# taz.de -- Blutzucker-Trend: Warum ich den „drink of tomorrow“ heute lieber stehen lasse
       
       > Der Trend, dauernd auf den Blutzucker zu achten, ist im
       > Drogeriemarkt-Kühlregal angekommen. Kann das mehr als ein Schluck Essig?
       
 (IMG) Bild: Blutzucker messen, nicht mehr nur etwas für Diabetiker*innen
       
       Neulich stand ich mal wieder sehr dick angezogen in einem gut beheizten
       Drogeriemarkt und bekam Durst. Im Getränkekühlschrank waren [1][Eistee],
       Limo, Wasser. Kokoswasser! Aber auf einer anderen Dose las ich
       „ballaststoffreich“, „zuckerfrei“, „the drink of tomorrow“ – und fühlte
       mich abenteuerlustig genug, dieses Getränk schon heute zu probieren.
       
       Über die Dose kurvte ein bunter Schlauch, wie [2][unser Darm durch den
       Bauchraum]. Erfrischungsgetränk mit Apfelessig stand auf der Rückseite. Es
       musste irgendwann so kommen: Softdrinks gegen Blutzuckerspitzen. Denn
       Apfelessig soll den Blutzuckerspiegel stabilisieren und Heißhungerattacken
       eindämmen.
       
       Den Trend, auf seinen Blutzucker zu achten, ihn möglichst stabil zu halten
       und für keine Glucoseachterbahn zu sorgen, hat meine Mitbewohnerin schon
       vor ein paar Jahren erwischt. Morgens trank sie ein Glas Wasser mit zwei
       Löffeln Apfelessig. Immer mit Strohhalm, sonst greift die Säure den
       Zahnschmelz an.
       
       Ich schaute ihr zu und sippte provokant an meinem extragroßen Kaffee mit
       Hafermilch. Es war auch die Zeit, in der sie versuchte, sich mit
       Erbsenmilch anzufreunden. Hafer hat viel Zucker und wird deshalb unter
       Blutzuckergurus verschmäht.
       
       Den Blutzuckertrend losgetreten hat vor allem die französische Influencerin
       und Biochemikerin Jessie Inchauspé. Sie sagt, zu viele Blutzuckerspitzen
       sorgten für Entzündungen und so langfristig für chronische Krankheiten.
       Immer häufiger sieht man Menschen mit Zuckersensoren am Oberarm, die
       ursprünglich [3][für Diabetiker:innen] entwickelt wurden.
       
       Inchauspé nennt sich Glucose Goddess. Ihre Tipps für einen stabilen
       Blutzucker: Morgens auf keinen Fall Süßes essen, sonst habe man den Rest
       des Tages Bock auf noch mehr Zucker. Bei Mahlzeiten gilt die Reihenfolge:
       erst Gemüse, dann Proteine, danach die Kohlehydrate. Den Nachtisch soll man
       direkt im Anschluss essen, statt eines Kuchens am Nachmittag. So wird der
       Zucker langsamer ins Blut abgegeben, weil der Magen durch die Ballaststoffe
       beschäftigt ist. Diese Abfolge halte das Glucosehoch möglichst klein.
       
       ## Wissenschaftlich nicht haltbar
       
       Das Ding ist aber, dass die von Inchauspé zitierten Studien auf
       Tierversuchen basieren oder mit Diabetiker:innen durchgeführt wurden.
       Für Diabetiker:innen sind hohe Blutzuckerwerte ein Risiko. Dass
       Blutzuckerspitzen für gesunde Menschen ungesund sind, ist nicht bewiesen.
       Außerdem reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf Mahlzeiten. Ein Stück
       Käsekuchen kann bei meiner Mitbewohnerin eine kleine Kurve zeichnen, aber
       auf meiner Blutzuckerkurve für einen steilen Gipfel sorgen.
       
       Aber ich wollte ja eigentlich dieses Getränk probieren. Beim Öffnen zischt
       die Dose genauso verheißungsvoll wie eine Cola bei 32 Grad im Schatten. Ich
       nehme einen großen Schluck. Das Problem rieche ich schon, bevor ich es
       schmecke: Essig. Ich denke ans Badputzen, an Kalkränder, die ich vergeblich
       einweiche. Dann zieht sich mein Mund zusammen. Das Getränk ist unangenehm
       sauer und einen Strohhalm habe ich auch nicht dabei. Ich nippe noch ein
       paar Mal, bevor ich die Dose auf einem Stromkasten zurücklasse. Der
       Essiggeruch haftet noch eine Weile in meiner Nase.
       
       Mir fällt der Film „Remember Me“ mit Robert Pattinson und Emilie de Ravin
       ein. Da bestellt sie im Restaurant wie immer den Nachtisch vor dem
       Hauptgericht. Falls sie beim Essen unerwartet stirbt, möchte sie wenigstens
       noch das Dessert gegessen haben. Weil, das Leben ist kurz.
       
       10 Feb 2026
       
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