischen Glaubens gegangen.
       
       Und, so steht es im Protokoll der Vernehmung: R. habe noch „keinen Juden
       getroffen, der gegen den Krieg“ sei. Insgesamt habe der Mann einen
       „frustrierten Eindruck“ gemacht, er sei wütend und generell „mit der
       Politik nicht einverstanden“ gewesen, so der Kripo-Beamte. Er habe sich
       aber auch Sorgen um R. gemacht, der nach der Tat Drohanrufe erhielt.
       
       ## Tatbestände der Volksverhetzung erfüllt
       
       Vor Gericht äußerte R. sich nicht. Sein Anwalt verlas eine Erklärung, laut
       der R. die Tat bedauere. Zudem litte er unter einer psychischen Erkrankung
       mit gestörter Impulskontrolle.
       
       Ob diese Krankheit für die Tat eine Rolle spielte, sei unklar, sagte
       Richterin Schenke in ihrem Urteil. Der Zettel sei aber nicht aus einem
       Impuls heraus entstanden. Die Botschaft mit dem Wort „Juden“ in
       Großbuchstaben erinnere an die Boykottaufrufe „Kauft nicht beim Juden“ der
       NS-Zeit. Das Hausverbot impliziere, dass Menschen jüdischen Glaubens es
       nicht wert seien, einzukaufen und Teil der Gemeinschaft zu sein.
       
       Dem Angeklagten sei es [2][nicht allgemein um die Einstellung zum
       Gaza-Krieg gegangen], sondern um den jüdischen Glauben. Die
       Meinungsfreiheit, auf die er sich berufe, sei zwar ein Grundrecht, aber sie
       erlebe Schranken, wo die Rechte und die Würde anderer verletzt werde. „Er
       wusste, was er schreibt“, sagte Schenke. Es seien die Tatbestände der
       Volksverhetzung und der Aufstachelung zum Hass erfüllt.
       
       Der Angeklagte saß beim Verlesen des Schuldspruches weit in seinem Stuhl
       zurückgelehnt, teilweise blähte er die Wangen auf oder rollte Papiere
       zusammen. Auch nach Ende der Verhandlung äußerte er sich nicht.
       
       „Wenn er sich bei uns entschuldigen würde, würden wir das anhören, aber
       richtig glauben würden wir es nicht“, [3][sagte Gershom Jessen von der
       Jüdischen Gemeinde Flensburg], der im Gerichtssaal dabei war. Für ihn sei
       wichtig, dass es ein Urteil in dem Fall gegeben habe. Er freute sich aber
       über den Rückhalt aus der Flensburger Politik und Zivilgesellschaft: „Das
       läuft hier wirklich anders als anderswo.“
       
       Vor dem Gericht hatten sich Mitglieder des lokalen Bündnisses gegen
       Antisemitismus postiert, die mit Plakaten auf die zunehmende
       Judenfeindlichkeit hinwiesen. „Wir sehen, dass [4][gerade der
       Israel-bezogene Antisemitismus wächst]“, sagte Sprecherin Keren Stopka.
       „Dieser Fall ist ein Paradebeispiel dafür.“
       
       1 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Antisemitismusvorwuerfe-in-Fuerth/!6116053
 (DIR) [2] https://www.facebook.com/Kuehlhaus.eV/photos/das-b%C3%BCndnis-gegen-antisemitismus-flensburg-und-der-verein-solidarit%C3%A4tspartnersch/1825742888447054/
 (DIR) [3] https://www.jg-sh.de/seite/650177
 (DIR) [4] /Judenhass-in-Schleswig-Holstein/!6182606
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Esther Geißlinger
       
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